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Die Pro-Sieben-Serie „Younger“ : Mit der Weisheit der besten Jahre

  • -Aktualisiert am

Liza (Sutton Foster, rechts) will jünger aussehen – nur so bekomme sie wieder einen vernünftigen Job. Ihre Freundin Maggie (Debi Mazar) legt Hand an. Bild: Pro Sieben

Vierzig ist das neue Sechsundzwanzig: Die Pro-Sieben-Serie „Younger“ mit dem Broadway-Musicalstar Sutton Foster handelt von der radikalen Verjüngungskur einer Frau.

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          Bevor der Börsenverein des Deutschen Buchhandels vor kurzem eine Studie veröffentlichte, nach der Leser mit neuartigen PR-Events für das gedruckte Wort interessiert werden müssten, und ein etwas seltsames Maßnahmenbündel präsentierte, hätten seine Mitglieder besser mal einige Folgen der Comedy-Serie „Younger“ geschaut. „Younger“, beim amerikanischen Kabelsender „TV Land“ seit 2015 erfolgreich auf Sendung – die sechste Staffel ist bestellt – und hierzulande im Bezahlfernsehen bislang bei „TNT Comedy“ ausgestrahlt, spielt in der New Yorker Verlagswelt von heute und wird von Pro Sieben, das nun die Ausstrahlung im Free TV übernimmt, als das neue „Sex and the City“ angepriesen. Das liegt nahe, weil Darren Starr, Autor, Regisseur und Produzent von „Younger“, auch für die Serie um Carrie Bradshaw und ihre Freundinnen verantwortlich zeichnete. Genauso wie für „Beverly Hills, 90210“, „Melrose Place“ und „Central Park West“. Somit dürfte auch die neue Schöpfung Publikumsrennerpotential haben.

          Pro Sieben sollte allerdings seine Programmgestaltung überdenken. Nur zwei der Zwanzigminüter hintereinander zu senden wird den Sehgewohnheiten des Zielpublikums kaum gerecht. Fans preisen „Younger“, das mit durchaus intelligenten Schein-gegen-Sein-Punchlines punkten kann, schwärmerisch als „bingebar“. Ein Wort als Generationenfrage. Und somit ein Zentralthema der Serie.

          Diana Trout: die Verlagsmarketingchefin aus der Hölle

          Denn um Bücher geht es in „Younger“ zwar nur am Rande, um die Abgrenzungserfindungen der Altersgruppen und die Erzeugung von Lese-Hype im Resonanzraum des Netzes dafür umso mehr. Diana Trout (Miriam Shor), die Verlagsmarketingchefin aus der Hölle, eine Doppelgängerin von Miranda Priestly aus „Der Teufel trägt Prada“, könnte genauso gut Hundefutter verkaufen. Das Buch ist für sie ein E-Book und auch als solches fürchterlich altbacken. Ihre neue Assistentin, die Mittzwanzigerin Liza Miller (Broadway-Musicalstar Sutton Foster) stellt sie ein, weil Sprungbrett-Sklavinnen-Jobs nur Uniabsolventinnen auf der untersten Karrierestufe zuzumuten sind. Lizas erste Aufgabe: Jane Austen werden und Facebook, match.com und Christian Mingle mit Höhepunkten ihres Lebens versorgen. Und alle paar Stunden twittern, etwa: „Oh mein Gott! Mr. Darcy hat mir eine Radierung seiner Männlichkeit geschickt. Soll ich antworten?“. #RealJaneAusten kann die Follower bald kaum noch zählen.

          Da trifft es sich gut, dass die eigentliche Liza Miller auch, im Gegensatz zur Dichterin allerdings gerade erst, gestorben ist. Die alte Liza war Anfang vierzig, lebte in einem Vorort im „Garden State“ New Jersey ein Hausfrauenleben, wurde von ihrem Mann verlassen, der mit einem „Black Jack“-Ass nach Atlantic City durchgebrannt ist und sie mit Tochter Caitlin (Tessa Albertson), die ein Sozialprojekt in Indien durchbarmt, sowie einer Menge Schulden sitzengelassen hat.

          „Sie glauben, dass Kokosmilch ihren Arsch schrumpfen lässt“

          Nach fünfzehn Jahren Familienzeit oder „Nichtstun“, wie die jungen Frauen urteilen, die ihr bei Vorstellungsgesprächen gelangweilt gegenübersitzen, erfindet sich die quirlige Liza notgedrungen als Berufseinsteigerin neu, zieht unter die Brücke auf die andere Nicht-Manhattan-Seite zu ihrer lesbischen Freundin Maggie (Debi Mazar) („Die Leute glauben, was sie hören. Sie glauben, dass ,Real Housewives‘ echt ist. Sie glauben, dass Kokosmilch ihren Arsch schrumpfen lässt. Sie glauben dir auch die 26“) und lernt alles über Krav Maga, Pinterest, Bang with friends („besser als Tinder“), nennt den Laden des Tätowierkünstlers und „Hotties“ Josh (Nico Tortorella) „Salon“ statt „Body Art Lounge“ („Du bist nicht von hier?“) und droht nach mühelosem Hip-Umstyling erst in der Umkleidekabine des Gyms aufzufliegen („anscheinend sieht da unten keiner um die dreißig älter aus als zwölf“).

          Manche Dinge aber ändern sich nur schwerlich. Als Lizas neue Freundin, die Lektorin Kelsey Peters (Disneyliebling Hilary Duff) von ihrem Finanzbranchenfreund in der Bar widerspruchslos herumkommandiert wird, nimmt sich die Ältere die Jüngere zur Brust. Deren emanzipatorisches Credo („Taylor Swift sagt: Es gibt in der Hölle einen besonderen Platz für Frauen, die anderen Frauen nicht helfen“) muss seine Belastbarkeit noch zeigen.

          Ausgangslage und Figurenzahl sind überschaubar; das Thema Selbstoptimierung bis zum Exzess wird in komischer, hier und da auch ernsterer Weise bespielt; Gewinne und Verluste erzwungener Jugendlichkeit werden teils unterhaltsam oberflächlich aufgerechnet, teilweise aufgespießt: Für „Younger“ spricht einiges. Im Original sind die Dialoge, wie es schon bei „Sex and the City“ der Fall war, zugespitzter als in der Übertragung, aber die Verluste sind nicht kriegsentscheidend. Die talentierte Sutton Foster, auch das branchenuntypisch und bemerkenswert, ist in der Tat jenseits der vierzig. Was man ihr selbstredend nicht ansieht. Gesichtsfalten hier und da wären dann doch eine Spur zu originell.

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