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Serien und Shows : Die besten Momente des Jahres

  • Aktualisiert am

Bild: AP

Ein Schnalzen, ein Schrei und ein Zeichen von ganz oben: Wenn wir uns an das Jahr 2019 erinnern, erinnern wir uns auch an Bilder und Momente aus den Serien und Shows, die wir gesehen haben. Neun davon stellen wir hier vor.

          7 Min.

          „Fleabag“, Staffel 4, Folge 2

          (Amazon Prime) Dieser plötzliche Blick in die Kamera, durch die vierte Wand, mitten in die Augen der Zuschauer, das scheint sehr britisch zu sein: So funktionierte schon die BBC-Serie „Peep Show“. Nun hat „Fleabag“ das übernommen, dort sind es aber immer nur die Augen der Hauptperson, die sich zu uns wenden. Es ist der Blick von Phoebe Waller-Bridge, die die Hauptrolle spielt und die Serie erfunden hat. Traurig, wissend, irgendwie überlegen. Überhaupt ist Fleabag auf so vielen Ebenen klug. Man erwartet eine Serie über weibliche Super-Hipster, und bekommt einen sehr hübschen Geistlichen. Und eine verklemmte Schwester, die sich zur heimlichen Hauptfigur hochspielt. Und Szenen wie diese: Als sich Fleabag in der zweiten Staffel in einen katholischen Priester verliebt, kommt es nach einigem Hin und Her beinahe zum Sex vor dem Beichtstuhl. Da knallt es in der leeren Kirche. Gerade als sie an seinem Gürtel nestelt, stürzen zwei Gemälde wie von Geisterhand herab – ein Zeichen von ganz oben! Ein so frommes Bild mitten im Porträt einer sexuell so freizügigen wie verwirrten Großstadtfrau – wie rührend. Thomas Lindemann

          „Top Boy“, Staffel 3, Folge 5

           (Netflix) Fünf Folgen lang umkreisen der legendäre Straßenfuchs Dushane, aus dem Exil auf Jamaika in den Ostlondoner Hochhausblock Summerhouse zurückgekehrt, um sein einstiges Drogenimperium zu renovieren, und der aufstrebende Straßenköter Jamie einander, bis der alte den jungen Dealer in ein Café vorlädt, um ein für alle Mal zu klären, wer in Summerhouse der „Top Boy“ ist. „Willst du einen Saft oder so?“, fragt Dushane zur Begrüßung. Aber wie Jamie dann die Befehle des doppelt so alten Dealers mit einem Mundwinkelschnalzen an sich abprallen lässt wie den Ostlondoner Regen an seiner North-Face-Daunenjacke, das hat so eine lässige Arroganz, dass man plötzlich im Schein des Displays seltsame Grimassen übt und sich das erste Mal ernsthaft fragt, ob dieser krasse Junge womöglich der überzeugendere Anführer im Viertel ist. Ein Schnalzen macht Jamie zum neuen Helden – und der Sound die Serie so gut. Die Grime-Songs, das britisch-englische Drogenvokabular, die perfekten Dialoge: fuckin mental, bruv. Florentin Schumacher

          „Catch-22“, Folge 5

           (Starzplay/Amazon Prime) Eins der ästhetischen Handicaps des Kriegsfilms besteht darin, dass er kein Mittel findet, die Erfahrung des Luftkriegs im Zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Bomberbesatzungen überzeugend darzustellen. Der Gegensatz zwischen der drückenden Enge in den Bombern und der Weite des Luftraums ist einfach zu groß, das Hin- und Herschneiden zwischen innen und außen führt, flugtechnisch gesprochen, zum Strömungsabriss. Die von George Clooney produzierte und als Ko-Regisseur und Hauptdarsteller mitgetragene sechsteilige Miniserie „Catch-22“ nach dem Roman von Joseph Heller löst dieses Problem, indem sie die Einsätze der B-25-Bomberstaffel von Captain Yossarian (Christopher Abbott) über Italien wie einen Unterwasserfilm inszeniert. Die Kamera bewegt sich frei im digital erzeugten Raum zwischen den Flugzeugen, der durch Berge im Hintergrund zusätzlich gerahmt wird, und schafft so einen Übergangsbereich, in dem die Männer in den verglasten Kanzeln und die Landschaft um sie herum miteinander kommunizieren. Was das bedeutet, begreift man spätestens in der vorletzten Folge, in der der Körper eines abgeschossenen Kumpels gegen Yossarians Scheibe knallt. Der Krieg wird zum Kammerspiel in fünf Kilometern Höhe. Das Genre ist um einen Trick reicher. Andreas Kilb

