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„Aus der Spur“ bei Arte : Desperado im System

  • -Aktualisiert am

Im Knast bekommt er Applaus, doch der Robin Hood, für den manche ihn halten, ist Alain (Éric Cantona) mitnichten. Bild: Arte/Stephanie Branchu

Heimzahlung in harter Münze: Ziad Doueiri hat mit der Serie „Aus der Spur“ eine Parabel über den Aufstand eines Arbeitslosen gedreht. Man merkt, dass er bei Quentin Tarantino gelernt hat.

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          „Diese Leute gewinnen am Ende immer.“ Wie oft hat man einen solchen Satz in sozial echauffierten Dramen schon gehört? Und wie selten gelingt es, eine solche zum Mitnehmen abgepackte Botschaft aufzuschnüren? Hier aber ist es so, und das in französisch-harter Fernseheleganz: Im Grunde dreht sich die in schmutzigen Realismus getunkte Miniserie „Aus der Spur“ einzig um die Frage, wie sich „diese Leute“ eigentlich von den anderen unterscheiden. Es spricht für die Serie und ihren nicht ganz verlässlichen Protagonisten, dass diese Reflexion teils im Verborgenen stattfindet.

          Die für Arte produzierte Serie mit Éric Cantona – Ex-Fußballprofi von Manchester United, Anti-Banken-Aktivist und hochtalentierter Schauspieler – in der Rolle des sich (und seine Klasse) ermächtigenden Arbeitslosen Alain Delambre ist ein Überwältigungscoup, eine Geiselnahme der Zuschauer. Der libanesisch-französische Regisseur Ziad Doueiri hat lange als Kameraassistent bei Quentin Tarantino gearbeitet, bevor er mit eigenen Filmen für Aufsehen sorgte, zuletzt mit „Der Affront“, der an einer Beiruter Fehde die Eskalationsspirale von Vorurteilen und Gewalt durchexerziert. Jetzt geht er aufs Ganze, denn „Dérapages“ ist Desperado-Thriller, Familiendrama und Sozialstudie in einem, Empörungsmärchen und Revoluzzerdekonstruktion, eine coole Melange aus „Léon – Der Profi“ und einer Brecht-Parabel, verfeinert mit einer Prise „Ein Prophet“, „Zeugin der Anklage“ und „Bad Banks“.

          Einblicke in die oberste und die unterste Etage der Gesellschaft

          Allerdings benötigt die Produktion selbst einen Startkredit, denn in der ersten, zu sehr auf Kontraste setzenden Episode stolpert sie in ihr Sujet hinein. Alternierend gestattet uns das Drehbuch von Pierre Lemaitre und Perrine Margaine Einblicke in die oberste und die unterste Etage der französischen Gesellschaft. Auf der Sonnenseite steht der geleckte, skrupellose, soeben durch einen entgangenen Deal düpierte Unternehmer Alexandre Dorfmann (Alex Lutz), Vorstandschef des Luftfahrtunternehmens Exxya. Dorfmann kommt auf die schräge Idee, die Widerstandskraft und Loyalität seiner Manager zu testen, indem er eine Geiselnahme fingieren lässt. Wer sich am besten schlägt, soll mit einem lukrativen, aber schwierigen Job betraut werden: der Leitung jener Niederlassung, die wegen des entgangenen Deals mehr als tausend Arbeitnehmer zu entlassen hat. Da wir in Frankreich sind, droht ein waschechter Bürgerkrieg: „Da wird man nicht nur Autoreifen anzünden“, nein, „die Arbeiter werden die Produktionsmaschinen in die Luft sprengen und die Fabrik anzünden“.

          Sicherlich zuzutrauen wäre das Delambre, der in Zwischenbildern direkt zu uns spricht. Nur ist Dorfmanns Gegenspieler gar kein Arbeiter, sondern der ehemalige Personalchef eines kleinen Unternehmens. Mit knapp fünfzig Jahren wurde er entbehrlich und zum Langzeitarbeitslosen. In dieser Hinsicht haben die Filmemacher sich nicht lumpen lassen. So brutal verschimmelt wie in der Wohnung Alains sieht es vermutlich im kaputtesten Gelbwesten-Apartment nicht aus. Ans Plakative grenzt die Armutsüberzeichnung auch sonst, denn obwohl Alains Frau (Suzanne Clément) einen guten Posten hat, Tochter Lucie (Alice de Lencquesaing) als Anwältin arbeitet, was noch wichtig wird, und Tochter Mathilde (Louise Coldefy) gerade eine Wohnung kauft, kann sich Alain nicht einmal eine neue Brille leisten, sondern muss die alte mit Klebeband reparieren. Die Rechnungen stapeln sich bis unter die Decke, ein Ausraster kostet ihn den Nebenjob, und seine Depressionen wirken sich – französischer Film eben – im Bett aus.

          Gut, weil ehrlich, ist aber, dass die Wut des Aufbrausenden („Manchmal hatte ich Gefühle wie ein Terrorist“) oft die Falschen trifft, den in einer Bank arbeitenden Schwiegersohn (Nicolas Martinez) etwa. Erzählerisch umständlich ist, wie der Protagonist – als Pseudokandidat für einen anderen Posten – mit Exxya in Kontakt kommt. Er muss nun die nichtsahnenden Manager während der Geiselnahme befragen. Da hat der Protagonist aber längst entschieden, die versammelten Großkapitalisten zu zwingen, nach seinen Regeln zu spielen. In diesem Moment nimmt die Serie dermaßen an Fahrt auf, dass man sie atemlos bis zum bis zuletzt völlig offenen Schluss ansehen muss. Derart gebrochene Figuren ist man hierzulande kaum gewohnt, denn Alain benutzt in seinem Trotz schamlos die Zuneigung derer, die ihn lieben, und er betrauert das zugleich.

          Es entspinnt sich ein über Gewalt, Medien und kluge Bluffs geführtes, wenig Rücksichten kennendes Duell der Kontrahenten, das sich aber nicht nur als Miniaturausgabe des Klassenkampfes erweist, sondern auch als individuelles Psychodrama: Kaum je sagt Alain jemandem die volle Wahrheit, weder während der Geiselnahme noch im Gefängnis oder im Gericht. Die Worte des Staatsanwalts, man habe es mit einem hochmanipulativen Menschen zu tun, scheinen so falsch nicht zu sein. Und als charismatischer Held, der das System herausfordert, wickelt er auch die Zuschauer um den Finger: Sympathien für die mafiösen Wirtschaftsbosse hat wohl niemand. Und doch hält das Finale eine Überraschung bereit. Dass „Aus der Spur“ die meiste Zeit wirkt, als habe Ziad Doueiri die gegen den neoliberalen Kapitalismus gerichteten Schriften von Thomas Piketty verfilmt, ist beileibe kein Gegenargument; wie schön aber, dass die Serie dazu die Chuzpe besitzt, ihren gekränkten Helden in aller Ambivalenz und nicht als kitschigen Robin Hood zu zeichnen.

          Aus der Spur läuft in Dreierfolgen heute und nächsten Donnerstag, 21.10 Uhr, auf Arte.

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