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ARD-Serie „All You Need“ : Locker und lässig ist anders

  • -Aktualisiert am

Benito Bause in „All You Need“ Bild: ARD Degeto/Andrea Hansen

Wenn die ARD eine Serie über schwule Liebe dreht, geht es zwar körperlich zur Sache. Aber zu viel Erklärfernsehen gibt es auch. Das bezeugt die neue Serie „All You Need“.

          3 Min.

          1990, also vor mehr als dreißig Jahren tauschten Georg Uecker (als Carsten Flöter) und Martin Armknecht (als Robert Engel) in der „Lindenstraße“ die ersten schwulen Küsse im deutschen Fernsehen. Die Reaktionen waren heftig, sie reichten von unbedingtem Zuspruch bis hin zu Protesten, sogar zu Morddrohungen. Seit damals ist manches passiert im deutschen Fernsehen. Vor allem in den letzten Jahren. Während im Fernsehspiel gleichgeschlechtliche und transsexuelle Liebe als Drama auftauchte, setzen die privaten Sender in der Unterhaltung auf Diversität.

          Nicht erst seit Nicolas Puschmann 2019 als erster schwuler „Bachelor“ für TVNow den Grimme-Preis gewann und „Let’s Dance“ sich Meriten als divers besetzte Sendung erwirbt, schwenken scheinbar plötzlich alle in der Branche regenbogenbunte Fahnen. Wie man unangestrengt schwule Publikumsverzauberung betreiben kann, zeigt Zuschauerliebling Puschmann gerade bei „Let’s Dance“ mit seinem Profipartner Vadim Garbuzov. Zu sehen ist „Equality Dancing“. Die Regeln: Mal führt der Eine, mal der andere. Sollte nicht „Equality Dancing“ überhaupt das Konzept der Zukunft sein? Zwischendurch gibt es ein wenig Aktivismus in kleinen Dosen.

          Gegen solche Formate – Pusch- mann kochte auch mit durchschlagendem Erfolg mit seinem bei „Prince Charming“ erwählten Lebenspartner Lars Toensfeuerborn in „Das perfekte Dinner“ (Vox) – sieht die neue ARD-Mediathek-Miniserie „All You Need“ (zu nachtschlafener Stunde nun auch beim Spartensender One) angestrengt und überfrachtet aus. Trotz der Bemühungen, optisch heiß zu wirken (Kamera Felix Poplawsky), und trotz Berlin-Location, Herrensauna-Besuch, Abtanzen in queeren Clubs, trotz Fetisch-Erläuterungen und vielfältiger Sexszenen wirkt die fünfteilige „erste deutsche Serie, in der nur schwule Hauptfiguren vorkommen“, ziemlich bieder erzählt.

          Trailer : All You Need

          „All You Need“, eine Zusammenarbeit von Ufa Fiction und Degeto, will den Bogen ins diversere Hier und Jetzt schlagen, Regisseur und Autor Benjamin Gutsche setzt dabei, vor allem in Folge vier und fünf, leider auf das überholte Fernsehfilm-Erklärprinzip. Einer der vier Hauptfiguren, Vince (Benito Bause), fällt die Rolle des Publikums-Aufklärers zu. Während er mit Freund Robbie (Frédéric Brossier) auf dem Bett liegt, seziert er dessen Vorlieben. Fußball und Fitnesstraining? Warum nicht mit Barbies spielen oder Pink tragen? Mag Robbie Fußball nicht nur, weil man es von einem echten Mann erwartet? Vince insistiert. Auch in einer Szene, in der ihn sein Freund in der Nähe einer – vermutlich homophoben? – Männergruppe öffentlich küssen will, kommt keine Beklemmung auf, sondern der Eindruck, einen Drehbuch-Beipackzettel beigelegt zu bekommen. Vince küsst nicht, löst seine Hand – und redet über das Thema homophobe Gewalt. An anderer Stelle geht es argumentativ aufbereitet um Rassismus und Diskriminierungserfahrungen, Vince ist schwarz. Wichtige Anliegen und Themen, aber so vielleicht im dokudramatischen Format wirksamer eingesetzt.

          Es ist zu verstehen, dass Gutsche sämtliche relevanten Themen in „All You Need“ einbringen will. Aber es tut weder der Handlung noch der Dramaturgie, noch dem „Flow“ der Serie gut. Coolness ist etwas anderes, gutes Fernsehen sieht lässiger aus – siehe etwa den britischen Serienklassiker „Queer as folk“ oder die amerikanische lesbische Comedy „Work in Progress“.

          Neben Vince und Robbie spielen die beiden anderen Hauptfiguren Levo (Arash Marandi) und Tom (Mads Hjulmand) ein weiteres Paar, bei dem akute Verspießerung im Vorort bei Levo auf erwachende schwule Entdeckungslust beim erst kürzlich geouteten Familienvater Tom trifft. Besonders schwach geraten ist die Figur von Levos Vater, der Schwule tolerabel findet, „wenn man es ihnen nicht ansieht“. Auch die „beste Freundin“ Sarina (Christin Nichols) ist Aussagenträgerin und viel zu glatt als Charakter – sie vermittelt dem Publikum das allgemeine Akzeptanzanliegen. Sollte die Serie in der zweiten, bereits angekündigten Staffel aus ihrem hemmenden Demonstrationsmodus herausfinden, könnte sie viel anschaulicher werden. Einstweilen aber denkt etwa das LGBTI-Onlinemedium „queer.de“ lieber über eine mögliche schwule Serie aus der Feder der vielfach ausgezeichneten „Kroymann“-Comedy-Kreativen nach. Keine schlechte Idee.

          Mit Arash Marandi hat die Serie einen Hauptdarsteller, dem man die comedyhaften und die dramatischen Momente glaubhaft ansieht. Levos Geschichte könnte gern in den Mittelpunkt rücken. Hauptsache, es dauert nicht wieder dreißig Jahre, bis das öffentlich-rechtliche Fernsehen mit schwulen Themen mutiger wird.

          All You Need läuft an diesem Sonntag um 23.15 Uhr bei One und ist in der ARD-Mediathek abrufbar.

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