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Arte-Serie „Tödliche Flucht“ : Ankunft in der nächsten Hölle

  • -Aktualisiert am

Abeni Bankole (Aissa Maiga) ist mit ihren Kindern nach Irland geflüchtet. Ihre Hoffnungen zerschlagen sich dort. Bild: © Spiral Pictures/Arte

In der irischen Serie „Tödliche Flucht“ geht es um Menschenhandel und Zwangsprostitution. Vordergründig ist das ein Krimi, tatsächlich geht es um ein Schicksal, das vielen Frauen droht, die aus Afrika nach Europa kommen.

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          Mit seinen Verbrechensserien, meist internationalen Ankäufen, zeigt Arte immer wieder Sinn für das Originelle. Zuletzt waren das beispielsweise „Mystery Road“, eine düstere Ermittlung im australischen Outback mit Voodoozauber und psychedelischem Bilderschrecken, oder auf ganz andere Weise die Kleinstadtgroteske „Mord im Böhmerwald“ des tschechischen Fernsehens, in der man von Roma-Diskriminierung und ihrer unseligen gesellschaftlichen Dynamik ebenso viel sehen konnte wie über organisierte Kriminalität mit deutschem Migrationshintergrund. Auch „Tödliche Flucht“ (im Original „Taken Down“), eine sechsteilige Koproduktion des Fernsehens der irischen Republik RTE und Arte France, hat, neben ihrer Außenseitergeschichte, ihre besondere Ästhetik und ihren eigenen Erzählton zu bieten.

          Vor einer Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete am Stadtrand Dublins liegt an einer Bushaltestelle ein totes Mädchen. Autos fahren vorbei, wie in einer späteren Rückblende zu sehen ist. Hinter der Mauer liegt das weite Meer, das keine Freiheit, sondern Lebensgefahr bedeutet. Die siebzehnjährige Esme (Marlene Madenge) wohnte als unbegleitete Minderjährige in dem festungsähnlichen Gebäude, dessen Heimleiter Wayne (Brian Gleeson) wie ein allzu umgänglicher Typ mit klaren Regeln nur für seine Gäste wirkt. Sperrstunde um zehn. Mit dem Logbuch nimmt er es nicht so genau, unter gewissen Umständen. Kochen dürfen die meist aus Afrika stammenden Bewohner nicht, Kantinenaufträge werden lukrativ bezahlt, die Nutzung der Waschmaschinen ist willkürlich begrenzt, und das Freizeitangebot für die Kinder geht über Fußballspielen im Hof nicht hinaus. Keiner der Geretteten beklagt sich, abgesehen von Abeni Bankole (Aissa Maiga), die vor acht Jahren mit ihren Söhnen Isaiah (Aaron Edo) und Oba (Seán Edo) von einem Schlauchboot auf offener See gerettet wurde. Noch immer sitzt sie hier fest, geht nachts heimlich arbeiten und träumt von einer Zukunft, in der Isaiah studiert und alle glücklich werden.

          Inspector Jen Rooney (Lynn Rafferty) von der irischen Garda, der Polizei für Kapitalverbrechen, und ihre Mitarbeiter Niamh (Orla Fitzgerald) und Fitzer (Sean Fox) stoßen auf ein weiteres Mädchen, das aus der Aufnahmeeinrichtung verschwunden ist. Flora (Florence Adebamdo) stammt aus derselben nigerianischen Stadt wie die ermordete Esme. Auch Abeni Bankole kommt aus Nigeria, war für die Jugendlichen mütterliche Bezugsperson. Die Ermittlungen gestalten sich heikel. Samir (Slimane Dazi), ein gebildeter Algerier mit Faible für den Dichter Rumi, der an den Fußsohlen Folternarben trägt, erhängt sich nach der demütigenden Befragung durch Fitzer. Die Flüchtlinge wissen aus Erfahrung, dass die Polizei kein Garant der Sicherheit, sondern Teil des Problems sein kann. Nicht nur Europa ist eine Festung. Nur langsam kommt Jen Rooney mit ihrem erweiterten Team irischer Polizisten, bei dem interkulturelle Sensibilisierung nicht auf dem Ausbildungsplan stand und Misogynie erblich scheint, voran.

          Die Spuren führen zur organisierten Kriminalität. Flüchtlinge mit unsicherem Aufenthaltsstatus, insbesondere junge Mädchen, sind ein Jackpot für Zuhälter. Angst vor Abschiebung machen sexuelle Ausbeutung und Menschenhandel einfach wie Telefonkartenbetrug. „Taugt“ die auf grell geschminkte „Ware“ nicht mehr, wird sie billig weitergereicht. Im Zentrum der Geschäfte steht eine irisch-nigerianische Connection mit Unterstützung aus ehrbaren Kreisen. Der irische Bordellbetreiber und Sadist Gar (Jimmy Smallhorne) ist mit dem afrikanischen Strippenzieher Benjamin (Enoch Frost) und Puffmutter Marvellous (Phina Orvuche) für den reibungslosen Kommerz zuständig. Der Tod einer jungen Frau bedeutet Störung des Betriebsablaufs, sonst nichts.

          „Tödliche Flucht“, wie die Serie „Love/Hate“ eine Zusammenarbeit des Regisseurs David Caffrey und des Autors Stuart Carolan, zeigt weniger dynamische Thrillerdramatik als genau beobachtetes Sozialdrama. Die Lebensumstände der Geflüchteten, ihre wachsende Depression und ihre kriminelle Ausbeutung interessieren auch die Koautorin Jo Spain mehr als die handlungsgetriebene Polizeifilmsicht auf die Verbrechen. Hauptfigur der Kamera von Cathal Watters ist über alle Folgen hinweg die Witwe Abeni, von Aissa Maiga überzeugend mit zurückhaltendem Ernst und vorsichtiger Wärme verkörpert. Aus Unsichtbaren Gesehene machen: Das gelingt „Tödliche Flucht“ mit Bravour. Wer vorrangig Krimi-Action erwartet, dem steht eine produktive Enttäuschung ins Haus.

          Die Serie Tödliche Flucht beginnt heute um 21.05 Uhr bei Arte.

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