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„Endabrechnung“ im ZDF : Meran sehen und schaudern

  • -Aktualisiert am

Brandursache Verzweiflung: Severin Verginer (Harald Windisch) zündelt. Bild: ZDF und Oliver Oppitz

Die „Landkrimis“ des ORF sind ein Fall für sich: Der Film „Endabrechnung“ mit Robert Palfrader und Tobias Moretti ist ein düster-melancholisches, hartes Rachedrama aus Südtirol. Sehenswert.

          Die Synchronisation fremdsprachiger Filme hat in Deutschland viele Freunde, und das ist bei spanischen, skandinavischen oder chinesischen Produktionen ja auch sinnvoll, obwohl jeder weiß, dass wesentliche Eigenarten des Originals durch sie verschwinden. Aber wie ist das bei Filmen aus, sagen wir, Österreich?

          Der Thriller „Endabrechnung“, der zur „Landkrimi“-Reihe des ORF gehört, ist ein vortreffliches Beispiel dafür, dass man da einfach ohne Übertragung ins Hochdeutsche durch muss. Auch die „Endabrechnung“ wurde zwar synchronisiert, doch nur „in geringem Maße“, wie es in einer Pressemitteilung heißt. Wir müssen die Ohren spitzen, um manchen Dialogen folgen zu können. Der Film spielt noch dazu in Meran, in der autonomen italienischen Provinz Bozen-Südtirol also.

          Dem Stück bekommt die Zurückhaltung bei der Synchronisation sehr. „Endabrechnung“, geschrieben von Peter Probst und 2016 inszeniert von Umut Dag, der danach die „Tatort“-Episoden „Sonnenwende“ und „Das Monster aus Kassel“ gedreht hat, ist ein düster-melancholisches, hartes Rachedrama. Hier geht es nicht darum, unter verschiedenen Verdächtigen einen Mörder zu finden; dass Severin Verginer (Harald Windisch) die Flinte auf einen Bankdirektor richtete, weiß der Zuschauer lange vor Commissario Peter Höllbacher (Robert Palfrader).

          „Endabrechnung“ versucht vielmehr, die Psychologie hinter der Tat zu verstehen. Weshalb es auf jede Feinheit bei der Darstellung und gerade auf die Sprache ankommt. Und weshalb die beiden Hauptfiguren Verginer und Höllbacher, ernste Typen von massiver Statur, mit denen man sich sofort an einen Grill setzen möchte, Schulfreunde sein müssen. Der Auftakt: Commissario Peter Höllbacher verkriecht sich nach dem Ausstieg aus dem Polizeidienst in seiner Heimat Meran, wo er seinem alten Kumpel begegnet und sich bei beachtlichen Mengen Wein wieder mit ihm verbrüdert.

          Beide Männer stecken in einer Lebenskrise: Höllbacher leidet daran, sensationslüsternen Journalisten den Namen eines Pfarrers verraten zu haben, der in einem Missbrauchsfall ins Visier kam; er war danach noch zur Kirche gefahren, um mit dem Pfarrer zu reden, aber da baumelte der Mann schon am Strick. Verginer hat schwere Zeiten mit dem Schlosshotel der Eltern hinter sich.

          Eines der Gelage endet im Schwimmbad des geschlossenen Hotels. Das Wasser ist raus. Verginer hat Zielscheiben an der Wand festgemacht, die sie trotz des Alkoholpegels mit Gewehrkugeln über das leere Becken hinweg zu treffen versuchen. Als Höllbacher schwächelt, pinnt Verginer für ihn das Bild des schmierigen Staatsanwalts Nicoletti (Tobias Moretti) an eine Scheibe. Höllbacher denkt daran, dass ihn sein Vorgesetzter Nicoletti zur Namensnennung des Pfarrers ermuntert hatte, und trifft. Wut hilft besser als jedes Zielwasser.

          Dienstbesprechung: Peter Höllbacher (Robert Palfrader, zweiter von links) und Staatsanwalt Nicoletto (Tobias Moretti, zweiter von rechts).

          Auf die Idee, dass Verginer hinter der Ermordung eines Meraner Bankdirektors stecken könnte, kommen weder Höllbacher noch die alten Kollegen in Bozen, die ihn zur Rückkehr in den Dienst zu überreden versuchen. Staatsanwalt Nicoletti, in seinem affektierten Gehabe als Mann der neuen Rechten erkennbar, bringt Kredite für Waffengeschäfte mit dem Irak und einen Terrorangriff des IS als Motive ins Spiel. Eine Show auf Kosten der Muslime im Ort.

          Verginer hat in seinem Büro unterdessen einen ganzen Ordner von Leuten, die er für den Ruin des Schlosshotels der Eltern verantwortlich macht. Über diesen Ordner, der weitere Tote bedeutet, solange Höllbacher nicht ein Lichtlein aufgeht, kommen Spannung und Dramatik in den Thriller. Für sie ist auch die Wiener Filmkomponistin Iva Zabkar zuständig, die ausgiebig von Streichern, Pauken und allen möglichen anderen Instrumenten Gebrauch macht. Das ist des Guten manchmal zu viel, wie es auch der quietschenden Reifen am Anfang oder, eine Idee der Regie, bei einem wichtigen Gespräch nicht eines Unwetters vor der Scheibe gebraucht hätte, um die Dramatik der Geschichte zu unterstreichen. Aber auch das trägt zur amtlichen Thriller-Atmosphäre bei, die in „Endabrechnung“ bis zum aufwühlenden Finale herrscht.

          Endabrechnung, heute, Montag, 1. Juli, um 20.15 Uhr im ZDF

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