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TV-Serie „The Halcyon“ : Wenn schon untergehen, dann mit Stil

  • -Aktualisiert am

Gruppenbild mit Bediensteten: In der Serie „Halcyon“ stimmt nicht nur die Kleiderordnung. Bild: Sony

Zimmer mit Innensicht: Die britische Hotel-Serie „The Halcyon“ mag zwar etwas unüberraschend und eskapistisch sein, ist aber Plüschfernsehen der Extraklasse.

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          Gut, vielleicht hat man es ein Quentchen übertrieben mit den Konnotationen: „Your Lordship“ hier, „your Lordship“ da, bienenfleißige Angestelltenhände, die zu hübschen Geigenklängen luxuriöse Räume im historischen Dekor herrichten, ein unerschütterlich loyaler Chef-Butler (im Hauptberuf Hotelmanager), das Festhalten am porös gewordenen Standesdenken. Auch wurden Details wie das Schlüsselbrett an der Rezeption oder das Steckbord der Telefonistin so inszeniert, dass kaum zufällig jene berühmte Glöckchenwand der Grafen von Grantham in den Sinn kommt. Sogar einen großen Lieblingshund haben die Autoren Charlotte Jones und Jack Lothian den blaublütigen Besitzern des Fünfsternehotels „Halcyon“ zugesellt. Es ist auch gar kein Geheimnis, dass der britische Sender ITV vor einigen Jahren energisch auf der Suche nach einem Nachfolger für seine Erfolgsserie „Downton Abbey“ war. Man verpflichtete sogar deren letzten Produzenten Chris Croucher.

          Dass sich manche Anklänge an das andere erfolgreiche „Period Piece“ des Senders finden, an die Kaufhaus-Saga „Mr Selfridge“, ist nicht von der Hand zu weisen. Trotz des Adelstitels und Stilbewusstseins der Eigentümer ist „The Halcyon“ nämlich deutlich moderner ausgerichtet als die ein Märchenengland heraufbeschwörende Tea-Time-Serie von Julian Fellowes: Das neue Upper-Class-Epos spielt nicht nur mitten im Zweiten Weltkrieg im nichtsdestotrotz quirlig internationalen London, sondern hat mit der Hotellerie auch ein bürgerliches Brotgewerbe zum Sujet. Ästhetischer Perfektionismus in der Evokation früherer Epochen darf als Handschrift der inzwischen zu Sony gehörenden Produktionsfirma Left Bank Pictures gelten, die auch für das royale True-Drama „The Crown“ verantwortlich zeichnet. Man füge dem Ganzen noch eine Note „Das Adlon“ und „Babylon Berlin“ hinzu – schmutzige Politik, Krieg in der Luft, elegante Champagner-Partys voll enthemmter Swing-Tanzwut einer verlorenen Generation –, und fertig scheint der nächste Hit zu sein.

          Auf dem Markt der emotionsprallen Braunfilter-Serienepen

          Entgegen allen Erwartungen aber wurde „The Halcyon“ kein Hit. Nach nur einer Staffel mit mittlerer Einschaltquote setzte ITV das enthusiastisch gestartete Projekt ab, was gerechtfertigt sein mag angesichts der nicht ganz so originellen Idee, das Politische allenfalls oberflächlich anzureißen und sich als gehobene Soap Opera auf die Liebeshändel über Klassen-, Rassen- und Geschlechtergrenzen hinweg zu konzentrieren. Klein ist die Konkurrenz auf dem Markt der emotionsprallen Braunfilter-Serienepen schließlich nicht. Man könnte sogar glatt durcheinanderkommen, wenn ausgerechnet Alex Jennings den mit seinen Affären Frau und Familie blamierenden, der Appeasement-Partei zuneigenden Hotelbesitzer Lord Hamilton gibt. Schließlich mimt Jennings in „The Crown“ mit dem Herzog von Windsor einen ähnlich kläglichen Charakter. Er tut beides mit Bravour.

          Das gilt hier für das gesamte Ensemble: Olivia Williams ist eine prächtige Lady Hamilton, die als deprimierte und gefürchtete Matrone beginnt, aber mit den Anforderungen über sich hinauswächst; Steven Mackintosh muss man bewundern für sein reduziertes Mienenspiel – mehr steht dem äußerlich stets korrekten, schmutzige Tricks nicht scheuenden Manager auch nicht an –; Hermione Corfield brilliert als vielleicht etwas zu oft griemelnde, wunderhübsche Tochter des Managers, in die sich der Hotelerbe Freddie (Jamie Blackley) verguckt hat. Eine Femme fatale durfte so wenig fehlen wie ein leicht investigativer Journalist: Erstere gibt Kara Tointon als offenherzige Sängerin Betsey, Letzteren Matt Ryan. Sein Joe O’Hara ist ein Amerikaner zum Anbeißen, der sich in die britische High Society verwickelt, freilich ohne die Ambiguität eines Marcello aus „La Dolce Vita“ zu besitzen.

          Die Nazi-Gefahr am Horizont wird allenthalben beschworen, hat jedoch eher atmosphärischen Charakter. Die akute Handlung selbst – ein Anschlag, dessen Vorgeschichte erzählt wird – dient lediglich als Basis für das farbenreiche Ausmalen der Figurenbeziehungen: Freundschaften, Intrigen, Wandlungen, Neid oder Anziehung, nichts davon ist neu unter der Sonne, aber man schaut mit steigender Faszination zu. Ganz durchdrungen scheint die Serie von dem zwar mitunter vergeblich wirkenden, aber erhebenden Gedanken, gerade in Zeiten der Not Würde und Stil aufrechtzuerhalten. „The Halcyon“ ist Plüschfernsehen vom Feinsten, purer Eskapismus, aber mit großer Sicherheit erzählt und auf einem selten erreichten darstellerischen Niveau. Und wann zuletzt wäre uns entzückender Eskapismus so willkommen gewesen wie in diesen Wochen?

          The Halcyon ist jeden Mittwoch um 20.15 Uhr auf dem Sony Channel zu sehen.

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