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Der neue „Prag-Krimi“ der ARD : An der schönen schwarzen Moldau

  • -Aktualisiert am

Einkassiert: BKA-Ermittler Jan Koller (Roeland Wiesnekker, Mitte) gerät in Prag selbst unter Mordverdacht. Bild: ARD Degeto/Hannes Hubach

Auswärtsspiel für Roeland Wiesnekker: Der neue „Prag-Krimi“ der ARD ist eine absurde Komödie voller Spielfreude und sinistrem Humor. Einer der üblichen Donnerstagsfilme ist das nicht.

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          Nennt man das eigentlich „wiesnekkern“? Diese pausbäckig zerknautschte Art zu griemeln, die hinterlistiger ist als jedes Lächeln, aber auch so einladend und ansteckend, als stecke darin ein uraltes Wissen. Es erinnert ein wenig an das weise Narrengelächter über den ewig strauchelnden Menschen bei Shakespeare. So passt es ganz gut, dass die von dem Prachtschweizer Roeland Wiesnekker neuerdings verkörperte und wieder köstlich schräge Figur ein passionierter Theaterliebhaber ist. Jan Koller arbeitet zwar als Kriminalpolizist (wie jede zweite Fernsehfigur), aber auch als solcher versteht er die Welt als Bühne. Und er weiß, dass Delinquenten oft die besten Schauspieler sind. Es gilt, sie auf dieser Ebene herauszufordern, mitzuspielen und zu bluffen.

          Koller, der Schalk, besucht uns nun hin und wieder am Donnerstag, wenn in der ARD sozusagen die Euroversionen des „Tatorts“ laufen, die gern an noch exotischeren Orten als Saarbrücken und Kiel spielen, in Tel Aviv etwa, in Lissabon, Barcelona, Istanbul, Bozen, Kroatien oder Island. Wobei natürlich stets (Akzent-)Deutsch gesprochen wird. Nach unzähligen Postkarten-Krimis erweitert das Erste die Ermittler-Palette gerade um neue Farben. Während der vor zwei Wochen gestartete „Amsterdam-Krimi“ im Kern eine Liebesgeschichte vor düsterem Thriller-Hintergrund erzählt, hebt der neue „Prag-Krimi“, in dem neben Wiesnekker auch Gabriela Maria Schmeide als Kollers Kollegin Klára Majerova eine gute Figur abgibt, auf dunkel eingefärbte Situationskomik ab. Vor kitschfreier nächtlicher Stadtkulisse liefern sich die Darsteller mimisch-lakonische Duelle von Format.

          Der erste Fall nach einem Drehbuch von Jaroslav Rudis, Martin Behnke und Felix Benesch ist für diesen Sendeplatz überdurchschnittlich gut gebaut. Dass der Berliner BKA-Mann Amtshilfe in Prag leistet, erklärt sich durch den gewaltsamen Tod seines Kollegen Frank Müller (Dirk Borchardt) eben dort. Koller, obwohl selbst Tscheche, mag die Stadt an der Moldau nicht, mit der ihn traumatische, nur in Andeutungen mitgeteilte Familienerinnerungen verbinden, kann sich aber der Anweisung seiner Chefin, die einmal seine Lebensgefährtin war, nicht widersetzen. Schnell wird klar, dass Frank die Stunden vor seinem Tod beim Junggesellenabschied seines in Prag lebenden Bruders Jörg (Hendrik Heutmann), eines Malers, verbracht hat. Die kleine Gruppe, zu der auch ein Gockel von Galerist (Arnd Klawitter) sowie Franks Sohn (Max Hegewald) gehören, hat beinhart gefeiert und dabei zahlreiche Probleme miteinander ausgefochten, wie die Rekonstruktion des Abends ergibt.

          Aussprache: BKA-Mann (Dirk Borchardt, rechts) und sein Sohn Sven (Max Hegewald).

          Diese Rekonstruktion aber ist der Clou des Films, denn Koller, der gewöhnlichen Verhörmethoden wenig abgewinnen kann, schlägt vor, den gesamten Abend nachzuspielen, wobei er in die Rolle des Opfers schlüpft. Das hat weniger mit „The Mentalist“ zu tun als mit Agatha Christie. Dank klug verschachtelter Rückblenden sehen wir den Hergang von da an in doppelter Perspektive, aber nicht wirklich zweifach. Kreuz und quer durchs Prager Nachtleben geht es, wobei die Bilder immer surrealer werden, entrückte Ballereien in einer Gotcha-Halle, auf einer nackten Frau servierter Nachtisch für alle. Wie sich der früh gehegte Kunstfälscher-Verdacht schließlich erhärtet, ist so salopp, dass man merkt, wie wenig ernst die Krimi-Komponente gemeint ist. Die schwarzhumorige Reihe will vor allem ein Spielfeld sein für den traumtänzerisch auf der Linie zwischen Wahnsinn und Genie balancierenden Kommissar; und ein wenig auch für seine lustig burschikose Kollegin.

          Der zweite Fall nach einem Buch von Nils-Morten Osburg und Marc Terjung, der gegenüber dem Piloten etwas an erzählerischem Schwung verliert, schließt horizontal insofern an, als Koller seinen bislang für tot gehaltenen Vater besucht. Von dessen Aufenthalt in einem Prager Pflegeheim hat er am Ende von Episode eins erfahren. Hier gerät Koller in die drollig obskure Gesellschaft deutscher Auslandssenioren und wird am nächsten Morgen, mit Amnesie geschlagen, auf einer Leiche liegend gefunden. Plötzlich unter Mordverdacht stehend, muss er nun den eigenen Besuch rekonstruieren, was durchaus unterhaltsam ist. Es erstaunt, dass die Regie in beiden Fällen von Nicolai Rohde stammt, denn die Optik ist sehr verschieden: Grandezza und Offenheit hier, Kammerspielenge dort. Gänzlich hinweggesetzt hat man sich in der zweiten Episode über die Konvention der Stadtansichten: ein Prag-Krimi ohne Prag, das ist schon wieder wunderbar gewiesnekkert.

          Der Prag-Krimi: Wasserleiche läuft heute, Donnerstag 6. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten. Der kalte Tod läuft am kommenden Donnerstag.

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