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Serie auf Arte : Die zaghafte Rächerin

  • -Aktualisiert am

Für ihre Tochter Rose ist Aurore (Elodie Bochez) zu allem bereit. Bild: Arte/Hassen Brahiti

Diese Schuld ist nicht zu tilgen: Die Arte-Serie „Ein Engel verschwindet“ über ein Mädchen, das früh zur Mörderin wird, knüpft an eine wahre Begebenheit an.

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          „Wenn man Kinder hat, weiß man, dass es nicht einfach ist, gut zu sein. Nicht für die Eltern und nicht für die Kinder“, predigt ein Anwalt (Jérôme Kircher), der gerade versucht, die Gedanken an seinen neusten Fall in der Kneipe zu ertränken. Er sagt das zu einer Polizistin (Hélène Fillières), die herausgefunden hat, wer für den Mord an einem kleinen Jungen verantwortlich ist: Es war Aurore (Mélody Gualteros), ein zehnjähriges Mädchen.

          Vor der Tat durchstreift Aurore tagein, tagaus ihre Heimat in der südfranzösischen Camargue, die Regisseurin Laetitia Masson als Traumlandschaft inszeniert. In ihrem rosa Tüllrock schwebt das Mädchen an blutroten Salzbecken vorbei, im Schwemmland kann sie Flamingos, Stiere und Wildpferde beobachten. Diese Atmosphäre mit ihren langen Blenden und warmen Farbverläufen, von Streichern untermalt, sie bleibt bestehen, auch als sich Aurores Weg mit jedem Schritt, den sie ihrem Zuhause näher kommt, immer mehr verdüstert.

          Geplatzte Tanzträume

          In der kleinen Wohnung in einem heruntergekommenen Wohnkomplex lebt das Mädchen mit seiner Mutter Madeleine (Sigrid Bouaziz). Diese hat im Wohnzimmer ein riesiges Bild von sich selbst als Kind, statt von ihrer Tochter, aufgehängt und vergisst regelmäßig, ihr etwas zu essen zu geben. Der Traum, Tänzerin zu werden, ist geplatzt, nun tanzt Madeleine zu Hause für Männer, die bezahlen. Dass manche ihrer Tochter interessierte Blick zuwerfen, will sie nicht bemerken. Wenn Besuch kommt, heißt es für das Mädchen: raus aus dem Prinzessinnenrock, rein ins Flamencokleid, auch rote Lippen sind gern gesehen.

          Eine Erklärung für Aurores Tat ist das nicht. Aber Laetitia Masson sucht auch nicht nach Gründen. Sie gibt keine psychologischen Rätsel auf, sondern zeichnet in ihrer dreiteiligen Miniserie mit feinen Strichen Figuren in ihrem sozialen Umfeld. Zuerst sehen wir Aurore als Mädchen. Dann, zwanzig Jahre später, nach der Jugendhaft, wie sie als junge Frau (Elodie Bouchez) unter neuem Namen lebt. Sie ist nun selbst alleinerziehende Mutter und hat eine kleine Tochter. Ihre Vergangenheit holt sie jäh wieder ein. Die Schwester des getöteten Jungen (Lolita Chammah) will die Frau, die ihre Familie zerstört hat, endlich zur Rede stellen. Aurore wird mit der Tat konfrontiert, über die sie ihr Leben lang nicht gesprochen hat.

          Die Serie knüpft an eine wahre Begebenheit an, doch einen „Doku-Charakter“ wollte Laetitia Masson ihrem Mehrteiler nicht verleihen: „Ich wollte den Zuschauer nicht als Geisel nehmen mit einem fälschlich realistischen Stil, der bei ihm eine starke und primäre Reaktion ausgelöst, es ihm aber nicht erlaubt hätte, wirklich in die Geschichte hineinzufinden.“ Die Regisseurin erzählt stattdessen ein modernes Märchen, was sich im ersten Teil aus der Kinderperspektive wunderbar einlöst, dann aber programmatisch wirkt.

          „Ich mag erfundene Geschichten lieber“, sagt Aurores Tochter, als ihre Mutter ansetzt, von dem Mord zu erzählen. Auch Isabelle Hupperts Tochter Lolita Chammah spielt die zaghafte Rächerin wie aus einer anderen Welt. So kunstvoll das sein mag, es fehlt an Momenten, die Empathie aufkommen lassen für diese entrückten Erwachsenen, die zu früh ihre Unschuld verloren haben. Und was bleibt, wenn am Ende alle schuldig sind? Kann man noch jemandem vertrauen? Die Antwort, die Laetitia Masson gibt, ist märchenhaft vorhersehbar.

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