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Deutsche Netflix-Serie : Wohin mit all den Drogen?

  • -Aktualisiert am

Ist deutscher Humor international übertragbar? „How to sell drugs online (fast)“ versucht es zumindest. Bild: Netflix

Die Netflix-Serie „How to sell drugs online (fast)“ schafft es, die Geschichte einer deutschen Kleinstadt frisch und frei zu erzählen. Kommt sie auch beim internationalen Publikum an?

          Schmissiger Auftakt: Irgendwo in Deutschland wird ein Mann von SEK-Kräften geschnappt. Er hat mit Rauschgift gehandelt, aber nicht clever. „Wenn man im Internet im großen Stil Drogen verkauft, sollte man eine Sache auf gar keinen Fall machen: wildfremden Menschen davon erzählen.“ So kommentiert ein anderer Dealer die Bilder, ein Bübchen mit Krauskopf (Maximilian Mundt), das sich im Licht eines Fernsehstudios sonnt. Und dreht sich zu uns herüber: „Also, außer natürlich: Netflix ruft an und sagt, sie wollen ’ne Serie über dein Leben machen. Badamm!“ Zum lässigsten Augenzwinkern der Welt hört man das akustische Markenzeichen von Netflix.

          Chapeau! Vorhang auf für „How to sell drugs online (fast)“, eine Serie, die von einer echten Geschichte in Leipzig inspiriert wurde und nach „Dark“ und „Dogs of Berlin“ die dritte deutsche Eigenproduktion von Netflix ist. Das Drehbuch stammt von Philipp Käßbohrer, Stefan Titze und Sebastian Colley, Regie führten Lars Montag und Arne Feldhusen, eine Hauptrolle ist mit Bjarne Mädel besetzt.

          Freundschaft zwischen Nerd mit Liebeskummer und Todkrankem

          Kann da etwas schiefgehen? Absolut, denn der Humor eines internationalen Publikums ist noch schwerer zu treffen als der deutsche, und der Drogenkomödie „How to sell drugs online (fast)“ gehen nach einem großen Ideenfeuerwerk in der rasanten Pilotfolge erst mal Schwarzpulver und Glitzereffekte aus. Das aber nur kurz, und selbst diesen Hänger, der die sechsteilige Serie ausgerechnet in der Folge „Failure is not an option“ ereilt, reißen die jugendlichen Hauptdarsteller Maximilian Mundt in der Rolle des Gymnasiasten Moritz Zimmermann und Danilo Kamperidis als sein Kumpel Lenny Sander heraus.

          „How to sell drugs online (fast)“ erzählt nicht einfach von Nachwuchsgangstern, die über das Darknet einen Drogenhandel aufziehen, und auch nicht nur von den Spuren, die wir im Internet hinterlassen, oder den schrulligen Kommunikationsgewohnheiten der „Generation Z“, die so viele Möglichkeiten zur Selbstinszenierung hat, wie Erzähler Moritz meint, dass sie gar nicht mehr nach Größerem strebt. Vielmehr feiert die Serie als Coming-of-Age-Format die unverbrüchliche Freundschaft zwischen einem Nerd mit Liebeskummer und einem zweiten, der todkrank ist und im Rollstuhl sitzt. Mundt und Kamperidis nimmt man bei jedem Satz und jedem Blick ab, wie eng ihre Figuren miteinander verbunden sind. Wir meinen sie nach wenigen Minuten seit vielen Jahren zu kennen.

          Sie sind Außenseiter. Was sie zusammenschweißt, ist die Leidenschaft fürs Programmieren und für Videospiele. Sie bewundern Steve Jobs, reden manchmal im Karrieresprech wie Schülerunternehmer Christian Lindner 1997 (nur ohne Anzug). Ihre Firma ist ein Webshop, ein selbstgeschriebenes Ebay für Online-Gamer, mit dem sie bei Innovationswettbewerben auftreten – genau das trifft sich fatal gut, als Moritzens Herzensdame Lisa (Lena Klenke) nach einem Auslandsjahr zwar ins Rheinland, aber nicht mehr zu Moritz zurückkehrt.

          „Wir werden noch viel Spaß mit dem Kleinen haben“

          Ob diese Lisa, der helle und von der Zahnspange befreite Wahnsinn, sich wirklich verändert hat, ist nicht klar. Entscheidend ist, dass Lisa sich bei der Rückkehr in die Kleinstadt verändert haben will: Sie wirft Drogen ein, umgarnt den Kleindealer Dan (Damian Hardung), der an der Schule zugleich der Mädchenschwarm ist. Der eifersüchtige Moritz dreht am Rad. Bis er eine Idee hat: Er will Dans Ruf ruinieren, indem er beim örtlichen Großdealer Buba (Bjarne Mädel) den kompletten Vorrat aufkauft.

          Das mit den Pillen gelingt. Der Haken: Zur Begleichung der bei Buba und vor allem bei Kumpel Lenny entstandenen Schulden reichen die Mittel nicht aus. Ausgerechnet der Polizistensohn Moritz, ein Waschlappen, der mitnichten mit Walter White aus „Breaking Bad“ oder „Nancy Botwin“ aus „Weeds“ verwandt sein könnte, entschließt sich zum Weiterverkauf der erhaltenen Drogen – im Darknet, mit Hilfe der Webshop-Software.

          „How to sell drugs online (fast)“ erzählt diese Geschichte aus einer deutschen Kleinstadt frisch und frei, mit echter Zuneigung zu den erfundenen Protagonisten, geschliffenen Dialogen, die selten aufgesetzt wirken, gelegentlichen Slapstick-Einlagen (das Duftspray, das Mama Ulrike Folkerts versprüht) und irren Ideen wie einem Cameo-Auftritt des amerikanischen Schauspielers und Moderators Jonathan Frakes, der unvermutet in der „X-Factor“-Kulisse vor uns steht und das Darknet erklärt.

          Ob das einem internationalen Publikum gefällt, ist schwer zu sagen. Über „How to sell drugs online (fast)“, benannt nach Suchbegriffen bei Google, wird man reden. „Unser Unternehmen ist quasi gerade im Aufbau, aber unsere Wachstumschancen sind ziemlich gut“, sagt Moritz, als er wie verloren auf einem riesigen holländischen Sofa sitzt und Limonade süffelt. Seine neuen Geschäftspartner glauben: „Wir werden noch viel Spaß mit dem Kleinen haben.“

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