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Krimiserie „Motive“ bei Vox : Naseweis und Partner

  • -Aktualisiert am

Frau im Spiegel: Kristin Lehman spielt in „Motive“ eine Polizistin auf Motivsuche. Bild: Vox

Die neue Krimiserie „Motive“ bei Vox turbopsychologisiert sich durch die Täterseelen. Vor lauter Verliebtheit in extravagantes Erzählen hat sie eine Kleinigkeit komplett vergessen.

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          Einen Krimi als „Whydunnit“ anzulegen, also den Täter in den ersten Minuten preiszugeben, ist vielleicht nicht die allerpfiffigste Idee, aber auch noch kein Grund für lähmende Langeweile. Die kanadischen Serie „Motive“ aus der Feder des „Dexter“- und „The Mentalist“-Schöpfers Daniel Cerone könnte also ein heiteres Motiveraten vom heimischen Feldherrenhügelsofa sein - wäre das Geschehen nur psychologisch präzise und dramaturgisch entspannt. Weil „Motive“ aber hektisch Früher-später-Szenen ineinanderschneidet, hetzt der Plot der Aufdeckung des Mordmotivs entgegen, das notgedrungen überraschen muss, weil sonst ja alles längst bekannt ist.

          Die „Detectives“ Angie Flynn (Kristin Lehman, bekannt aus „The Killing“) und Oscar Vega (Louis Ferreira) erfüllen dabei sämtliche Klischees eines B-Klasse-Fernsehermittlerteams. Sie sehen blendend aus und sind ineinander verschossen, was zu unerträglichen Neckereien führt. Noch schlimmer ist nur die andere Hälfte ihrer schlecht aufgesagten Texte: ebendie Ermittlungen selbst, deren Kernpunkte natürlich auf eine Tafel im Kommissariat gekritzelt werden. Die naseweisen Schlussfolgerungen klingen so, als sei das eigentliche Ziel der Serie ein Spottsturm auf Twitter.

          Was ist das? Ist das ein Löwe?

          Da schlaumeiern die beiden Model-Kommissare: „Der Karton hält nicht das Gewicht eines Menschen. Durch das Fenster ist keiner reingekommen.“ Oder sie kommentieren die Mordwaffe, einen Elektroschocker: „Wer damit tötet, ist sehr entschlossen. Der Auslöser muss lange gehalten werden.“ Wir blicken mit ihnen auf das riesige Tattoo eines Löwen und hören: „Was ist das? Ist das ein Löwe? Der König des Dschungels, he?“ Verwunderung löst ein schwarzer Fingerabdruck aus: „Warum hat ein Rohkostler Holzkohle an den Händen? Er grillt doch nicht.“ In Zeiten von Hochklasse-Krimiserien wie „True Detective“ wirkt das wie eine müde Parodie auf die Anfänge des Genres.

          Auch was die weiteren Figuren angeht, bleibt gerade einmal Zeit für Phänotypen. Das Opfer ist ein reicher, gutaussehender Dummschwätzer, seines Zeichens Rohkost-Guru, der auf Seminaren Damenherzen grillt mit Sätzen wie: „Können Sie das fühlen? Das ist Ihr Körper, der ,danke‘ sagt.“ Der Guru sagt zwar bald nichts mehr, aber in den Rückblenden muss man ihn weiter ertragen. Es gibt den geleckten Ex-Geschäftspartner: „Ich war nicht scharf drauf, Sprossensaft zu verkaufen, also bin ich raus“, die tumbe Ehefrau: „Jack war ein guter Ehemann, er hat mich geliebt“, den wachsamen Nachbarn: „Könnten Sie sich vielleicht um die ganzen Falschparker kümmern? Ich habe Fotos von denen gemacht“, und die windige, herumschnüffelnde Freundin der Ehefrau: „Ich möchte Leila so gut helfen, wie ich kann.“ Nach zwei Dritteln der Sendezeit sind die Kommissare endlich da, wo der Zuschauer schon lange ist. Dann wird das (unglaubwürdige) Mordmotiv allmählich erkennbar.

          Es mag ja sein, dass man sich in Nordamerika, wo soeben die dritte Staffel von „Motive“ bestellt wurde, energisch von der „CSI“-Übermacht absetzen muss. Diesmal jedoch hat man aus lauter Verliebtheit in extravagantes Erzählen komplett vergessen, den Figuren eine Persönlichkeit und einen Hintergrund zu verpassen. Gekochtes Essen verliere alle Nährstoffe, gurrt der Guru zu Beginn. Das gilt bei weichgekochten Kurzkrimis nicht minder.

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