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„Der Therapeut von nebenan“ : Der falsche Freund

  • -Aktualisiert am

Dr. Ike Herschkopf (links) therapiert Marty – und will gleichzeitig an sein Geld. Bild: AppleTV

Die Serie „Der Therapeut von nebenan“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der von seinem Psychiater fast zerstört wird. Sie ist als Comedy ausgewiesen, dabei transportiert sie tiefen Ernst.

          3 Min.

          Die fiesesten Menschen wirken niemals fies. Sie gehen mit einem Lächeln durch die Welt, sie versichern, nur das Beste für einen zu wollen, jederzeit da zu sein, sie loben jeden kleinen Erfolg wie eine abgeschlossene Doktorarbeit. Und ganz nebenbei nutzen sie einen gnadenlos aus.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Die Serie „Der Therapeut von nebenan“ handelt von solch einem Menschen. Er heißt Isaac „Ike“ Herschkopf und ist ein renommierter Psychiater mit einer Praxis in New York im Jahr 1982. Ike (Paul Rudd) trägt zu große Pullunder und Hosen, seine Haare sitzen sehr gut, er spielt mit den Jungs um die Ecke Basketball und wäre gern mit der gesamten Manhattaner „Upper Class“ befreundet. Zu seinen Patienten sagt er Sätze wie „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen“ und dia­gnostiziert dann eifrig toxische Beziehungen in deren Umfeld. Zum Beispiel in dem von Martin Markowitz.

          Markowitz (Will Ferrell), den alle nur „Marty“ nennen, ist reicher Erbe und Geschäftsführer eines Textilunternehmens. Die Verantwortung behagt ihm nicht so recht, er mag Tiere und Pflanzen mehr als Menschen. Auf Vorschläge jeder Art antwortet er nach reiflicher Überlegung meist: „Hm, ich weiß nicht.“ Gefragt nach seinen Gefühlen, sagt Marty stets: „I am fine.“ In Martys Leben ist alles „fine“. Dass etwa sein Onkel ihn verklagt, weil dieser denkt, er habe nicht genug Rückgrat, um das Geschäft seiner Eltern zu führen: „fine“. Martys deutlich temperamentvollere Schwester Phyllis, grandios gespielt von Kathryn Hahn, sieht das anders. Als ein erboster Teppichkunde bei Marty eine Panikattacke auslöst, schickt sie ihn zu „Dr. Ike“, den ihr Rabbi ihr empfohlen hat.

          Für die Beteiligten völlig normal

          Die Geschichte von Ike und Marty beruht auf wahren Ereignissen, die den echten Martin Markowitz bis zum Jahr 2011 mehrere Millionen Euro gekostet haben. Sie erzählt von einem Therapeuten, der die Schwächen seines Patienten ausnutzt, um an Geld und Ruhm zu kommen. Apple TV+ beschreibt die Produktion als schwarzhumorige Comedyserie, dabei ist ihr Kern alles andere als amüsant. Über viele Minuten der insgesamt acht Folgen hinweg ist es eine Qual, Marty und Ike zuzuschauen. Es schmerzt, weil jeder sieht, wie aussichtslos die Lage scheint, in die Marty geraten ist, und dass sie tatsächlich so extrem werden kann, dass es für Außenstehende aberwitzig scheint, für die Beteiligten aber völlig selbstverständlich.

          „Sie lassen sich von anderen Menschen ausnutzen“, sagt Ike in der ersten Therapiesitzung zu Marty, nur um dann das Gleiche zu tun. Ike ist unkonventionell, bringt Marty zum Lachen und Nachdenken. Und Marty beginnt dem Doktor zu vertrauen, der die Therapiesitzung in emotionalen Momenten häufig mit einem Blick auf die Uhr beendet, dann aber sagt, sie könnten gerne während des Mittagessens weiterreden, wenn Marty bereit sei, für die zweite Stunde aufzukommen. Was Marty gerne tut.

          Eine Freundschaft entwickelt sich. Marty finanziert nach einiger Zeit die Tickets für eine teure Gala, eine auf dem Papier gemeinsame Stiftung, die Umbauten an seinem eigenen Ferienhaus in den Hamptons, die Ike (!) will. Dort schläft Marty am Wochenende im Gästehaus, während Ike es sich mit seiner Frau Bonnie (Casey Wilson) im Haupthaus gemütlich macht und Partys mit Martys Geld veranstaltet. Wer hätte es geahnt, aber Marty ist eher kein Partytyp.

          Von Geltungssucht und Komplexen getrieben

          Wäre es eine deutsche Produktion, man wäre mit dem Stoff hoffentlich ein wenig anders umgegangen, um antisemitische Klischees wie Ikes Geldgier nicht zu bedienen. Der amerikanische Blick dürfte milder ausfallen, erzeugt aber Beklommenheit. Ansonsten ist diese Serie gut gemacht. Wann immer es Menschen gibt, die Marty vor Ike warnen, gelingt es Ike, dass er ihm umso mehr vertraut.

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          Die Regisseure Michael Showalter und ­Jesse Peretz sowie die Drehbuchautorin Georgia Pritchett treiben die Entwicklung dieser Beziehung so langsam und subtil voran, dass aus Martys Sicht alles logisch erscheint – während dem Zuschauer vor Augen tritt, wie wichtig es ist, Menschen und ihre Eigenarten zu schätzen, anstatt sie ändern zu wollen. Dass die Menschen, die einen lange kennen und lieben, auch dafür da sind, einem unschöne Wahrheiten zu sagen, die man nicht hören will. Und dass Menschen wie Ike von Geltungssucht und Komplexen getrieben sind.

          So wie Marty es in einigen (tatsächlich lustigen) Momenten versteht, Ike mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, so hätte die Geschichte auf jede erdenkliche Weise enden können. Hier sind vier Tage entscheidend. Vier Tage, die zwei durchgekaute Redewendungen bestätigen: „Taten zählen mehr als Worte“ und „Es sind die kleinen Dinge im Leben“.

          Der Therapeut von nebenan, Apple TV+

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