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Amazon-Serie „Hunters“ : Ist Rache die beste Rache?

  • -Aktualisiert am

Er spielt den Spiritus Rector der „Hunters“: Al Pacino macht als Meyer Offerman keine Gefangenen. Bild: Christopher Saunders/Amazon

Ein Pate dreht durch: Amazons Nazijägerserie „Hunters“ mit Al Pacino sieht blendend aus, versinkt aber ethisch zwischen Lagervoyeurismus und Gewaltpornographie. Das ist eine Zumutung.

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          Es sollte misstrauisch machen, wenn Josef Mengele, der Todesarzt aus Auschwitz, als nicht grausam genug gilt. Serienschöpfer und Autor David Weil jedenfalls sah sich dazu herausgefordert, einen Lagerarzt namens Oskar Hauptman zu erfinden, „so sadistisch, dass sogar Mengele erzitterte“. Das Kalkül ist klar: Wer könnte etwas dagegen haben, wenn diesem Schlächter im Namen der Opfer der Garaus gemacht wird? In einem solchen Fall (und vielen ähnlichen) wird man doch auf kleinkarierte Kritik an Todesstrafe und Selbstjustiz pfeifen, unterstellt die bedrückend beschwingte Amazon-Serie „Hunters“. Das Kalkül aber geht nicht auf: Man fühlt sich vielmehr in einen würdelosen Überbietungswettbewerb hineingezogen, denn „Hunters“ soll ganz offenbar so erzcool gewalttätig, humorvoll abrechnend und nostalgisch sein, mit anderen Worten: so tarantinomäßig, dass selbst Quentin Tarantino, der mit „Inglourious Basterds“ erkennbar die Vorlage für die Geschichte vom dreckigen Halbdutzend zumeist jüdischer Nazijäger geliefert hat, davor erzittern muss.

          Was der von Jordan Peele mit ganz großer Kriegskasse produzierten Pulp-Serie im B-Movie-Stil aber fehlt, ist Tarantinos überbordende Phantasie und die Obsession für das zitatgetragene Verschränken seiner Antimärchen mit der Filmgeschichte. Die selbstreflexive Metafiktion in „Hunters“ ist so unsubtil wie alles Übrige. So ironisiert sich die Serie in Werbeclips als trashiger Hollywoodstreifen. Auch wenn es sich dabei nur um Tagträume des von Superheldencomics faszinierten jugendlichen Helden Jonah (Logan Lerman) handelt, wirkt es wie eine selbstausgestellte Lizenz für stundenlanges Suhlen im billigsten Nazifilm-Kitsch. Man muss es so hart sagen: „Hunters“ ist nicht nur eine der bestaussehenden Serien dieser Tage, es ist auch eine der dümmsten. Dass die Vereinigten Staaten nach dem Krieg nationalsozialistisch belastete Wissenschaftler ins Land lockten, ist bekannt. Dass dort Tausende von sadistischen Nazis – nicht wenige davon mit „Sieg Heil“-Tourette – in den siebziger Jahren das Vierte Reich hätten ausrufen wollen, ist selbst als B-Movie-Plot selten idiotisch.

          Der Aufmarsch an Oskars, Karls, Wilhelms, Hans‘ und Heinz‘ ließe sich aber hinnehmen, desgleichen all die Der-Krieg-ist-nicht-vorbei-Ansprachen oder das genretypisch mit schwerem amerikanischem Akzent gesprochene Deutsch. Schließlich ist das bis ins kleinste Detail liebevolle Siebziger-Jahre-Dekor ein wahrer Hingucker. Auch Tempo, Musik und Kameraführung sind eine Wucht. Zudem ist es fraglos ein Coup, den übergroßen, mit fast achtzig Jahren immer noch wie ein junger Pate spielenden Darstellergott Al Pacino für die Hauptrolle des reichen Meyer Offerman gewonnen zu haben. Geschenkt sei da die durchweg eindimensionale Figurenzeichnung oder die platte Idee mit der von Offerman, einem Auschwitz-Überlebenden (drunter ging es nicht), nach „Ocean’s Eleven“-Rezept zusammengestellten Nazijäger-Truppe von brillanten Individualisten, deren Buntheit für Kurzweil sorgen soll: Da sind der auf Bruce Lee getrimmte Vietnamveteran Joe (Louis Ozawa), die eiskalte Nonne Harriet (Kate Mulvani), der lustig erfolglose Schauspieler Lonny Flash (Josh Radnor), die emanzipierte Schwarze im Glam-Afro-Look (Tiffany Boone), das kuriose Rentner-Pärchen (Carol Kane, Saul Rubinek) und neuerdings eben Jonah, dem die geliebte Großmutter – und wie er jetzt erst erfährt: das geheime Zentrum dieser wohlgesinnten Terrorzelle – von einem Nazi erschossen worden ist. Noch die nuancierteste Figur ist eine FBI-Agentin (Jerrika Hinton), die der Spur der Rächer folgt.

          Was schwerer wiegt als die Plotschwächen, die mit Spannung, Witz und Action ganz gut aufgewogen werden können, ist die Exploitation-Dimension. Selbstverständlich kann man „Nazi“ als Chiffre verstehen und kontrafaktische Plots ersinnen, siehe „The Man in the High Castle“, aber das eben geschieht hier nicht. So schießbudenhaft die Hakenkreuz-Rassisten dargestellt werden, beharrt die Serie darauf, sie in der Historie zu verankern, um der Produktion den richtigen Kick zu verpassen. Leitmotivisch geradezu sind die vielen Rückblicke zu Auschwitz und Buchenwald, die aber zum Hollywood-Spektakel verkommen, wenn zynische Befehlshaber einen Chor singen lassen, um den „Buchenwald-Star“ zu ermitteln – der einzige, der das Singen überlebt – oder Schach so spielen, dass Häftlinge (die Hälfte nackt) die Figuren darstellen und einander, wenn geschlagen, die Kehle aufschlitzen müssen. Lager-Voyeurismus, der nur der Melodramatik dient, ist immer problematisch; in Verbindung mit einer glamourösen „Ghostbusters“-Erzählhaltung wird es abgeschmackt.

          Der wohl schlimmste Fauxpas aber ist es, die Opfer den Tätern anzugleichen, weil es in dieser Show um nichts anderes geht als um das Ausleben atavistischer Rachephantasien, die gar nicht exzessiv genug sein können. Genüsslich und ausgiebig foltern die Nazijäger, schlagen, schlitzen und spießen auf, lassen Trommelfelle platzen und füttern Kollaborateuren tellerweise Exkremente, bevor sie ihre Opfer kaltblütig töten. Nicht einmal vor dem Vergasen in der verriegelten Dusche machen sie Halt. Meist geht ein Tribunal voraus, in dem die Angeklagten kein Recht auf Verteidigung haben; die Justiz „in diesem Land“ sei nämlich taub für jüdisches Leid. Jonah hat als einziger Bedenken, aber die lassen mit der Zeit nach. Offerman konnte ihn wohl überzeugen mit seiner Entdeckung, dass die Tora falsch liege: Nicht ein gutes Leben sei die beste Rache, sondern: „Rache ist die beste Rache.“ Da sind wir also wieder: beim Fluch der bösen Tat. Jahrzehnte an Aufarbeitung des Faschismus werden der Unterhaltung willen schmutziger Gewaltpornographie geopfert. Was uns Amazon präsentiert, ist eine Zumutung.

          Hunters ist auf Amazon Prime abrufbar.

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