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Arte-Serie „Ein Wunder“ : Marias Tränen stürzen alle in Verzweiflung

In seinem preisgekrönten Roman „Ich habe keine Angst“ (Io non ho paura), der zum Bestseller avancierte und von Gabriele Salvatores überaus erfolgreich verfilmt wurde, hat Niccolò Ammaniti 2001 aus der Perspektive eines Jungen die verstörende Geschichte einer Kindesentführung erzählt. Mit „Ein Wunder“ verstört er nicht weniger. Nicht ohne Grund ist den acht Episoden, die acht Tage im Leben der Figuren umreißen, der Hinweis vorangestellt, dass Kinder und empfindsame Zuschauer sich das Folgende besser nicht anschauen sollten. Ein Wunder, zeigt Ammaniti, ist wie jeder Einbruch des Unerklärlichen letztlich der blanke Horror. Das beginnt bei der Splatter-Optik der Muttergottes, setzt sich im Einsatz phantastischer Elemente in Albträumen und Visionen fort und endet bei der Provokation von Ekel durch die Vulgarität des Fleisches: Schlachtgut auf dem Küchentisch der First Lady wird ähnlich widerlich in Szene gesetzt wie der Geschlechtsakt zwischen einer drogensüchtigen Prostituierten und einem spiel-, sex- und medikamentenabhängigen Priester. Ungewandelter kann Materie kaum sein.

Nach den ersten Folgen der von Sky, Arte und Wildside produzierten Serie könnte man tatsächlich denken, sie legte nichts weiter als Klischees um ihren ungewöhnlichen Kern: Frauen sind entweder Huren oder seltsame Heilige; die katholische Sexualmoral hat jeden erotisch pervertiert; in Rom geht es zu wie in Sodom und Gomorrha, aber die Oberfläche glänzt und man macht bella figura. Doch je länger das Wunder andauert, desto verblüffender entwickeln sich die Charaktere, desto unvorhersehbarer kreuzen sich ihre Wege.

Da wäre zuerst die überragend von Alba Rohrwacher gespielte Biologin Sandra Roversi, eine Frau, deren Gesicht Geheimnisse immer nur andeutet, niemals verrät. Die Besessenheit von der Pflege für ihre schwerkranke Mutter tauscht sie gegen die von der Vorstellung eines Menschen, dessen DNA die Statue preisgeben könnte. Das Leitthema der problematischen Mutterschaft martert auch die als Biest aus reicher Familie gezeichnete Sole sowie Clelia (Lorenza Indovina), die dem verrotteten Padre Marcello (als der Tommaso Ragno eine eindrucksvolle Figur abgibt) mit marianischer Geduld zur Seite steht.

Was es mit dem Vater in einem anderen Handlungsstrang auf sich hat, der seinen vor Herzensgüte strahlenden, behinderten Sohn opfern soll wie Abraham Isaak, allerdings auf Geheiß eines Mafiabosses, bleibt bis zum Ende offen. Dass hier die Wurzel des Wunders liegen könnte, ahnt einzig Votta, der rechtschaffene Beamte. Und mehr als der Gastauftritt Monica Belluccis wird die Vorstellung des jungen Carmelo Macrì als vom Tod bedrohter Nicolino im Gedächtnis bleiben. Kinder sind bei Ammaniti nicht weniger komplexe Wesen als Erwachsene. Das zeichnet auch seine Serie aus, die in Momenten größten Schreckens zur brutalsten, weil sanftesten Waffe greift: italienischem Schlager. Das „Wunder“ wird sich uns ebenso wenig erklären wie den Figuren. Sie trudeln dahin, ohne Orientierung, auf der Suche nach einem Halt. Ergibt das alles einen Sinn? Nur, wenn man daran glaubt.

Ein Wunder startet heute, Donnerstag 10. Januar, um 20.15 Uhr auf Arte. Die Serie ist in der Arte-Mediathek abrufbar.

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