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Finale des „Tatortreiniger“ : So sauber, dass man sich drin spiegeln kann

  • -Aktualisiert am

Ein Meister Proper sondergleichen: Bjarne Mädel als Heiko Schotte. Bild: NDR/Thorsten Jander

Als Bjarne Mädel als der „Tatortreiniger“ anfing, wurde er vom NDR im Nachtprogramm versteckt. Verdient hatte sein komödiantisches Kammerspiel das nie. Nun putzt er die Platte – weil die kluge Autorin Mizzi Meyer es so will.

          Es ist ja ganz lehrreich, jeden Sonntag mit einer neuen „Tatort“-Episode versorgt zu werden. Die Kommissare betreten ein Paralleluniversum nach dem anderen. Über sie treffen wir Menschen, die aus den unterschiedlichsten Teilen der Gesellschaft kommen, manche von ihnen sind uns fremd, andere nah oder sollten es sein. Aber dann geht es immer um Verbrechen, meistens einen Mord. Das lenkt ab.

          Der „Tatortreiniger“, der im Dezember 2011 auf Sendung ging, im Nachtprogramm versteckt, ist da im Vorteil. Es dauert nämlich, bis das Blut von den Dielen, Sesseln und Wänden fachmännisch entfernt worden ist, und diese Zeit verwendet die Serie zur Erforschung von Mensch und Gesellschaft wie wenig andere: Heiko Schotte, Mitarbeiter der Gebäudereinigungsfirma Lausen, reist mit Kippe und alter Karre an, klingelt. Er streift den Chemieschutz-Overall über den Blaumann, die Handschuhe über die Finger und verwickelt jeden, den er am Tatort antrifft, in einen Dialog, der diese Bezeichnung verdient und so schlau und witzig und tiefgründig ist, dass man als Zuschauer dieses kuriosen Kammerspiels auf dem Sofa trommeln möchte vor Glück.

          Die 31 Drehbücher der Reihe schrieb Mizzi Meyer, die eigentlich Ingrid Lausund heißt, Dramaturgin ist und nach der Jahrtausendwende Hausautorin und Regisseurin am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg war. Für die Inszenierung, streng und präzise, steht mit dem „Stromberg“-Regisseur Arne Feldhusen ein Perfektionist besonderer Güte ein (er arbeitet gerade an einer Jugendkomödie für Netflix). Der Groove auf der Tonspur kommt von Carsten „Erobique“ Meyer; den vergisst man gerne, wenn vom Erfolgsrezept des Schattengewächses „Tatortreiniger“ gesprochen wird. Und als Heiko Schotte alias Schotty wiederum – ein einfacher Mann mit Herz am richtigen Fleck und unbändigem Interesse an Fremden und Fremdem – ist Bjarne Mädel zu sehen, der einst zum Ensemble im Schauspiel Hamburg gehörte und Feldhusen bei „Stromberg“ über den Weg lief. Diesen vieren ist zu verdanken, dass der „Tatortreiniger“ zwei Grimme- und drei Deutsche Comedypreise abräumte.

          Trost zu spenden zählt auch zu „Schottys“ Arbeitsplatzbeschreibung.

          Jetzt ist es vorbei. Die vier neuen Folgen des „Tatortreinigers“, die heute und morgen im NDR-Fernsehen laufen, sind die letzten. Und auch diese Entscheidung, die nicht der Sender traf, sondern die Autorin Ingrid Lausund alias Mizzi Meyer, flößt einem Respekt ein. Sie bewahrt den „Tatortreiniger“ davor, irgendwann doch mit einer ersten enttäuschenden Folge in Verbindung gebracht zu werden.

          Oder wie es in einem fiktiven Dialog auf der Internetseite der Produktionsfirma heißt: „Mizzi Meyer: Also gut, das war’s. Aufhörn, wenn’s am schönsten ist. Schotty: Wieso das denn?! Mizzi Meyer: Sagt man so. Schotty: Da halt ich überhaupt nix von. Ich finde, wenn’s am schönsten ist, soll man’s genießen. Außerdem weiß man doch gar nicht, ob’s vielleicht noch schöner wird. Das weiß man doch erst hinterher!“ Irgendwann sieht es Schotty dann aber doch ein, verbunden mit der Frage: „Wer, zum Teufel, ist eigentlich dieser Bjarne Mädel?“

          Die vier Folgen kommen – in den Dialogen, im Auftritt, Kamera und Musik – noch einmal so spitz auf den Punkt wie gewohnt. In „Currywurst“ muss Schotty seinen Spezial-Extraktionsreiniger in eine Galerie schleppen, in der das Bemalen weißer Wände abwechselnd als banal und meisterhaft bezeichnet wird, Kunstwerke aus echten Euroscheinen bestehen und Gemälde, die eben noch als wertlos verlacht wurden, plötzlich hohe Preise erzielen. Am Ende steht der Kunstbetrieb nackt da, als zynisches wie notfalls betrügerisches Geschäft, aber Schotty, der Fuchs, packt natürlich trotzdem ein Bild ein.

          „Rebellen“ beschäftigt sich zum Blubbern einer bräunlichen Blutlache vollumfänglich mit komprimierten Schafen, Rock ’n’ Roll und der Zeit, die uns prägt und davonläuft. In „Der Kopf“ begegnet Schotty einem Schwerstbehinderten, der Idee einer Patientenverfügung und einem fußballspielenden Sensenmann. Und das Finale? Ist eine Abschiedsfolge, wie es sich gehört: Hier treten Gestalten der „Tatortreiniger“-Geschichte abermals auf, etwa die beiden Bestatter, die Schotty einst beim Abtransport einer Leiche eine Beerdigungsversicherung aufzuschwatzen versuchten. Toll war’s mit diesem „Tatortreiniger“. Adieu.

          Die letzten Folgen von Der Tatortreiniger laufen heute, Dienstag 18. Dezember, und morgen, jeweils von 22 Uhr an, im NDR-Fernsehen.

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