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Neue Serie „Togetherness“ : Am schönsten verzweifelt es sich daheim

Bild: Sky

Die Familie treibt uns alle in den Wahnsinn. Die Brüder Duplass wissen das. Und machen in ihrer durchgedrehten Serie „Togetherness“ das Beste daraus: verzweifelt witzige Fernsehunterhaltung.

          3 Min.

          Wenn die Brüder Mark und Jay Duplass eines schon immer wussten, dann wohl dieses: Wahre Dramen findet im Allerbanalsten statt. Nicht dort, wo Ausnahmeexistenzen mit elitären Ichfindungsfragen ringen oder Ausnahmekatastrophen Helden noch aus dem dürftigsten Stoff schmieden. Sondern zum Beispiel im täglichen Klein-Klein nicht ganz wahrgewordener Hollywood-Träume. An Orten, wo Los Angeles nicht glitzert und glamourt, und wo sich auch die beiden Independent-Produzenten, die vor zehn Jahren als Jungtalente mit einem Roadmovie für Netflix („The Fluffy Chair“), in dem ihre halbe Familie improvisierend vor der Kamera stand, durchgestartet waren, kurz vor ihren vierzigsten Geburtstagen wiederfanden.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          An der Schwelle zwischen gefühlter Restjugendlichkeit und der Gewissheit, tatsächlich mittelalt, wahlweise gesetzt oder gefestigt, auf jeden Fall aber nicht mehr besonders gut in Form zu sein, gebe es eigentlich nur zwei Sorten von Menschen, sagen die Brüder: diejenigen, die es sich vordergründig wohlig in ihren Karrieren und Familien eingerichtet haben, aber zwischen Windeleimern, Haushaltsfrust und Ärger mit dem Boss an ihren Beziehungen laborierten. Und diejenigen, die unbelastet von alldem in den Tag hineinlebten, aber ob ihrer Freiheit von fordernden Jobs und Beziehungen ihr Leben ebenfalls als erbärmliche Veranstaltung empfänden.

          Das unerwartete Erwartbare

          Das klingt erst einmal reichlich abgeschmackt. Dass die allseits bekannten, im Detail natürlich doch nie zutreffenden Beobachtungen aus dem Leben weißer Mittelschichts-Amerikaner von den Duplass-Brüdern auch noch zu einer Serie ausgewalzt wurden, in der sie mit ihrem alten Freund Steve Zissis als Drittem im Bunde nicht nur als ausführende Produzenten und Drehbuchautoren auftreten, sondern Zissis und Mark Duplass auch vor der Kamera agieren, hätte auf übelste Selbsterfahrungs-Comedy hinauslaufen können. Denn was gibt es schon Neues von den banalen Luxusproblemen, die heterosexuelle Durchschnittspaare mit peripheren Filmbusiness-Kontakten plagen, zu erzählen?

          Tina Pierson (Amanda Peet, l.) und  Alex Pappas (Steve Zissis) wollen sich gegenseitig unterstützen.
          Tina Pierson (Amanda Peet, l.) und Alex Pappas (Steve Zissis) wollen sich gegenseitig unterstützen. : Bild: Sky

          Nichts, wirklich gar nichts, und genau das ist der Dreh an der HBO-Serie „Togetherness“. In ihren besten Momenten führt sie vor, wie unerwartet das Erwartbare wirken kann, wenn es unbarmherzig komisch und ungeschminkt daherkommen darf. Der wabbelige nackte Bauch einer Frau, der ihr Dasein sprichwörtlich übel aufstößt, ist in einer amerikanischen Serie ein echter Schocker. In der Katastrophe endende eheliche Handschellen-Spiele sind es wohl nur, wenn sie mit so viel Sinn für Peinlichkeit und Gewohnheitsgehemmtheit inszeniert und gespielt sind wie hier. Das Liebesleben der Charaktere von „Togetherness“ mag in seiner ganzen unästhetischen Verquastheit an Lena Dunhams „Girls“ erinnern, aber die Figuren leben auf einem ganz anderen Planeten. Alles, was sie wollen, ist irgendwie gemeinsam das Leben meistern, ohne ideologischen Überbau. Außer vielleicht dem, dass nicht die Stärken die Charaktere befähigen, einander zu helfen, sondern ihre Schwächen.

          Zwischen Comedy und Drama

          Als Versager fühlen sich die vier Hauptfiguren von „Togetherness“, die halb gewollt, halb ungewollt ihr titelgebendes Zusammensein gestalten, allesamt. Alex (Steve Zissis), der gescheiterte Schauspieler, trägt zu viel Pfunde auf den Rippen und kaum noch Haare auf dem Kopf, er will nur noch heim zu Mama nach Detroit, als er mangels Zahlungsfähigkeit aus seinem Apartment fliegt. „All diese verdammten dünnen L.A.-Typen glotzen mich an wie einen verdammten fetten Wal“, jammert er, wobei im Original die Dialoge vor F-Worten nur so wimmeln. Sein Freund Brett (Mark Duplass) gewährt ihm Unterschlupf, weil er sich moralische Unterstützung im Zusammenleben mit seiner Frau Michelle (Melanie Lynskey), die sich ganz dem Haushalt und den zwei kleinen Töchtern widmet, verspricht. Doch dann stößt noch Tina (Amanda Peet) zur Familien-WG, Michelles Schwester und verzweifelte Single-Frau. In Alex entdeckt sie nicht die große Liebe, sondern ein Rettungsprojekt, das sie auf Erfolg trimmen kann. Wobei natürlich die Frage ist, wer hier eigentlich wen rettet.

          Das Strategie, die Oberfläche von vier Spießerleben mit Einblicken in ihr Intimleben oder peinlichen Momenten – Stichwort Toilettenpapierdiskussionen – auf offener Bühne aufzubrechen, funktioniert nicht immer. Aber sie funktioniert oft, und das nur, weil die Schauspieler – allen voran Melanie Lynskey als Muttertier auf der Suche nach dem Überraschenden, das sich aus ihrer Ehe längst verabschiedet hat – den Dialogen zerknautschte Wahrhaftigkeit geben, selbst wenn die Texte auf Pointen gezwungen sind. So changiert „Togetherness“ zwischen Comedy und Drama, jede der acht Folgen auf halbstündiges Sitcom-Format konzentriert, jede inklusive einer Wir-rasten-alle-aus-Einlage. Grund dafür gibt es genug. Die Kinder wollen an den Strand, Alex will auf den roten Teppich, Tina will den smarten Regisseur, Michelle will raus, und Brett fängt als Toningenieur Vogelstimmen ein. Was einen geradezu magischen Moment in den Trubel pflanzt. Wer hätte das gedacht.

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