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„Oz - Hölle hinter Gittern“ : Jetzt schlägt die Stunde der Vergeltung

Ein Pakt fürs Leben? So etwas gibt es bei „Oz“ nicht, nur Verbündete auf Zeit, die ums Überleben kämpfen Bild: HBO/Sky

Der Abosender Sky zeigt eine uralte Serie aus Amerika. Die aber ist viel moderner als vieles, was bei uns heute produziert wird: was das deutsche Fernsehen von „Oz - Hölle hinter Gittern“ lernen kann.

          3 Min.

          Mein Ziel ist es, dass unsere fiktionalen Programme die Referenz für den europäischen Markt sind.“ Das hat der Programmdirektor des ZDF im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gesagt. Norbert Himmler legt die Latte hoch. Er nennt einen Maßstab, an dem nun alle neuen Serien vom Lerchenberg gemessen werden, nicht nur die, in der Bastian Pastewka im nächsten Jahr einen arbeitslosen Graphiker spielen wird, der ins Falschgeldfach wechselt. Ein Pendant zur vielgelobten amerikanischen Serie „Breaking Bad“ auf die Beine stellen zu wollen - das ist schon was, erst recht, wenn man es im Hauptprogramm versucht. Bislang werden vermeintliche Experimente ja noch an den Rand geschoben und vor kleinerem Publikum dargeboten. Beim Zweiten findet das auf dem Digitalkanal ZDFneo statt, für den Norbert Himmler verantwortlich war, bevor ihm das große Ganze angetragen wurde.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch wo das deutsche Fernsehen hinwill und hinmuss - genauer gesagt das öffentlich-rechtliche, die Privatsender scheiden mangels eigener Produktion weitgehend aus -, da war der amerikanische Sender HBO schon vor sage und schreibe siebzehn Jahren. 1997 begann die Serie „Oz - Hölle hinter Gittern“. Bei dem Abosender Sky, der die neuesten amerikanischen Stücke inzwischen zeitgleich auf den Schirm holt, laufen die gesamten sechs Staffeln nun quasi als Reminiszenz. Es ist eine Geschichtsstunde des Fernsehens, ein Blick auf den Beginn des „Golden Age of Television“. „Oz“ steht am Beginn einer Entwicklung, die Serien wie „The Wire“, „Sopranos“, „Sex and the City“, „House of Cards“, „Homeland“ oder das besagte „Breaking Bad“ hervorbrachte - Stücke, die als große Erzählungen der Gegenwart gelten können oder als Gesellschaftsromane und die längst nicht nur mehr bei HBO laufen.

          Eine Referenzgröße, die heute noch gilt

          Vor siebzehn Jahren - was gab es da im deutschen Fernsehen? Beim ZDF ging gerade „Derrick“ zu Ende, „Ein Fall für zwei“ lief sich erst so richtig warm, ebenso „Der Alte“; in der ARD war seit zwölf Jahren die „Lindenstraße“ am Start. In Amerika war „Der Prinz von Bel Air“ abgedreht, „Beverly Hills, 90210“ galt als kultige Jugendserie. Währenddessen kamen die Produzenten Tom Fontana und Rob Kenneally bei HBO endlich mit einer Idee zum Zug, die sie bei den Chefs der großen Networks zuvor vergebens vorgetragen hatten: eine Serie über den Alltag in einem Hochsicherheitsgefängnis, bei der es keine strahlenden Helden und kein Happy End gibt, niemanden, mit dem man sich mir nichts, dir nichts identifizieren kann, ja nicht einmal Hauptfiguren im herkömmlichen Sinne.

          Eine Geschichtsstunde des Fernsehens: vor siebzehn Jahren begann die Serie

          Stattdessen zeigen sie ein Ensemble in auswegloser Lage, im „Oswald Maximum Security Penitentiary“, kurz „Oz“. „Oz ist die schlimmste Vergeltung, die man sich vorstellen kann“, sagt der im Rollstuhl sitzende Gefangene Augustus Hill (Harold Perrineau). Er tritt als auktorialer Erzähler auf und kommentiert das Geschehen mit bitterer Ironie, ganz genau so, wie es heute Kevin Spacey als Frank Underwood in „House of Cards“ tut. Oz, beziehungsweise die Sonderabteilung „Emerald City“, soll nach dem Willen des Gefängnisleiters Tim McManus ein Experiment zur Wiedereingliederung sein. Es gibt keine Gitter, sondern Glaswände, was totale Überwachung bedeutet, aber Gewalttaten nicht verhindert. „Die Zelle ist euer Zuhause. Wir sagen euch, wann ihr zu schlafen habt, wann ihr esst und wann ihr pinkelt“, wird den Neuankömmlingen von den Wärtern eröffnet. Die wahren Regeln aber machen nicht sie, sondern die Chefs der Häftlingsclans. Da gibt es die italienische Mafia, die Iren, die Biker, die Muslime, die schwarze Drogen-Gang, die Arian Brotherhood und mittendrin ein paar Einzelgänger wie der wegen eines Unfalls mit Todesfolge verurteilte Anwalt: Sie sind als Opfer prädestiniert. „Oz soll ein Modellversuch sein. Für mich ist es ein Konzentrationslager“, sagt der Erzähler Augustus Hill. In „Oz“ geht es ums nackte Überleben, das ist von der ersten Szene an klar.

          Für Serienfans ist das ein Wiedersehen mit einer Reihe von Schauspielern, die später andernorts auftrumpften, ein echtes Who’s who: Edie Falco („Sopranos“, „Nurse Jackie“), Lauren Vélez ( „Dexter“), Kathryn Erbe („Criminal Intent“), J. K. Simmons („The Closer“), Christopher Meloni („Law & Order“) oder Harold Perrineau („Lost“, „Sons of Anarchy“), um nur einige zu nennen. Das Beste aber ist: „Oz“ wirkt nicht wie von vorgestern oder wie aus der Zeit gefallen, sondern wie frisch aus dem Ei gepellt und moderner als vieles, was die hiesige Produktion gerade erst hervorbringt. Das gilt für die Erzähl- und Produktionsweise, für Handlung und Dialoge ebenso wie für die einfließenden Themen - in der ersten Folge etwa soll ein Rauchverbot in „Oz“ durchgesetzt werden, was zu einem veritablen Aufstand führt. Ohne Drogen läuft in diesem Knast nichts, ohne Tabak schon gar nicht. Und die Idee mit der Stille-Übung im Stuhlkreis erweist sich ebenfalls als fatal. Diese „Hölle hinter Gittern“ ist eine Referenzgröße, die heute noch gilt.

          Die wahren Regeln machen nicht die Wärter, sondern die Chefs der Häftlingsclans: der Iren, Biker, Arian Brotherhood oder Muslime

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