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Die Kika-Jugendserie „5vor12“ : Die müssen einfach mal raus

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Jeder hat sein Päckchen zu tragen: Lennox (Yusuf Çelik, l.), Otis (Philipp Julio von Schade), Tschakko (Arton Novobredaljia), Monika (Janne Drücker), Malte (Klaus Bobach Rios) und Jonas (Junis Marlon) in einer Szene aus „5vor12“. Bild: BR/TV60Filmproduktion/Niklas Weise

Sie hätten auch ins Gefängnis gehen können: In „5vor12“ sollen jugendliche Straftäter auf einer Alm zur Besinnung kommen. Umwerfend sind Tempo, Ton und Ästhetik der Kinderkanal-Jugendserie.

          Mit Namen wie Kurt Hahn oder Jörg Ziegenspeck, den Vordenkern der Erlebnispädagogik in Deutschland, muss man der Mutter nicht kommen, die ihren Sohn samt Gepäck auf einem Parkplatz am Rande der Alpen absetzt. Sie flucht über den Anwalt, der die Strafe ihres Sohnes nicht abwenden konnte. Insgeheim auch über die eigene Ohnmacht. Der Gedanke an die Gestalten, mit denen ihr Filius die nächsten sechs Wochen verbringen muss, bringt sie den Tränen nahe.

          Für Malte (Klaus Bobach Rios) ist das ein peinlicher Auftritt von Mami. Er ist ein schwächlicher Knabe, und jene, die ihn am Parkplatz in Horst-Buchholz-Gedenkpose begrüßen, wissen die Steilvorlage zu nutzen. Ihre Sticheleien deuten einen durchgehenden Faden der Geschichte dieser Jugendserie an, die der Bayrische Rundfunk für den Kinderkanal produzierte: „5vor12“ erzählt von Jugendlichen, die von Richtern die Chance zu einer pädagogischen Maßnahme statt dem Gefängnis erhielten. Sozialpädagogen karren sie in die Berge, um sie aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen. Sie wandern mit ihnen zu einer entlegenen Alm.

          Trotz realistischer Anmutung eine kluge Geschichte

          Dort müssen sie erst einmal arbeiten – im Freien genauso wie an sich selbst. Oft haben sie eine schwierige Persönlichkeit und eine verkorkste Biographie im Gepäck. Ein schnell geschnittener Vorspann deutet unschöne Dinge an. Ähnliches meint man vor Jahren bei den Privaten gesehen zu haben. Als etwa RTL vier Staffeln von „Teenager außer Kontrolle – letzter Ausweg Wilder Westen“ produzierte. Eine ferne Verwandtschaft verbindet „5vor12“ auch mit den Abenteuerreisen, die der Kinderkanal sonst so bebildert: harmlosen Doku-Soaps wie „Mädchen-WG: Urlaub ohne Eltern“, „Jungen-WG: Sommer, Sonne, elternfrei“ oder „Durch die Wildnis“, dessen vierte Staffel nun ausgerechnet direkt vor „5vor12“ im Programm klebt. Doch „5vor12“ ist im Gegensatz zu seinen Vorgängern ein nachdenkliches und vor allem vollkommen fiktionales Format.

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          Trotz der realistischen Anmutung erzählt die Serie über 24 Episoden eine kluge Geschichte, die Tilmann Roth und Marcus Roth als Drehbuchautoren geschrieben haben. Die Jungen werden von sorgfältig gecasteten Nachwuchs- und Laiendarstellern, die Sozialpädagogen von Andreas Leopold Schadt („Tatort Franken“) und Janne Drücker („Marienhof“) gespielt.

          Konflikte sind nur eine Frage der Zeit

          Umwerfend sind Tempo, Ton und Ästhetik. Der Sendung gelingt es, in einem lärmenden Umfeld auf geradezu provozierende Weise langsam und leise zu sein. Bild und Ton verpflichten sich konsequent der aufgezwungenen Entschleunigung der Protagonisten und ihrer widerwilligen Auseinandersetzung mit den eigenen Schwächen. Kameramann Ralf Dobrick filmte mit Handkamera und selbst im Wald oder in Hütten ohne künstliches Licht. Der Komponist Carlos Cipa schrieb eine musikalische Begleitung, ohne die „5vor12“ nicht den Fluss gefunden hätte, der die Serie nun ausmacht. Oft ist aber auch einfach nur der Regen zu hören. Regisseur Niklas Weise, eigentlich Werbefilmer, achtete sorgsam darauf, dass jede Figur sowohl für sich genommen als auch im Gruppengefüge zu sehen ist.

          Man möchte mit den Jugendlichen, die in der Abgeschiedenheit zu Besinnung kommen sollen, nicht tauschen. Nicht mit Malte, der bald so gehänselt wird, dass er in den Wald fliehen will. Nicht mit Lennox (Yusuf Çelik), der zwar ein attraktiver Typ ist; aber bei einem Onkel aufwuchs, der mehr trank, als beiden guttat. Fast knuffig ist Otis (Philipp Julio von Schade), dessen Tapsikeit und Hunger mitunter an Klößchen von der TKKG erinnern. Doch auch er ist nicht ohne Grund hier. Die beiden Übrigen, Jonas und Tschakko (Junis Marlon, Arton Novobredaljia), sind als Sympathieträger zunächst nicht identifizierbar. Es ist allenfalls rührend zu sehen, dass auch ein offenbar gewaltbereiter Kerl wie Tschakko im Dunkel die Flatter bekommt.

          Die Almhütte, auf der die Jugendlichen die nächsten sechs Wochen verbringen

          In dieser Konstellation sind Konflikte nur eine Frage der Zeit. Jeder der Teenager schleppt Dinge mit sich herum, die er bei den Gesprächskreisen nicht preisgeben mag. Als Jugendserie ist „5vor12“ sehr imposant. Sie hätte ein größeres Publikum verdient. Auf ihrer Grundlage ließe sich erneut über den Wert der Erlebnispädagogik diskutieren. Dass sie gerade mit Blick auf Straftäter einen schwierigen Stand hat, blendet die Serie nicht aus. Die Sozialpädagogen fluchen, als die Situation in der Abgeschiedenheit zum ersten Mal so ist, dass man vielleicht die Polizei benachrichtigen und das Projekt abbrechen muss. Sie glauben, man werde über ihre Arbeit sagen „Solche Leute gehören ins Gefängnis und nicht auf die Alm“.

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