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ARD-Serie „Blind ermittelt“ : Wer hat hier den Durchblick?

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Schwermütiger Dandy mit Raubtiergehör: Der Ex-Inspektor Haller (Philipp Hochmair) nimmt die Spur des Bösen auf. Bild: ARD Degeto/Mona Film/Philipp Bro

In „Blind ermittelt“ schickt das Erste einen Mann ohne Augenlicht auf Verbrecherjagd. Das klingt nach ethischer Programmatik, könnte aber eine flotte Krimiserie abgeben.

          Diversität im Polizeifilm – ist das nun moralische Pflicht oder Chance? Ein womöglich letztes Mal lässt sich damit Abwechslung in das allmählich zu Tode gerittene Mord-und-Totschlag-Genre bringen. Weit verbreitet ist der Inklusions-Krimi aber noch nicht. 2016 gab es zwar den Lippenleser-„Tatort“ „Totenstille“, aber taubstumm war damals keineswegs der Kommissar, der sich nur nebenbei ein wenig in Gebärdensprache übte. In der launigen ORF-ZDF-Produktion „Die Toten von Salzburg“ sitzt der Ermittler hingegen selbst im Rollstuhl.

          Es liegt nahe, Alltagsdefizite von Helden durch besondere Talente auszugleichen und ihnen einen nicht ganz so begabten Kompagnon beizugesellen, das ist das Modell „Sherlock“ der BBC. Auch die ebenfalls mit dem ORF realisierte neue Serie „Blind ermittelt“ sieht zwei ungleiche Privatermittler vor: den schwer begüterten, bei einem Sprengstoffanschlag erblindeten ehemaligen Wiener Chef-Inspektor Alexander Haller (Philipp Hochmair) und den Tunichtgut Nikolai Falk, der sich eben noch als Taxifahrer durchschlagen musste (Andreas Guenther). Die Autoren Ralph Werner und Don Schubert haben überdies eine kräftige Prise „Ziemlich beste Freunde“ in den Plot gerührt, denn der lebenslustige Falk hält den depressiven Haller, der bei dem Bombenanschlag auch seine Lebensgefährtin verloren hat und sich dafür die Schuld gibt, vom Suizid vor prächtiger Kulisse ab.

          Zufällig ist genau in diesem Moment Hallers Erzrivale (Stipe Erceg) aus dem Knast ausgebrochen, um Haller die Mitteilung zu machen, dass die Autobombe gar nicht dem Inspektor, sondern seiner Freundin gegolten habe: der Staatsanwältin Kara Hoffmann (Anna Rot). Daraufhin rollen Haller und sein Chauffeur Falk im Alleingang Karas letzten Fall auf, wobei man sich wundern darf, wie offensichtlich die Spuren plötzlich sind. Sie führen, wie so oft, zu russisch sprechenden Mädchenhändlern.

          Arbeiten Hand in Hand: Nikolai (Andreas Guenther, links) und Haller (Philipp Hochmair).

          Was von der Exposition in gesteigerter Weise gilt – ästhetisch überzeugend, aber inhaltlich arg geheimnislos –, ist leider ein Manko der gesamten Auftaktfolge. Eine Handlung nach Degeto-Holzschnitt und allzu grob gezeichnete Figuren sorgen dafür, dass „Blind ermittelt“ sein Potential nicht im Ansatz ausspielt. Unpassend clownesk die Bösewichte daher. Aber auch die zentralen Charaktere haben nicht mehr Tiefgang als in zwei Adjektive passt: edel-leidgeprüft versus draufgängerisch-loyal. Wie zu erwarten war, reihen sich bald die Nahaufnahmen mit hochgedrehter Tonspur: Es quietscht, knistert oder klirrt, während wir auf Hallers tastende Zehen oder gespitzte Ohren starren.

          Er kann zwar nichts sehen, aber die übrigen Sinne des Blinden sind messerscharf, will das aufdringlich sagen. Haller kann durch geschlossene Türen hören und wittern wie ein Wolf: „Riechen Sie das? Schießpulver!“ Der Dialogwitz verharrt auf bemitleidenswertem Niveau: „Sehe ich so aus, als machte ich mir Sorgen?“ – „Das kann ich schwer beurteilen.“ – „Ach Scheiße, klar Mann, du bist ja blind.“ So kommt man an „Sherlock“ sicher nicht heran.

          Regisseur Jano Ben Chaabane, der bislang vor allem Showformate wie „Circus Halligalli“ entwickelt hat und mit der Beichtvater-Krimiserie „Culpa“ jüngst sein Seriendebüt gab, scheint gerade beim Thema Blindheit auf gesteigerte Visualität setzen zu wollen: Große, durchkomponierte Bilder mit Kinoanmutung bestimmen den Eindruck. Die Außenaufnahmen sind von panoramatischer Weite, die Innenperspektiven erinnern mitunter an Gemälde. Aber der elegante Look bleibt weitgehend Selbstzweck: Wir sehen perfekt gekleidete Menschen in Design-Biotopen. Man wohnt etepetete in Wien. Dazu gibt es einen luxuriösen Oldtimer, und selbst die fiesesten Schnauzbart-Verbrecher residieren in einem pompösen Schloss.

          Dass die Handlung schließlich vollends in einen billigen Psychopathenthriller mit Komplottkompott und albernem Showdown abdriftet, ist zwar konsequent, aber bedauerlich. Da wird viel verschenkt, denn in den besseren Momenten hat „Blind ermittelt“ durchaus eine gewisse Aura. Die Chemie zwischen den Protagonisten stimmt, und die kleinen Überraschungen machen sich gut: Nicht nur Haller kann die Schritte der Gegner berechnen, auch Falk übt sich in vorauseilender Sabotage. Was aber fehlt, sind Ecken und Kanten. Alles ist so rundgeschliffen, dass dieser Krimi einfach durchflutscht, ohne Erinnerungen zu hinterlassen. Vielleicht bekommt das Duo ja in weiteren Folgen noch die Kurve. Wie der Blinde zum Tauben sagt: Wir werden sehen.

          Blind ermittelt: Die toten Mädchen von Wien, heute, Samstag 5. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten.

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