          „Stranger Things“, Staffel 3, Folge 7

           (Netflix) Draußen tobt der Mind Flayer, das grausame Monster aus der Schattenwelt, der Kampf Gut gegen Böse läuft auf den Showdown zu, aber die Duffer Brothers drücken einfach sieben Minuten auf Pause: Weil das, was in den Köpfen von Steve und Robin passiert, als sie da sitzen, versteckt in der Toilette eines Einkaufszentrums, in ihren lächerlichen Eisverkäuferuniformen, unter dem Einfluss sowjetischer Wahrheitsdrogen, mindestens so existentiell ist wie der bevorstehende Weltuntergang. Endlich nämlich schafft es der ehemalige König der High School dem unfassbar smarten Mädchen, das er damals nicht einmal zur Kenntnis genommen hatte, seine Liebe zu gestehen. Die Szene ist so herzzerreißend inszeniert und gespielt, dass man sogar ein Happy End durchgehen lassen würde. Aber wie sie stattdessen endet ist eine Sensation – und zeigt ganz nebenbei, wie modern diese Serie ist, die sich so gut als Hommage an die achtziger Jahre verkleidet. Auch Robin nämlich, so stellt sich also heraus, war eifersüchtig auf Steve, damals, in der Schule, als eine gewisse Tammy Thompson nur Augen für ihn hatte. Nur eben nicht auf Tammy Thompson. Und als Steve endlich begreift, was Robin ihm damit sagen will, sagt er nur: „Okay. Aber Tammy Thompson. Wirklich? Die ist eine totale Niete! (...) Die sang wie ein Muppet.“ Und dann singen sie zusammen, und lachen, bis der Kampf gegen das Böse wieder ruft. Harald Staun

          „Euphoria“, Folge 4 

          (Sky) „Are you sure you’re okay?“, fragt Rue. Jules schüttelt den Kopf. Rue streicht ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Das wird sie im Verlauf der nächsten vier Folgen noch gefühlt 117-mal tun. Beide schleppen einen Berg von Zuschreibungen durch die Kleinstadtwelt, in der sie leben, zum Beispiel betäubungsmittelabhängig und trans – es gibt wenig Anlass, okay zu sein, aber in der bettförmigen Blase, in der sie hier rumliegen, ist das wiederum okay. Dann, als der Moment fast schon unter innige Freundschaft abgehakt ist, setzen die ganz großen Streicher ein, und das Bett beginnt sich buchstäblich um sich selbst zu drehen. Sie küssen sich wirklich! Und wie bei den meisten real existierenden Küssen wird am Ende unklar bleiben, was das zu bedeuten hat, und vor allem: für wen. Die überzogenen Flashbacks und Kamerafahrten sind ausnahmsweise angebracht. Intimität ist too much, lebensverändernd und ein bisschen lächerlich, nicht nur an der ewig überkolorierten High School amerikanischer Serien der Zehnerjahre. Hier stecken zwei junge Frauen unter einer Decke, in der queeren Grauzone zwischen Freundschaft, Verknalltheit, Solidarität. Wie überraschend unwahrscheinlich das ist. Wie überraschend gewöhnlich auch. Und obwohl „Euphoria“ alle selbstverliebten Special Effects mittelguten Fernsehens auf sie abfeuert, gelingt es Rue und Jules, einfach zusammen einzuschlafen. Max Wallenhorst

          „The Affair“, Staffel 5, Folge 10

           (Amazon Prime) Gerade ist „The Affair“ zu Ende gegangen, die großartige Serie, die 2014 bei Showtime gestartet ist. Es geht darin, natürlich, um eine Affäre, vor allem aber um familiäre Prägungen und erotische Ausbruchsversuche. Im Titelsong singt Fiona Apple vom Ertrinken im Meer. Und weil man beim Zusehen diese Gefahr (und Schönheit) der Natur immer mit der Gefahr (und Schönheit) menschlichen Begehrens zusammengedacht hat, ist es nur konsequent, dass die Serie zum Schluss ein Erdbeben als Beziehungsgeschichte erzählt. Genauso konsequent: Helen, zu Beginn vor allem die betrogene Ehefrau, wird in der besten Szene der vorletzten Folge endlich zur Heldin und eigentlichen Hauptfigur. Sie ist mit Noah, ihrem Exmann und love of her life, in Los Angeles, ein schlimmes Erdbeben kündigt sich an. Er überredet sie zur Flucht durchs Gebirge, vor ihr ein sehr steiler Berg. Helen beschimpft Noah den gesamten Abstieg lang. Dann ist sie unten, sie hat es geschafft und ist beinahe empört darüber. Das ist so schön, dass es entschädigt für all die Verletzungen, die sie sich zugefügt haben, und so zynisch, dass an Kitsch nicht zu denken ist. Das Beste der Serie, in einer Szene. Julia Dettke

