https://www.faz.net/-gsb-9iiq7

Arte-Serie „Ein Wunder“ : Marias Tränen stürzen alle in Verzweiflung

Was, zum Teufel, soll er mit dieser Muttergottes tun? Ministerpräsident Fabrizio Pietromarchi (Guido Caprino) hält die Madonna unter Verschluss. Bild: © Montesi Antonello

Die Madonna weint Blut, der Regierungschef ist ratlos, der Priester ein Verlorener, und die Mafia bedroht die Schwächsten: Niccolò Ammanitis Serie „Ein Wunder“ zeigt Italien von der düstersten Seite.

          4 Min.

          Es grenzt schon an Selbstgeißelung, mit welcher Härte Italien in erstklassigen Serien sich selbst den Prozess macht – und Schuldspruch auf Schuldspruch häuft. Schon in „Gomorrha“, „1992“ und „Young Pope“ versenkten die besten Fernsehfilmschaffenden des Landes ein Belpaese-Klischee nach dem anderen ebenso gnadenlos, wie die Mafia Leichen in Beton begräbt, und stellten stattdessen die Wunden einer von Korruption, organisierten Verbrechen, religiös verbrämter Kriminalität, Egoismus und einer nicht enden wollenden Wirtschaftskrise zerfressenen Gesellschaft aus.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Schriftsteller Niccolò Ammaniti setzt in seinem Fernsehdebüt, der von ihm geschriebenen und inszenierten Serie „Ein Wunder“ (Il miracolo), die fiktional überhöhte Selbstdiagnose fort und zielt ins Herz der katholischen Volksfrömmigkeit: dorthin, wo der Glaube an Mirakel noch lebhaft pulsiert. Blut lässt er fließen, literweise. Als die Polizei einen Boss der kalabrischen ’ndrangheta in seinem Versteck aufspürt, findet sie bei ihm eine Madonnenstatue aus Plastik. Aus ihren Augen tropft unaufhörlich rote Flüssigkeit. Analysen ergeben, dass es sich um menschliches Blut handelt. Das Gewicht der Statue ändert sich nicht, obgleich immer neue Wannen ihre Tränen auffangen müssen; sie ist nicht hohl, es gibt keine versteckte Pumpe, ein chemischer Prozess kann als Erklärung ausgeschlossen werden.

          Da steht nun der Ministerpräsident Fabrizio Pietromarchi (Guido Caprino) in einem vom Chef der Carabinieri, Giacomo Votta (Sergio Albelli) und dessen Mannen abgeriegelten Schwimmbad im trockenen Becken, vor sich die blutig triefende Statue auf einem Sockel, und weiß nicht weiter. Ein Wunder könnte er wohl gebrauchen, doch eher ein politisches. In Kürze steht das Referendum über den Austritt Italiens aus der Europäischen Union an. Die Umfragewerte des EU-Befürworters Pietromarchi sind im Keller, alle Zeichen stehen auf Italexit. Und auch zu Hause könnte für den Premier bald alles aus sein. Seine Frau Sole (Elena Lietti) betrügt ihn notorisch, wie er weiß. Dass die beiden kleinen Kinder des Paars von einem frömmelnden polnischen Kindermädchen zu sektenhaft wirkenden Gebetsritualen angestiftet werden, erscheint im Vergleich dazu als kleineres Problem.

          Der Priester Marcello (Tommasa Ragno, links) trägt schwer an seinem Kreuz.

          Was also tun mit der Blut weinenden Madonna? Den Papst informieren? Sie der Weltpresse zeigen? Einen gigantischen Tumult im Land provozieren? Pilgermassen in Bewegung setzen? Besser nichts dergleichen. Der Politiker und sein Polizist warten und schweigen, während sich um sie und ihr Geheimnis herum das Rad des Schicksals (oder der göttlichen Vorsehung?) zu drehen beginnt. Menschen sterben und werden gerettet, finden ihren Glauben und verlieren ihn wieder, folgen einem Wahn, einer verfehlten Liebe oder lassen jede Hoffnung fahren, weil sie unter Unmenschen geraten. Über den von Neonlicht ausgeleuchteten Höllenkreisen, die sich zu geometrisch komponierten Bildtableaus ordnen, schwebt die Frage nach dem Wesen der Madonna, die Fluch sein könnte oder Segen, ein Zeichen Gottes oder eine Versuchung des Teufels, und von der niemand weiß, was sie vermag. Wenn sie denn überhaupt etwas bewirken kann im Leben derer, die ihre Hoffnung bald auf sie setzen.

