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Arte-Serie „Ein Wunder“ : Marias Tränen stürzen alle in Verzweiflung

Was, zum Teufel, soll er mit dieser Muttergottes tun? Ministerpräsident Fabrizio Pietromarchi (Guido Caprino) hält die Madonna unter Verschluss. Bild: © Montesi Antonello

Die Madonna weint Blut, der Regierungschef ist ratlos, der Priester ein Verlorener, und die Mafia bedroht die Schwächsten: Niccolò Ammanitis Serie „Ein Wunder“ zeigt Italien von der düstersten Seite.

          Es grenzt schon an Selbstgeißelung, mit welcher Härte Italien in erstklassigen Serien sich selbst den Prozess macht – und Schuldspruch auf Schuldspruch häuft. Schon in „Gomorrha“, „1992“ und „Young Pope“ versenkten die besten Fernsehfilmschaffenden des Landes ein Belpaese-Klischee nach dem anderen ebenso gnadenlos, wie die Mafia Leichen in Beton begräbt, und stellten stattdessen die Wunden einer von Korruption, organisierten Verbrechen, religiös verbrämter Kriminalität, Egoismus und einer nicht enden wollenden Wirtschaftskrise zerfressenen Gesellschaft aus.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Schriftsteller Niccolò Ammaniti setzt in seinem Fernsehdebüt, der von ihm geschriebenen und inszenierten Serie „Ein Wunder“ (Il miracolo), die fiktional überhöhte Selbstdiagnose fort und zielt ins Herz der katholischen Volksfrömmigkeit: dorthin, wo der Glaube an Mirakel noch lebhaft pulsiert. Blut lässt er fließen, literweise. Als die Polizei einen Boss der kalabrischen ’ndrangheta in seinem Versteck aufspürt, findet sie bei ihm eine Madonnenstatue aus Plastik. Aus ihren Augen tropft unaufhörlich rote Flüssigkeit. Analysen ergeben, dass es sich um menschliches Blut handelt. Das Gewicht der Statue ändert sich nicht, obgleich immer neue Wannen ihre Tränen auffangen müssen; sie ist nicht hohl, es gibt keine versteckte Pumpe, ein chemischer Prozess kann als Erklärung ausgeschlossen werden.

          Da steht nun der Ministerpräsident Fabrizio Pietromarchi (Guido Caprino) in einem vom Chef der Carabinieri, Giacomo Votta (Sergio Albelli) und dessen Mannen abgeriegelten Schwimmbad im trockenen Becken, vor sich die blutig triefende Statue auf einem Sockel, und weiß nicht weiter. Ein Wunder könnte er wohl gebrauchen, doch eher ein politisches. In Kürze steht das Referendum über den Austritt Italiens aus der Europäischen Union an. Die Umfragewerte des EU-Befürworters Pietromarchi sind im Keller, alle Zeichen stehen auf Italexit. Und auch zu Hause könnte für den Premier bald alles aus sein. Seine Frau Sole (Elena Lietti) betrügt ihn notorisch, wie er weiß. Dass die beiden kleinen Kinder des Paars von einem frömmelnden polnischen Kindermädchen zu sektenhaft wirkenden Gebetsritualen angestiftet werden, erscheint im Vergleich dazu als kleineres Problem.

          Der Priester Marcello (Tommasa Ragno, links) trägt schwer an seinem Kreuz.

          Was also tun mit der Blut weinenden Madonna? Den Papst informieren? Sie der Weltpresse zeigen? Einen gigantischen Tumult im Land provozieren? Pilgermassen in Bewegung setzen? Besser nichts dergleichen. Der Politiker und sein Polizist warten und schweigen, während sich um sie und ihr Geheimnis herum das Rad des Schicksals (oder der göttlichen Vorsehung?) zu drehen beginnt. Menschen sterben und werden gerettet, finden ihren Glauben und verlieren ihn wieder, folgen einem Wahn, einer verfehlten Liebe oder lassen jede Hoffnung fahren, weil sie unter Unmenschen geraten. Über den von Neonlicht ausgeleuchteten Höllenkreisen, die sich zu geometrisch komponierten Bildtableaus ordnen, schwebt die Frage nach dem Wesen der Madonna, die Fluch sein könnte oder Segen, ein Zeichen Gottes oder eine Versuchung des Teufels, und von der niemand weiß, was sie vermag. Wenn sie denn überhaupt etwas bewirken kann im Leben derer, die ihre Hoffnung bald auf sie setzen.

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