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Der „Kroatien-Krimi“ in der ARD : Was weiß denn der Psychopath vom Leid der Landbewohner?

  • -Aktualisiert am

Bei der Überzeugungsarbeit: Branka (Neda Rahmanian, rechts) setzt sich zu Brigita (Sarah Bauerett) um zu reden. Bild: ARD

Der „Kroatien-Krimi: Der Mädchenmörder von Krac“ verliert sich in dem Vorhaben, Heimatfamiliendrama und Thriller gleichzeitig zu sein. Erstaunlich, was bei der ARD immer wieder misslingt.

          Der „Kroatien-Krimi“ im Ersten war bislang als Gebrauchskrimi recht vielversprechend. Im Mittelpunkt steht Neda Rahmanian als taffe Polizistin mit ungewöhnlichem Liebesleben, die sich für ihre beruflichen Extravaganzen vor einem Rat knorriger uralter Männer verantworten muss – und sie schlau auszutricksen versteht.

          Dazu eine inzwischen friedvolle, oft atemberaubend schöne Naturkulisse, in der jeder neue Ausbruch von Gewalt umso schrecklicher wirkt. Und Fälle, in denen nicht lang zurückliegende Kriegstraumata eine wichtige Rolle spielen. Alle Folgen wurden bislang vom Autor Christoph Darnstädt entwickelt und von Michael Kreindl inszeniert. Auch der fünfte Fall, „Der Mädchenmörder von Krac“, stammt von ihnen. Im Gegensatz zu den vorherigen aber ist sein Grundkonflikt aktuell, das dazugehörige Personal archaisch bis theaterdramenklassisch in Szene gesetzt und die Auflösung der Zweitstory um einen Serienmörder in den letzten Minuten so brutal, dass man den Film nicht als Familienunterhaltung empfehlen möchte.

          In und um Krac scheint die Zeit seit den Siebzigern stehengeblieben zu sein. Die weitläufigen Bergketten hinter der Küste Dalmatiens wirken wie Landschaften aus „Winnetou“-Verfilmungen – und sind es tatsächlich. Während Split wieder von Touristen überlaufen ist, liegt Krac abseits der Besucherrouten, seit eine neue Schnellstraße das verschlafene Dorf praktisch von den Zeitläuften abgeschnitten hat. Hier träumen die Jugendlichen in einer malerischen Burgruine von der Flucht nach Zagreb, und die Alten halten den Katholizismus als Schild gegen Unzucht und Unbill hoch.

          Die Freundin, hilft beim Heimlichtun vor den Eltern

          Um das einsame Gasthaus von Anko Tomic (Martin Feifel) und seiner verhärmten Frau Katarina (Barbara Philipp) steht es besonders arg. Kein Tourist verirrt sich mehr ins verlassene Restaurant, in der Pension warten die gemachten Betten vergeblich auf Durchreisende. Tochter Eva (Caroline Hartig), gerade achtzehn, will mit ihrem Freund Dejan (Gustav Schmidt) abhauen, um in der Großstadt Zagreb eine Zukunft zu suchen. Auch ihre Schwester Sonja (Emily Kusche) hält nichts beim gewalttätigen, trunksüchtigen Vater und der hilflosen Mutter. Darka (Helen Woigk), die Freundin, hilft beim Heimlichtun vor den Eltern. Martin Feifel und Barbara Philipp spielen ihre fatalen Figuren etwas ermüdend dauerexpressiv. Besonders Feifel, den man so und ähnlich schon gesehen hat, lässt in Anko alle Erniedrigten und Beleidigten von Gerhart Hauptmann bis Dostojewskij erstehen.

          Nach einem Treffen mit Dejan liegt Eva morgens tot in der Schlucht, die unfreundliche Pathologin Brigita Stevic (Sarah Bauerett) gerät gleich wieder mit Kommissarin Branka Maric aneinander – das misogyn grundierte fortwährende Kompetenzgerangel zwischen den Frauen scheint besonders in dieser Folge überflüssig – und Kollege Emil Perica (Lenn Kudrjawizki) ermittelt bevorzugt freundlich zugewandt. Branka Maric, schlau und schnell, erfährt von einem zweiten Mädchenmord ein Jahr zuvor. Da die Leiche auf der anderen Seite der Gebietsgrenze zwischen Mittel- und Norddalmatien lag, war die Dienststelle Sibenik zuständig; mithin ein unfähiger rassistischer und sexistischer Kommissar, Ivan Bago. Ihn spielt David Rott mit sichtlichem Spaß als Alter-weißer-Mann-Karikatur.

          Aufgeklärt wurde die erste Tat nie, Bago schloss den Fall als Werk „sexuell unterernährter“ Muslime ab, die sich jetzt im „Gutmenschen-Deutschland“ tummelten. Der Zuschauer weiß zu diesem Zeitpunkt längst, dass ein als Monstertruck in Szene gesetzter Benzintankwagen und ein psychopathischer Killer bei den Morden eine entscheidende Rolle spielen (Kamera Stefan Spreer). Ein weiteres Mädchen wird missbraucht und getötet, bevor Branka Maric in seine Folterhöhle gerät.

          „Der Mädchenmörder von Krac“ verhebt sich dieses Mal mit der Parallelführung zweier Geschichten, von denen die eine von Familienbanden und Schuld und Sühne handelt und die andere filmästhetisch am Psychothriller amerikanischer Prägung Maß nehmen möchte. Es bleiben einem die Bergwelt und der Ausblick auf eine bessere Folge gleich nächste Woche („Der Henker“).

          Der Kroatien-Krimi: Der Mädchenmörder von Krac läuft heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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