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Serie „Glow“ bei Netflix : Die Herrinnen der Ringe

  • -Aktualisiert am

So sehen Sieger aus: Betty Gilpin spielt Debbie Eagan, die ihre Gegnerinnen als „Liberty Belle“ auf die Bretter schickt. Bild: Netflix

Vierzehn Frauen in den Hauptrollen: Mit bewundernswerten Dialogen und haufenweise kulturellen Verweisen kämpfen sich die Wrestlerinnen in der zweiten Staffel der Netflix-Serie „Glow“ ins Herz des Publikums.

          Die Gladiatorinnen hatten Künstlernamen wie Ninotchka, Godiva, Thunderbolt & Lightning, Spanish Red oder Ashley Cartier, trugen toupiertes „Big Hair“ zu farbigstem Blockstreifen-Make-up, hautenge Spandextrikots mit Leopardenmuster und silberglitzernde Strumpfhosen. Außerdem Kampfstiefel, sonst nichts. Das Ganze war so schrill und laut, wie die ·Unterhaltungsindustrie der Reagan-Ära nur aussehen konnte. Die echten „G.L.O.W.“s, die „Gorgeous Ladies of Wrestling“, gingen 1985 mit einer Pilotfolge ihrer choreographierten Prügelshow im Kabelfernsehen von Los Angeles auf Sendung. Hollywood war zwar nicht weit, aber Lichtjahre entfernt. Die erste von Männern gecastete Damentruppe des Wrestling zeigte einstudierte Cat-Fights, beschimpfte einander lautstark mit übelsten Macho-Sprüchen und war mit ihrer im Lauf der Jahre professionelleren Schlägerinnen-Nummer immerhin so erfolgreich, dass sie vier Staffeln lang im US-Fernsehen zu sehen waren. Für den unvergänglichen Ruhm reichte das nicht, aber immerhin für feste Arbeitsverträge, natürlich ohne Arbeitgeber-Krankenversicherung.

          Bei „Youtube“ findet man noch etliche unscharfe Folgen des „G.L.O.W“-Originals mit den wrestlingüblich absurd gestylten Trash-Ladies. Sie sehen aus wie Soap-Darstellerinnen der Achtziger oder wie Komparsinnen aus einem „Van Halen“-Video (was einige von ihnen waren) oder wie Background-Turnerinnen aus Jane Fondas Aerobic-Videos. Es gab unter ihnen einige mit Theaterambitionen und Produzentinnen-Karrierewünschen. In der Realität, in der die Stromrechnung oder die Scheidung zu bezahlen waren, bedeutete das Frauen-Wrestling eine echte Chance – und, so sehen es die Autorinnen Liz Flahive und Carly Mensch mit ihrer Produzentin Jenji Kohan („Orange is the New Black“, „Nurse Jackie“), die aus den echten Damen für „Netflix“ eine anrührende und manchmal zum Schreien komische Serie gemacht haben – feministisches „Empowerment“.

          Eine Kalter-Kriegs-Russin mit Pelzkappe

          Hinfallen, geschlagen werden, aufstehen, angreifen, zu Boden gehen und immer so weiter, bis zum Entscheidungskampf. Die Metapher ist klar, wurde aber von den Macherinnen, sagen diese, erst entdeckt, als sie auf „Youtube“ den glorios-mächtigen Frauen in einer Dokumentation begegneten. 2017 sorgte die erste Staffel von „Glow“ bei Netflix für Furore, jetzt startet die zweite gleichzeitig überall. Alison Brie spielt Ruth Wilder alias „Zoya the Destroya“, eine Kalter-Kriegs-Russin mit Pelzkappe und weibliches Gegenstück zu Dolph Lundgrens Ivan „dem Schrecklichen“ Drago, dem „Rocky“-Sowjetbösewicht (der sich exakt im wrestlinghistorischen Jahr 1985 für die Rolle bei Sylvester Stallone bewarb).

          Ihre Gegenspielerin ist Betty Gilpin als Debbie Eagan alias Superwoman-Verschnitt „Liberty Belle“, die vom B-Regisseur und Damentruppendompteur Sam Sylvia (Marc Maron) als strahlende Gewinnerin des Kampfes eingestellt wird. „Sie ist Alpha, du bist Omega“ – und für Ruth, die den Kopf voller kreativer Regieeinfälle und Kameraideen hat, bleibt es in der Künstlichkeit des Ring-Haudraufs erst mal genauso wie abseits des miefigen Turnclubs, den Sam als falsches Luxushotel für die TV-Kameras in Szene setzt. Die mieseste Rolle hat allerdings die maulende Arthie Premkumar (Sunita Mani) als „Beiruta, the Suicide Bomber“ mit Molotowgürtel und Tarntrikot gezogen. Wer sich bei Sam oder dem Produzenten Bash Howard (Chris Lowell) beschwert, hat das Prinzip des Wrestling und das Unterhaltsame am Schein-Verkloppen nicht verstanden.

          Flahive und Mensch schaffen es mit bewundernswerten Dialogen und Szenen, haufenweise kulturellen Verweisen und allgemeingültigen emanzipatorischen Weisheiten auch in der zweiten Staffel, ihr großes Serienensemble (vierzehn Frauen in den Hauptrollen!) im Lauf jeder der zehn etwa halbstündigen Folgen zu einer wahnsinnig herzlichen, L.A.-eitelkeitenbesessenen, urkomischen Weibs-Truppe zu vereinen. Zu so etwas wie einer Wahlfamilie von lauter Möchtegern-Solistinnen, die im männerdefinierten Stereotyp zu sich selbst kommen. Sam und Bash und ihr Kameramann, der sich als ehemaliger Pornobildgestalter zum Frauenversteher berufen fühlt, geraten da etwas statisch. Der geballten Power von „Welfare Queen“ und Co. sind sie nicht dauerhaft gewachsen. Abseits der feministischen Agenda kann man „Glow“, so wie auch die Siebziger-Pornoindustrieserie „The Deuce“ (HBO) mit Maggie Gyllenhaal, auch einfach so wegschauen. Als verdammt gut inszenierte Serie. Und sich dabei königinnenlich amüsieren.

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