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ARD-Remake der Kinderserie : Der neue „Pan Tau“ schneidet Grimassen

Blick über die Schulter: Matt Edwards spielt den neuen Pan Tau. Bild: ARD/Caligari/Film2020

Fünfzig Jahre später: Die ARD erweckt „Pan Tau“ zu neuem Leben und hascht nach dem Zeitgeist. Vom Zauber des Originals ist keine Spur, dafür setzt es reichlich Gegacker und pädagogisch gemeinte Plattitüden.

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          Wer sich daranmacht, der tschechisch-deutschen Fernsehserie „Pan Tau“, entstanden zwischen 1969 und 1978, ein heutiges Gegenstück zu verpassen, der traut sich was. Und zwar ganz unabhängig davon, ob sich die neue Serie nun besonders eng an das Original anschmiegt oder sich nur lose von ihm inspirieren lässt. Im einen Fall ist der Vergleich mit einem übermächtigen Vorbild und einem in seinem Minimalismus überaus präsenten Hauptdarsteller Otto Šimánek auszuhalten, im anderen Fall wäre genau der Abstand zu rechtfertigen: Warum sich an „Pan Tau“ versuchen, wenn die Vorlage doch nichts weiter hergibt als einen schweigsamen Herrn in Anzug und Melone und sonst alles anders ist?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Wille jedenfalls, fünfzig Jahre später eine zeitgemäße „Pan Tau“-Version zu präsentieren, ist den Urhebern Gabriele M. Walther, Franziska Meyer Price und Marcus Hamann deutlich anzumerken, und das entspricht wiederum dem Geist der Vorlage, die ja ausdrücklich auf den Alltag der damaligen Gegenwart setzte. Also spielen hier etwa Mobiltelefone eine erhebliche Rolle und treiben die Handlung voran, zum Beispiel, wenn die fiesen jungen Influencerinnen, gierig nach Klickzahlen, die Handykameras auf alles richten, was sich bewegt, und heimlich etwas filmen, dessen Publikation die Privatsphäre der anderen massiv bedroht.

          Vierzehn Episoden, die sich zu sieben Doppelfolgen zusammenfinden und mal eng verzahnt durch einen Cliffhanger verbunden sind, mal auch zwei ganz unabhängige Geschichten mit demselben Personal erzählen, werden nun in der ARD ausgestrahlt. Räumliches Zentrum der Geschichten ist die Aula einer Schule, in deren Glasvitrine unter anderem auch eine Pan-Tau-Figur steht. An sie wenden sich die Schüler mit Stoßseufzern, die dann erhört werden, wobei es auch immer Schüler gibt, die von dieser Sensation anscheinend noch nie gehört haben, dann aber die Sache erstaunlich schnell, beinahe achselzuckend hinnehmen.

          Das Mädchen Karlotta etwa, dezidierte Nichtleserin einer geheimnisumwitterten, mehrteiligen Fantasy-Saga namens „Swordstone“, wird plötzlich in genau diese Buchwelt versetzt, was sie kaum zu wundern scheint und noch weniger ängstigt – ein bisschen Jauchzen über die allgegenwärtigen Gaukler („Das ist ja unglaublich!“), ein bisschen moderner Trotz gegen mittelalterliche Ansprüche an ihre Person („Ich bin zu jung, um zu heiraten“), und überhaupt erkenne sie keinen König an, den sie nicht gewählt habe.

          Märchenhaft, das soll hier wohl heißen: Pan Tau mutiert zur Wunscherfüllungsinstanz oder zum Steigbügelhalter jugendlichen Reifens, damit die Schülerinnen und Schüler einer nach dem anderen erkennen, was wirklich gut für sie ist. „Es wird immer lustig – und magisch“, verspricht der Serienvorspann, der vielleicht noch die Worte „harmlos“ und „stromlinienförmig“ ergänzen könnte, denn am guten Ausgang der kurzen Geschichten zweifelt man keine Sekunde, es gibt nichts, was Pan Tau nicht richten könnte oder würde, und dass der englische Comedian Matt Edwards, der den Pan Tau gibt, in seinem Grimassieren, Tänzeln und Fingerzeigen oft so abgebremst wirkt, fügt sich nahtlos in das Spiel der Übrigen ein.

          Dass die Drehbücher reich an Plattitüden sind und die Geschichten altbacken, fällt kaum noch ins Gewicht, und wer glaubt, junge Zuschauer merkten nicht, was ihnen hier wieder einmal verkauft werden soll (Folge deinem Traum! Freunde dich mit dem nerdigen Mädchen an, nicht mit der oberflächlichen Zicke! Lesen ist toll! Oder wörtlich: „Cool ist egal, ich mag’s ehrlich“), der unterschätzt sie gewaltig. Hinzu kommt ein Hang zur überdeutlichen Mimik, die zu sperrangelweit offenen Mündern führt, wenn gestaunt werden soll, begleitet von Sätzen wie „Das ist total krasser Wahnsinn“ oder vom gackernden Gelächter der Schulhexen.

          Vom Zauber des Originals bleibt hier nur noch eine Zauberei, die wie alles Übrige in dieser Serie nach der jeweils einfachsten Lösung sucht. Der wegen der Online-Konkurrenz in Schieflage geratenen Buchhandlung hilft die bislang anonym gebliebene Bestsellerautorin, indem sie einfach ihr Pseudonym lüftet und eine Signierstunde abhält. Wer danach – es ist die zweite Folge von vierzehn – noch weiter sieht, weiß wenigstens, worauf er sich einlässt.

          Pan Tau beginnt am Sonntag um 10.10 Uhr im Ersten. Die Serie findet sich auch in der ARD-Mediathek.

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