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„Mythic Quest: Raven’s Banquet“ : Warum so ernst?

In Goldgräberstimmung: Ian Grimm (Rob McElhenney) ist der kreative Kopf hinter „Mythic Quest: Raven’s Banquet“. Bild: Apple

Die Comedy-Serie „Mythic Quest: Raven’s Banquet“ nimmt sich die Videospiel-Industrie vor und seziert deren Probleme anhand archetypischer Charaktere einer neuen Arbeitswelt.

          2 Min.

          Saugen Videospiele uns die Gehirne leer? Oder füllen sie sie mit wunderbaren und entsetzlichen Flausen? Sie tun beides. Kompliziert bleibt, wie wir damit umgehen. Kunst- und Kulturgut, das ist letztlich (vielen) egal. Doch die Erkenntnis, welchen Einfluss die Games-Branche auf einen Großteil der nach 1970 geborenen Menschen hat, befindet sich in der von Jahrgängen vor 1970 geprägten Öffentlichkeit noch in einer Art Ladeprozess. Spiele sind weder gut noch böse, dafür entweder gut oder schlecht gemacht, sie machen vermutlich abhängiger, als es vielen bewusst ist, können aber auch harmlos Spaß machen.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Gedanken versammelt die Comedy-Serie „Mythic Quest: Raven’s Banquet“, indem sie ins Innere des fiktiven Entwicklerstudios des titelgebenden (und an „World of Warcraft“ angelehnten) Spieles schaut und die Akteure durch den Wolf dreht, der diese Branche ist. Ian (Rob McElhenney, auch Autor der Serie) ist der visionäre Creative Director des Teams mit großem Wackel-Ego und zu vielen Silberringen an den Händen. Chef-Entwicklerin Poppy (Charlotte Nicdao) kämpft gegen die passiv-aggressiven T-Shirt- oder Holzfällerhemdenträger dieser Männerdomäne und ihren manischen Ehrgeiz, den sie am garstigsten an anderen Frauen auslässt. Brad Bakshi (Danny Pudi) ist der Teufel, Chef der Finanzabteilung, und David Brittlesbee (David Hornsby) ist als Produzent heillos überfordert. Rührend: F. Murray Abraham als einstiger Großautor und Nebula-Award-Gewinner („1973“) C.W. Longbottom, der nun ein Gnadenbrotdasein als verkrachter Hintergrundgeschichten-Autor in der Spieleschmiede fristet. Die einzig nicht verkorksten Seelen sind die Testerinnen Dana (Imani Hakim) und Rachel (Ashly Burch), zwischen denen es zwar unaufdringlich knistert. Sie stehen aber ganz unten in der Nahrungskette.

          Wie wird man den Nazis Herr, die das eigene Spiel kapern?

          Mit diesem Reigen schildert die Serie reelle Probleme der Branche in „The Office“-Manier, mit dem eleganten Trick, das Vorbild in ein und derselben Szene zu thematisieren und sich davon zu lösen. Neben Rollenkämpfen geht es um die Fragen: Wirbt ein Kreativer für sich oder sein Werk? Ist ein Spiel für alle da? Für wen nicht? Wie zieht man den Spielern das Geld aus der Tasche, ohne dass das Spiel verraten wird? Deshalb schlagen sich Ian und seine Recken mit pubertierenden Youtubern rum, die – teils gekauft, teils freie Radikale – vor ihren Millionen Followern den Daumen über Spielen heben oder seitwärts drehen; und sie bilden Ethikkommissionen, um der Nazis Herr zu werden, die plötzlich das Spiel kapern und dessen Landschaft mit „Penis-Hakenkreuzen“ verzieren.

          Clevere Serien – diese ist eine – erkennt man nicht nur daran, dass das Verhältnis zwischen gut abgehangenem Altherrenhumor und frischen selbstironischen Gags stimmt, sondern auch daran, dass sich manche eine Folge leisten, die sich komplett von allen anderen unterscheidet. Hier ist es die liebevoll inszenierte Episode, die sich um ein Entwicklerpärchen und die Geschichte ihres Spiels „Dark Quiet Death“ dreht. Ein Spiel, das dem Spieler gegen die Monster nur eine Taschenlampe in die Hand gibt, und das man nicht gewinnen kann. Die Folge verpackt alle Fragen kreativer Schaffensprozesse, die auf der gesamten Bandbreite zwischen Indy-Studio und Disney auftauchen in einer Liebesgeschichte. Sie zeigt, dass das Kulturgut Videospiel sich auf Produzenten- und Spielerseite nicht einfach abschließen lässt wie ein Film. Sie zeigt die emotionale Resonanz des Mediums Spiel. Und macht mit einem lässigen Augenzwinkern klar, dass selbst in von Monstern behauster Finsternis ein Funke echtes Leben stecken kann.

          Mythic Quest: Raven’s Banquet ist bei Apple TV abrufbar.

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