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Serie „Die Wege des Herrn“ : Wer den Glauben verliert

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Anderen spendet er Zuversicht, er selbst hat sie verloren: Lars Mikkelsen spielt den Pfarrer Johannes Krogh. Bild: dpa

In der dänischen Serie „Die Wege des Herrn“ gerät ein Pfarrer auf Abwege. Er hadert mit Gott und der Welt und mit sich selbst. Lars Mikkelsen spielt das mit einer Intensität, die sehenswert ist.

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          Wie oft kann sich ein gläubiger Christ im Angesicht von Misserfolgen oder Tragödien sagen, dass die Wege des Herrn eben unergründlich sind, bevor er beginnt, an Gott zu zweifeln? Für die Männer der Familie Krogh, Pfarrer in der neunten Generation, ist es jetzt so weit. „Siehst du mich gar nicht?“, ruft Johannes Krogh (Lars Mikkelsen) dem Gekreuzigten in seiner Kirche zu, in der Hand eine halbleere Flasche Schnaps. Wenige Stunden zuvor hat er die Jesusfigur noch geküsst. Johannes hat gerade die Wahl zum Bischof von Kopenhagen verloren. Er galt als klarer Favorit bis – er am Tag vor der Wahl Muslime als Ungläubige bezeichnete und die Argumentation seiner Konkurrentin als „frauenhafte, politische Korrektheit“.

          „In dem Augenblick, wo ein kleines Licht brennt, pustest du es aus“, schluchzt Johannes, dann macht er sich auf in die Kneipe. Seinen Söhnen geht es nicht viel besser. Der Ältere, Christian (Simon Sears), hat zuerst seine Ausbildung zum Pfarrer abgebrochen, ist danach von der Wirtschaftsuni geflogen und steht ohne Geld und Freunde da. Oder, in den Worten seines Vaters: „Er ist dreißig Jahre alt und hat noch nichts auf die Reihe gekriegt. Nichts!“

          Ganz im Gegenteil zum jüngeren Bruder August (Morten Hee Andersen). Der ist glücklich verheiratet, steht vor der Familiengründung und soll im Alter von gerade einmal 28 Jahren eine Gemeinde übernehmen. Doch August hat anderes im Sinn. Er reist als Militärpfarrer in ein Kriegsgebiet im Nahen Osten. Von dort kehrt er mit einem Trauma zurück, das die seelsorgerische Tradition der Familie noch wesentlich stärker in Mitleidenschaft zieht als die Quartalsgelage seines Vaters.

          Daheim führt der Pfarrer das große Wort und ein strenges Regiment. Seine Familie leidet darunter.

          Nachdem sich der dänische Autor Adam Price zuletzt in der Serie „Borgen – Gefährliche Seilschaften“ mit politischen Machtstrukturen beschäftigte, wendet er sich jetzt der Kirche zu, abermals in Form eines Familiendramas. Nur noch 57 Prozent der Kopenhagener seien Mitglied einer christlichen Kirche (in Deutschland sind die Verhältnisse nahezu identisch) klagt die Bischofsanwärterin Monica (Laura Bro), die Johannes später bei der Wahl ausstechen wird.

          Die Ansätze der beiden Geistlichen, dieser Entwicklung zu begegnen, sind sehr unterschiedlich. Johannes ruft in einer leidenschaftlichen Rede dazu auf, um die Gemeinde zu kämpfen, sich Atheisten, die Menschen zum Kirchenaustritt bewegen wollen, mit besseren Predigten und spirituellem Beistand entgegenzustellen. Seine Konkurrentin hält es für angebracht, die Kirche wie ein Unternehmen zu führen: „Wenn sich die Nutzer der Kirche gewisse neue Dienstleistungen wünschen, haben sie auch ein Anrecht darauf, sie zu erhalten“, sagt sie. Direkt nach ihrer Wahl handelt sie entsprechend. Die Pfarrer sollen „Spaghetti-Gottesdienste“ für Familien oder „Yoga mit Jesus“-Kurse anbieten. Wenn trotzdem keiner kommt, wird die Kirche geschlossen.

          Johannes sagt dieser Neoliberalisierung des Glaubens den Kampf an. Seine Fürsorge für verzweifelte Mitglieder der Gemeinde scheint unerschöpflich. Als Familienvater zeigt er jedoch ein ganz anderes Gesicht. Seine Söhne und seine Frau Elisabeth (Ann Eleonora Jørgensen) leiden unter Johannes’ patriarchaler Tyrannei, den verbalen Entgleisungen, der emotionalen Manipulation und der Forderung nach kompromisslosem Gehorsam.

          Mit diversen Anspielungen auf das Alte Testament schafft der bekennende Atheist Price seinen Helden als Verkörperung des Zwiespalts, den wahrscheinlich viele mit Blick auf die Kirche empfinden. Auf der einen Seite stehen Glaube und christliche Werte, auf der anderen die Schwächen der Menschen, welche die Kirche repräsentieren. Warum soll man bei jemandem Rat suchen, der sich im nächsten Moment weniger vorbildlich benimmt als man selbst? Und sich noch nicht mal einsichtig zeigt?

          Lars Mikkelsen, der ältere Bruder des Hollywoodstars Mads Mikkelsen, spielt diesen Johannes Krogh, der mit Gott hadert, so wie seine Mitmenschen mit ihm. Für seine Rolle wurde Lars Mikkelsen kürzlich mit dem International Emmy Award ausgezeichnet. Den Preis hat er unbedingt verdient. Furchtlos spielt er den Pfarrer Krogh als Blender, der auf dem absteigenden Ast ist. Seine Frau Elisabeth droht, den Respekt vor ihrem Mann und schließlich vor sich selbst zu verlieren. Seine Söhne wollen bloß niemals werden wie ihr Vater und buhlen gleichzeitig um dessen Liebe.

          Die Schuld für seine Ausbrüche sucht Johannes Krogh selten bei sich selbst. Die Predigt zum Thema, die eine Pfarrerin an seiner Stelle hält, weil er mal wieder verkatert ist, perlt an ihm ab. Er beschwert sich lieber bei Gott für das Unrecht, das ihm angeblich widerfährt. Seine Söhne wiederum sollen Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen: „Jesus ist ja immer ganz heiß auf Happy Ends. Aber ich bin irgendwie mehr für Konsequenzen“, gibt er Christian mit, bevor er ihn auf die Straße setzt.

          Der Regisseur Kaspar Munk entfaltet die Geschichte von „Die Wege des Herrn“ in bedächtigem Tempo. Spannungselemente, wie sie die Serie „Borgen“ aufwies, hält das Drehbuch von Adam Price (gemeinsam mit Karina Dam und Poul Berg) nicht parat. Der Sog entfaltet sich allein über die Figuren und deren private, politische und spirituelle Konflikte. So stellt man sich ein zeitgemäßes Kirchendrama vor. Dessen Fortsetzung ist garantiert. Die zweite Staffel der dänisch-französischen Produktion wurde schon abgeschlossen.

          Die Wege des Herrn, heute um 20.15 Uhr bei Arte. Die zehn Episoden der ersten Serienstaffel sind von heute an bis zum 29. Dezember in der Mediathek von Arte abrufbar.

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