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„Neben der Spur“ im ZDF : Wer manipuliert hier wen?

  • -Aktualisiert am

Im Tunnel: Ulrich Noethen spielt den Psychiater Joe Jessen. Bild: ZDF und Marion von der Mehden

Das Duo Psychiater und Kommissar in „Neben der Spur“ mit Ulrich Noethen und Juergen Maurer wird immer interessanter. Cool gefilmt und psychologisch feinjustiert ist der Krimi auch. Jetzt fehlt nur noch ein spannender Fall.

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          Fernsehen ist selten Philosophie, aber einen kategorischen Imperativ gibt es durchaus. Er lautet: Irritiert uns! Offen, komplex, verwoben und gewagt soll erzählt werden – wird es aber hierzulande so selten. Umso schöner, wenn es (in Maßen) doch einmal gelingt, und das nicht in einer Arthouse-Produktion für Spezialinteressierte, sondern in einem Mainstream-Thriller zur besten Sendezeit. Die Irritation beginnt schon beim Namen der Hauptfigur: Joe Jessen, so heißt niemand (bei uns heißen die Jessens Jens oder Eike), und schon gar nicht in Hamburg, wo der grüblerische Psychiater J. J. praktiziert. Der leicht sonnengegerbt schmeckende Anglizismus erklärt sich schnell, schließlich heißt die Figur in der Romanvorlage des australischen Krimiautors Michael Robotham Joseph mit Vornamen, weiter allerdings O’Loughlin, das war dann wohl doch zu exotisch.

          Tatsächlich schlägt das Irritationsmoment hier aber jede Vorlagentreue, denn die Zentralfigur der mittlerweile sechs Episoden umfassenden ZDF-Reihe „Neben der Spur“ ist auch sonst die fleischgewordene Transgression der üblichen (und nebenbei durchaus erfüllten) Genreklischees. Das liegt zu guten Teilen an Ulrich Noethen, der in faszinierender Konzentration die allzu menschlichen Untiefen seiner Figur auslotet, was in Thrillern nicht die Norm ist. Auf dem zur eigenen Leinwand werdenden, großen Noethen-Gesicht arbeitet die Mimik dabei mitunter gegen die Handlung an, und es ist eine Freude, ihr dabei zuzusehen, gerade wenn Verzweiflung im Spiel ist.

          Diesmal wirkt der parkinsonkranke, von seiner ihm noch zugetanen, aber keine Liebe mehr aufbringenden Frau (Petra van de Voort) verlassene Psychiater besonders verstört; schließlich hat er jüngst, wenn auch in Notwehr, einen Menschen erschossen: sozusagen die Selbstnegation als Arzt. Als dann noch bei einem Einbruch Jessens beachtlich große Praxis verwüstet wird, sucht er Hilfe bei seinem Freund Kommissar Ruiz, ruppig ernst und doch vielschichtig gespielt von Juergen Maurer. Ruiz kommt nicht sofort, denn er ist mit einigen Morden befasst, die bald viel mit Jessen zu tun haben werden.

          Regisseur Josef Rusnak hat die abermals von Mathias Klaschka dramaturgisch sicher adaptierte Vorlage in kühler Optik – bläuliches Licht, klare Linien, viel Bildtiefe – in eine so dichte wie packende, Unerklärtes nicht scheuende Handlung umgesetzt. Die zunächst unverbunden wirkenden, bewusst leicht sprunghaft inszenierten Stränge erweisen sich nach einiger Zeit als eng verflochten, manche Szenen aber lassen mehrere Interpretationen zu.

          Wenn dem traumatisierten, depressiven Helden der von ihm getötete Serienmörder (Gerhard Liebmann) als äußerst real wirkender Quälgeist erscheint, dann könnten wohl auch einige der anderen Erlebnisse Wunsch- oder Angstträume sein. Nachvollziehbar ist, dass dem Protagonisten seine sonst fast seherische Gabe bei der Eigenanalyse nicht weiterhilft, wie die Ex-Frau in einer zu Herzen gehenden Szene bekümmert konstatiert. Ästhetisch ist das alles rund: Melancholie sieht in Hamburg immer noch am besten aus.

          Jessen muss sich nun mehr und mehr der Frage stellen, wie sehr ihn Milena Lorenz (Anna Bederke) manipuliert, eine Patientin, deren Mann verschwunden ist und die in ihrem Therapeuten, wie dieser möglicherweise auch nur hofft, mehr als einen Vertrauten zu sehen scheint. Die Zuschauer wissen da bereits von Milenas Doppelleben als Edelprostituierte und besorgte Mutter; auch ihr Sohn spricht mit einem imaginären Freund, die Tochter sucht im Netz wie besessen nach dem Vater. Dankbar ist man für die Zurückhaltung bei der Darstellung des Rotlichtmilieus, die hier einmal nicht zum Gangsterklamauk gerät.

          Die weitere Entwicklung des Geschehens, bei der von Rachephantasien, Suizidneigungen, sexuellen Attraktionen, bis zur Schizophrenie reichender Verdrängung, Beschützer-Obsessionen und Traumabewältigung alles aufgeboten wird, was die Psychologie hergibt, kann in dieser Ballung freilich kaum mehr realistisch genannt werden – am wenigsten wohl das allzu bestsellerwuchtige Finale. Erzählpsychologisch aber ist es stimmig.

          Wenn schon alle nur denkbaren Psychosen aufeinandergehetzt werden, als solle der gesamte diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen verfilmt werden, dann bitte unter Aufsicht solcher Darsteller – Noethen und Maurer –, die daraus Funken zu schlagen wissen. Etwas neben der breiten deutschen Ermittlerspur haben sich diese beiden Antihysteriker zu einer der interessantesten Paarungen im hiesigen Krimifernsehen gemausert. Marie Leuenberger alias Kommissarin Anna Bartholomé ist in ihrer unprätentiös zupackenden Art eine würdige Ergänzung. In diesem coolen Hamburg sollte sich doch auch Erlösung für den leidenden Lonely Joe finden lassen.

          Neben der Spur – Erlöse mich läuft heute, Montag 20. April, um 20.15 Uhr im ZDF.

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