          „The Crown“, Staffel 3, Episode 6

           (Netflix) „Twywysog Cymru“, das bedeutet „Prince of Wales“ auf Walisisch. Dass die Prinzen von Wales seit dem 13. Jahrhundert englisch sind, das finden die Waliser im Jahre 1969 immer noch nicht so toll: Und so soll der junge Charles (Josh O’Connor) die Rede für seine Ernennung auf der Landessprache halten – die er natürlich nicht beherrscht. Ausgerechnet der Nationalist Tedi Millwaed (Mark Lewis Jones) unterrichtet ihn, und anfangs ist es besonders unangenehm, den beiden zuzusehen: wie der grünschnabelige, etwas einsame Prinz seinem Professor stolz Zungenbrecher aufsagt; wie der Professor seinen Studenten über die einfachsten historischen Fakten des Landes aufklären muss – und ihm erklärt, warum die Waliser sich vom englischen Establishment nicht erkannt fühlen. So wie sich Charles nicht erkannt fühlt, von England, also seiner Mutter. Millwaed wird von einem Tutor zu einem Mentor, und Charles‘ drei Monate zu einem kleinen Coming-of-Age: als er schließlich die Rede hält, die er zu seiner macht, weil er sie kurz zuvor noch umschreibt. Und sie in einer Sprache vorträgt, die „Mummy“ nicht versteht – und so, auch als Engländer, doch zu einem walisischen Prinzen wird. Caroline Jebens

          „Queer Eye“, Staffel 3, Folge 1 

          (Netflix) Es war auch das Jahr von „Queer Eye“, jener Serie, die Reality TV auch für Leute geöffnet hat, die bislang damit gefremdelt haben, weil sie das Format für gestellt hielten. Dabei ist Fernsehen immer gestellt, Wahrheit entfaltet es erst in der Methode, mit der es Gegenwart ins Bild setzt. Hier ist es die Methode: Entertainment, und die Gegenwart ist die eines Landes, das sich für tief gespalten hält. Aber dann kommen Bobby, Jonathan, Antoni, Tan und Karamo und behaupten nicht, dass es nicht so wäre: Die Gegensätze sind das Material, aus dem sie die Formel fürs Zusammenleben formen. In der dritten Staffel treffen die fünf auf die Vollzugsbeamtin Jody aus Missouri, die nur Tarnfarben trägt und Kaninchen fürs Abendessen jagt. Antoni zeigt ihr, welche Delikatesse das ist, Tan zeigt, ihr, wie sie ihr Shirt im French tuck trägt. „Look at her!“, schreit er die vier anderen an, als er die neue Jody präsentiert, im überschlagenden Tonfall dieser Serie. Schaut genau hin: Das könnten wir nicht nur sein, das sind wir schon, wir müssen es nur erkennen. Tobias Rüther

          „Skylines“, Folge 6 

          (Netflix) Viel lernen konnte man in diesem Jahr über die Tücken des seriellen Erzählens beziehungsweise darüber, wie schnell der Versuch, wieder eine Serie mit hochkomplexer Geschichte und möglichst vielen Handlungssträngen zu versehen, in eine Sackgasse führen kann, aus der es kein Entkommen gibt. Nämlich dann, wenn man wie bei der deutschen Netflix-Produktion „Skylines“ partout nicht dem Drang widerstehen konnte, anstelle einer konsequent zu Ende gedachten ersten Staffel doch lieber gleich etwas Episches, sich über mehrere Staffeln Hinziehendes anlegen zu wollen. Denn eigentlich war das alles durchaus unterhaltsam, diese Geschichte aus der Frankfurter Halbwelt, die das klein- und großkriminelle Milieu mit dem Rap- und Finanzbusiness kurzschloss und durchaus Tempo hatte. Bloß irgendwann beim Drehbuchschreiben müssen die Autoren um Dennis Schanz so felsenfest von einer mindestens noch zweiten und dritten Staffel ausgegangen sein, dass sie in der letzten Folge einfach an jeden einzelnen Handlungsstrang einen Cliffhanger tackerten – sämtliche anerzählten Geschichten von Erpressung, Finanzbetrug, Mord, Liebe, Freundschaft, Karriere und Unternehmertum liefen erst einmal ins Nichts, was heiß machen sollte auf die nächste Staffel. Ärgerlich nur, dass Netflix wenige Wochen später die Einstellung der Serie bekannt gab, was bei allen, die „Skylines“ geschaut hatten, und noch viel mehr bei den Darstellern, blankes Entsetzen auslöste. Eigentlich ein Klassiker: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Timon Karl Kaleyta 

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