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TV-Serie „Catch-22“ : Du hast keine Chance, also nutze sie

Bomberpiloten: McWatt (Jon Rudnitsky, l.) und Yossarian (Christopher Abbott). Bild: Hulu/Sky

Aus dem Antikriegsroman „Catch-22“ von Joseph Heller von 1961 macht George Clooney als Produzent eine großartige Serie. Sie zeigt, was passiert, wenn das Absurde zur Norm wird. In Amerika weiß jeder, was „Catch-22“ ist.

          Auf dem Flugplatz der amerikanischen Air Force auf der Mittelmeerinsel Pianosa herrscht das Inferno. Maschinen stehen in Flammen, Verletzte schreien um Hilfe, Sanitäter eilen herbei. Und mitten durch das Chaos schreitet ein Mann übers Rollfeld, splitternackt, sein Gesicht blutverschmiert, den Mund geformt zu einem gellenden Schrei: Captain John Yossarian hat endgültig die Nerven verloren. Er scheint verrückt geworden zu sein. Aber wie sollte er auch anders, in diesem verrückten Krieg, in dem er mit seiner Crew ein ums andere Mal in den B-25-Bomber steigt, um ins Sperrfeuer zu fliegen und todbringende Fracht abzuwerfen? John Yossarian hatte schon Zweifel an seiner Mission, bevor sie begonnen hat. Ist er deswegen vielleicht verrückt? Ist er nicht, er würde aber gerne als verrückt gelten, damit er endlich wieder nach Hause kann. Doch das verhindert die ungeschriebene Regel „Catch-22“ der Army, die ihm der Truppenarzt Doc Daneeka erklärt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Verrückt wäre er doch, wenn er es normal fände, immer wieder in den Einsatz zu gehen. Wenn er an dem täglichen Sterben irre wird, sei das doch nur zu gut zu verstehen, weshalb Yossarian auf gar keinen Fall untauglich geschrieben werden kann. Es gibt für ihn keinen Ausweg. Niedergeschrieben ist diese Regel, die den Wahnsinn, das Absurde, zur Norm erklärt, zwar nirgends, doch sie gilt. Und sie ist das Leitmotiv des Romans „Catch-22“, mit dem der amerikanische Schriftsteller Joseph Heller einen Welterfolg errang. Seither ist „Catch-22“ zum stehenden Begriff geworden, als Bezeichnung für Regeln, aus denen es kein Entrinnen gibt. Im Angelsächsischen weiß heute jeder, was mit „Catch-22“ gemeint ist: „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“, wie es bei Herbert Achternbusch heißt.

          In der Kriegssatire, die Joseph Heller 1961 veröffentlichte, und ebenso in dem Kinofilm, den Mike Nichols 1970 mit Starbesetzung drehte (Alan Arkin, Orson Welles, Anthony Perkins, Martin Sheen, Jon Voight), wie nun auch in der Serie sucht freilich jeder seine Chance oder Nische. Leutnant Scheisskopf, den George Clooney schön verbissen spielt, sucht sie auf dem Exerzierplatz, wo er die Flieger, bevor sie an die Front nach Europa müssen, zu Paradesoldaten drillen will. Major de Coverley (Hugh Laurie) sucht Zerstreuung und Luxus: Hinter seinem Zelt spielt er Golf und ergötzt sich an den Lammkoteletts, die ihm der Messe-Offizier Milo Minderbinder (Daniel David Stewart) kredenzt, der zum Schwarzmarktpaten aufsteigt.

          Auf das große Geschäft setzt auch Oberst Cathcart (Kyle Chandler), der sich aber vornehmlich in der Rolle des Helden gefällt und seinen Männern immer mehr Einsätze aufzwingt. In die geht John Yossarians Kamerad Clevinger (Pico Alexander), der es immer allen recht machen will, ganz unverdrossen, was ihm nicht vergolten wird. Aus dieser Gesellschaft kann sich John Yossarian (Christopher Abbott) nicht befreien. Sobald er sein Soll an Feindflügen erfüllt hat, legt Oberst Cathcart die Latte ein wenig höher. Doc Daneeka (Grant Heslov) ist zwar ebenso kriegsmüde wie Yossarian, doch tun kann er für ihn nichts. Währenddessen wird ein Flieger nach dem anderen abgeschossen.

          Bei allen Überzeichnungen ins Absurde und bitterböse Komische, bei allen derben Gags, die Heller im Buch bereithält und welche die Serie aufnimmt, stellen George Clooney und Grant Heslov, die in ihrer Dreifachrolle als Produzenten, Regisseure und Darsteller nicht zum ersten Mal gemeinsame Sache machen, die Ausweglosigkeit der Lage, in der sich ihr Held befindet, in den Mittelpunkt der sechs Folgen, die sie gedreht haben. Wer den Krieg nicht verrückt findet oder verrückt wird, zeigen sie, der ist schon immer verrückt gewesen.

          Catch-22, ab sofort bei Starzplay/Amazon Prime

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