          In seinem preisgekrönten Roman „Ich habe keine Angst“ (Io non ho paura), der zum Bestseller avancierte und von Gabriele Salvatores überaus erfolgreich verfilmt wurde, hat Niccolò Ammaniti 2001 aus der Perspektive eines Jungen die verstörende Geschichte einer Kindesentführung erzählt. Mit „Ein Wunder“ verstört er nicht weniger. Nicht ohne Grund ist den acht Episoden, die acht Tage im Leben der Figuren umreißen, der Hinweis vorangestellt, dass Kinder und empfindsame Zuschauer sich das Folgende besser nicht anschauen sollten. Ein Wunder, zeigt Ammaniti, ist wie jeder Einbruch des Unerklärlichen letztlich der blanke Horror. Das beginnt bei der Splatter-Optik der Muttergottes, setzt sich im Einsatz phantastischer Elemente in Albträumen und Visionen fort und endet bei der Provokation von Ekel durch die Vulgarität des Fleisches: Schlachtgut auf dem Küchentisch der First Lady wird ähnlich widerlich in Szene gesetzt wie der Geschlechtsakt zwischen einer drogensüchtigen Prostituierten und einem spiel-, sex- und medikamentenabhängigen Priester. Ungewandelter kann Materie kaum sein.

          Nach den ersten Folgen der von Sky, Arte und Wildside produzierten Serie könnte man tatsächlich denken, sie legte nichts weiter als Klischees um ihren ungewöhnlichen Kern: Frauen sind entweder Huren oder seltsame Heilige; die katholische Sexualmoral hat jeden erotisch pervertiert; in Rom geht es zu wie in Sodom und Gomorrha, aber die Oberfläche glänzt und man macht bella figura. Doch je länger das Wunder andauert, desto verblüffender entwickeln sich die Charaktere, desto unvorhersehbarer kreuzen sich ihre Wege.

          Da wäre zuerst die überragend von Alba Rohrwacher gespielte Biologin Sandra Roversi, eine Frau, deren Gesicht Geheimnisse immer nur andeutet, niemals verrät. Die Besessenheit von der Pflege für ihre schwerkranke Mutter tauscht sie gegen die von der Vorstellung eines Menschen, dessen DNA die Statue preisgeben könnte. Das Leitthema der problematischen Mutterschaft martert auch die als Biest aus reicher Familie gezeichnete Sole sowie Clelia (Lorenza Indovina), die dem verrotteten Padre Marcello (als der Tommaso Ragno eine eindrucksvolle Figur abgibt) mit marianischer Geduld zur Seite steht.

          Was es mit dem Vater in einem anderen Handlungsstrang auf sich hat, der seinen vor Herzensgüte strahlenden, behinderten Sohn opfern soll wie Abraham Isaak, allerdings auf Geheiß eines Mafiabosses, bleibt bis zum Ende offen. Dass hier die Wurzel des Wunders liegen könnte, ahnt einzig Votta, der rechtschaffene Beamte. Und mehr als der Gastauftritt Monica Belluccis wird die Vorstellung des jungen Carmelo Macrì als vom Tod bedrohter Nicolino im Gedächtnis bleiben. Kinder sind bei Ammaniti nicht weniger komplexe Wesen als Erwachsene. Das zeichnet auch seine Serie aus, die in Momenten größten Schreckens zur brutalsten, weil sanftesten Waffe greift: italienischem Schlager. Das „Wunder“ wird sich uns ebenso wenig erklären wie den Figuren. Sie trudeln dahin, ohne Orientierung, auf der Suche nach einem Halt. Ergibt das alles einen Sinn? Nur, wenn man daran glaubt.

          Ein Wunder startet heute, Donnerstag 10. Januar, um 20.15 Uhr auf Arte. Die Serie ist in der Arte-Mediathek abrufbar.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.