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Horrorserie „The Head“ : Bewahren Sie einen kühlen Kopf

  • -Aktualisiert am

Das Bild zeigt die Brown Scientific Research Station in der Antarktis im Jahr 2016. Bild: AFP

Isolation und Wahnsinn: In der sechsteilige Horrorserie „The Head“ sucht ein Mörder eine Forschungsstation in der Antarktis heim. In Zeiten der Pandemie trifft die Serie einen Nerv.

          3 Min.

          Es ist gar nicht schwer, unter diesen Umständen einen kühlen Kopf zu bewahren: Die Temperatur an der Forschungsstation „Polaris VI“ in der Antarktis beträgt dreißig Grad minus. Nur für sich genommen, ist so ein Kopf natürlich etwas ungewohnt: Die neue Stationsärztin Maggie Mitchell (Katharine O’Donnelly), eine Frau mit kreuzbravem Rehblick, packt besagten kühlen Kopf im Labor professionell auf eine Schale und ignoriert die Geräusche, die sich beim Abtasten ergeben. Dann kann sie vermelden, dass der Stationsfunker Miles (Tom Lawrence), dessen gefrorene Leiche im Schnee gefunden wurde, vor seiner bedauerlichen Enthauptung erschlagen worden sein muss.

          Blankes Entsetzen – oder wie man zu Neudeutsch sagt: That escalated quickly. „The Head“, eine spanisch-japanische Horrorserie in sechs Episoden, die von unangenehmen Ereignissen an einem der kältesten Orte der Welt erzählt, geht gänsehauttechnisch in die Vollen. Gedreht wurde schon 2019 auf Island und Teneriffa.

          Und sie kommt natürlich wie bestellt, diese Geschichte über den grassierenden Wahnsinn in Zeiten der Isolation. Das Buch stammt von Àlex und David Pastor, die sich mit Filmen wie „Carriers – Flucht vor der tödlichen Seuche“ (2009) und „The Last Days – 12 Wochen nach der Panik“ (2013) für den Job qualifizieren. Vielleicht sollten sie im Nebenjob eine Hotline einrichten, in der sie Homeschooling-geplagte Eltern mit Strategien gegen den Horror versorgen.

          Schaurig-düstere Kulisse

          Optisch strengt „The Head“ zuweilen an. Manche Szenen sind so düster und bleich, dass man vergeblich auf den Kontrast-Knopf der Fernbedienung drückt, um dem Geschehen besser folgen zu können. Aber die klassische klaustrophobische Kulisse, eine stählerne, noch dazu untertunnelte Forschungsstation im Eis, die ähnlich kuschelig ist wie das Raumschiff USCSS Nostromo in „Alien“ oder der Zweimaster in „The Terror“, hat bei aller Dunkelheit etwas für sich: ein Blick hinein, und wir bereuen ihn schon, ohne kehrtmachen zu können.

          Den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der „Polaris VI“ geht es ähnlich. Falls nicht, hilft die Tradition nach: Jedes neue Forscherteam muss am ersten Abend im Eis John Carpenters Gruselstreifen „The Thing“ von 1982 anschauen, der von einer Forschungsstation in der Antarktis und einem körperverfremdenden Monster handelt. Mit der Ankunft der neuen Truppe, die den schwarzen Winter in der Antarktis verbringen soll, beginnt die Serie – und springt nach einigen Partybildern, bei denen die Mannschaft auf dem Eis steht und so tut, als würde ein Pulli für den Südpol ausreichen, ein halbes Jahr vorwärts: Der dänische Sommer-Commander Johan (Alexandre Willaume), der sich bei der Abreise seufzend von seiner fleißigen Gattin Annika (Laura Bach) verabschiedete, kehrt nun per Heli zur Station zurück.

          Er hat seit Wochen nichts von der „Polaris“ gehört, die Eingänge sind verschneit, und im Inneren müsste dringend aufgeräumt werden. Kein Mensch zu sehen. Mit Ausnahme von Fridtjof Nansen, dessen bierernstes Porträt in einem Flur hängt und von Heldentum kündet.

          Als Bergs Team endlich fündig wird, muss es der Polizei, die wegen der fehlenden Nahverkehrsanbindung um Geduld bis zum Erscheinen am Südpol bittet, diverse Leichen vermelden – unter ihnen Winter-Commander Eric (Richard Sammel) und Ramón (Álvaro Morte aus „Haus des Geldes“), ein Nietzsche-belesener Koch. Annika hingegen, an deren nordische Schönheit Johan wiederholt zurückdenken muss, weil „The Head“ kein Klischee scheut, wird bloß vermisst. Expeditionschef Arthur (John Lynch) könnte ebenfalls leben und bald wieder klimaschutzpredigend in Davos sein.

          Ärztin Maggie, die schon beim Carpenter-Abend das Fürchten lernte, findet man schließlich panisch schreiend in einem Schrank. Hier setzen die Rückblenden ein. „The Head“ arbeitet mit ähnlichen dramaturgischen Mitteln, wie sie auch sonst in der Streaming-Welt ziehen. Alles bis hin zu den gequält schwirrenden Streichern auf der Tonspur entspricht genau dem, was man von der Serie erwartet. Ausgetrickst oder übertroffen werden diese Erwartungen zumindest in den ersten drei Folgen, die vorab zu sehen waren, nicht.

          In einer der ersten Rückblenden erfahren wir, wie Funker Miles den Kopf und sein Mörder eine Säge verlor. Schwerer zu verkraften ist ein anderes Bild: Wir sehen eine äußerst schlanke Wissenschaftlerin, die mit Kollegen ausgesperrt wurde und durch einen Lüftungsschacht in die Station zurückkriechen soll. Oje! Dann fällt einem ein, dass man dank seines regelmäßigen Fernsehchips-Konsums vermutlich nicht für diese Aufgabe in Frage gekommen wäre.

          „The Head“ ist bei Starzplay zu sehen.

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