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Letzter „Tatort“ aus Luzern : Mit Vollgas in die letzte Kurve

Interview, jetzt nicht: Kommissar Flückiger (Stefan Gubser) ist über das Auftauchen des Teams von „Veritas News“ alles andere als erfreut. Das steigert sich noch. Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Der Schweizer „Tatort“ war jahrelang eher untertourig unterwegs. Zum Abschied dürfen Flückiger und Ritschard richtig aufdrehen – landen aber in einem abstrusen Korruptions- und Medienkomplott.

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          Um abgedroschene Phrasen ist Regierungsrat Planker nicht verlegen. „Global denken, lokal handeln“ müsse man, sagt er mit dem Glas Sekt in der Hand, und „mehr Gemeinsamkeit wagen“. Der Applaus der versammelten Luzerner Hautevolee aus Politik und Wirtschaft ist höflich. Die Speisen, die auf dem Ausflugsdampfer auf dem Vierwaldstättersee gereicht werden, sind vom Feinsten, die Portionen übersichtlich. Doch es dauert nicht lange, da geht es nicht mehr um Wachteleier und Wasabi-Püree. Erst stört ein krittelnder Kantonsrat die Runde, dann geht es Knall auf Fall: ein Angriff auf die Festgesellschaft mit Signalpistolen, ein toter Kapitän, mittendrin Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser), der nur seiner Freundin Evelyne zuliebe mitgekommen ist und schon die Journalisten des Portals „Veritas News“ am Hals hat, die mehr über den „Terroranschlag“ wissen wollen.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Über dessen Hintergründe scheint der Portalmacher Frédéric Roux (Fabian Krüger) besser informiert zu sein, als es die Polizei für erlaubt hält. Bei „Veritas News“, das über Waffengeschäfte und Schmiergelder spekuliert und sich fortwährend über die Ermittlungen der Luzerner Kripo mokiert, laufen jedenfalls die Videos eines mit unappetitlicher Schweinsmaske auftretenden „Nero“, der eine Straftat ankündigt, nach der alle seine „Botschaft“ verstünden.

          Weiter kommen Flückiger und seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) in diesem Fall erst, als die Computerspezialistin des Kommissariats Corinna Haas (Fabienne Hadorn) sich illegal Zugang zum Server von „Veritas News“ verschafft. Das freilich hat für sie Folgen. Kommissar Flückiger, den wir in den vergangenen acht Jahren und siebzehn Fällen (sechzehn mit Liz Ritschard gemeinsam) aus Luzern vor allem als Stoiker kennengelernt haben, hat da schon längst die Nerven verloren. Er poltert und wird handgreiflich, alles vor der laufenden Kamera von „Veritas News“, dessen Macher ihn vor sich hertreibt. Kommissarin Ritschard hat, trotz Grippe, ihre Sinne besser beisammen.

          Letzter Auftritt im „Tatort“: Delia Mayer als Kommissarin Liz Ritschard.
          Letzter Auftritt im „Tatort“: Delia Mayer als Kommissarin Liz Ritschard. : Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

          Aber es ist wenigstens etwas los in diesem Krimi (Regie Tom Gerber, Drehbuch Felix Benesch und Mats Frey), schön gefilmt mit düsteren Bildern vom See (Kamera Jan Mettler) ist er auch, was man von etlichen Vorgängerfolgen aus der Schweiz nicht unbedingt behaupten konnte. Auch die Hauptfiguren sind mit einem Mal lebendiger. Erst bei ihrem letzten Auftritt dürfen die Schauspieler aufdrehen. Das Untertourige, das dem Schweizer „Tatort“ zu eigen war, hat auch Stefan Gubser zwischenzeitlich bemängelt. Nun, beim letzten Fall mit ihm und Delia Mayer soll offenbar alles wettgemacht werden, was im kommenden Jahr mit dem neuen Schweizer „Tatort“ aus Zürich und den Hauptdarstellerinnen Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher besser werden soll.

          Überragend im Abgang sind die Luzerner freilich immer noch nicht. Der Stimmungswandel der Figuren, die darunter leiden, dass ihr Schweizerdeutsch auf Hochdeutsch nachsynchronisiert wird, wirkt unmotiviert. Das gilt besonders für Kommissar Flückiger, der auf seine alten Tage zum Dirty Harry wird. In den Fall wird alles hineingerührt, was gerade angesagt ist. Es geht um Korruption und schmierige Geschäfte in Politik und Medien. Politiker sind korrupt, Journalisten sensationsgeil, „die da oben“ stecken unter einer Decke, und im System steckt der Wurm: So klingt es, wenn der Attentäter „Nero“ seine Aufsager macht, tendenziell aber auch bei Kommissar Flückiger, der schließlich sogar den Verdacht haben muss, sein Chef stecke mit anderen, die in diesen Fall verwickelt sind, unter einer Decke.

          Von der Machart her ist das holzschnittartig, belehrend und simpel, wie wir es auch von anderen Sonntagskrimis der ARD kennen, und nicht nur von diesen. Wobei nicht ganz klar ist, ob man „Veritas News“ mit seiner Aufwiegelei gegen das „System“ für eher links oder rechts halten soll. Es bleibt uneindeutig wie so vieles in dieser Geschichte. Dahinter am Ende ein populistisches oder gar „rechtes“ Weltbild der „Tatort“-Schreiber vermuten kann man als Fernsehkritiker freilich nur, wenn man den eigenen Kompass gen hysterische Übertreibung verpeilt hat. Was wir hier im „Tatort“ zu sehen und zu hören bekommen, ist vielmehr wohlfeil. So wohlfeil wie die Antwort des Schauspielers Stefan Gubser auf die im Presseheft der ARD zitierte Frage, auf was man sich in Zeiten von Fake News eigentlich noch verlassen könne: „Eine schwierige Frage: Ich verlasse mich nur noch auf Quellen, von denen ich überzeugt bin, dass sie vertrauenswürdig sind, aber auch da kann man sich sehr schnell täuschen. Wirklich verlassen kann man sich eigentlich nur auf den Tod, der hat noch keinen beschissen.“

          Diesen Schuh von „Medienkritik“ mag sich anziehen, wem er passt. Wir halten es lieber mit dem „Tatort“-Schauspieler und „Tatort“-Kritiker Til Schweiger, der sich bei der letzten Episode mit Ulrich Tukur (und unserer begeisterten Kritik an dieser Stelle) an die Augsburger Puppenkiste erinnert fühlte und etwas zu lachen hatte.

          Das Finale aus Luzern ist dann ein echter Kracher. Oder sagen wir: fast. Sein Wunsch zum Schluss, sagte Stefan Gubser, sei – „dass der neue ,Tatort‘ aus Zürich ein voller Erfolg wird“. Dem kann man sich nur anschließen.

          Tatort: Der Elefant im Raum, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten

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