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Der Film„The Prom“ bei Netflix : Seit wann liebt niemand Narzissten?

  • -Aktualisiert am

In Champagnerlaune: Meryl Streep als Dee Dee Allen und James Corden als Barry Glickman sind schwer in Fahrt. Bild: Netflix

Der Musical-Film „The Prom“ ist für „Glee“-Regisseur Ryan Murphy ein Heimspiel, ihr geht gegen Ende jedoch die Puste aus.

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          Es gibt Kunstformen, die auch in der Pandemie funktionieren. Musicals gehören nicht dazu, und auch ihr filmisches Pendant hat es schwer. Freilich entfalten fast alle Filme ihre Wirkung auf der Kinoleinwand effektvoller, doch opulente Musikfilme fristen auch mit der besten audiovisuellen Ausstattung im heimischen Bildschirm mit Minipublikum ein unwürdiges Dasein. Im Fall von „The Prom“ wäre das aber auch ohne Covid-19 der Fall gewesen, denn die Adaption des gleichnamigen, moderat erfolgreichen Musicals aus dem Jahr 2016 ist eine Produktion von und für Netflix.

          In einem der größten Deals der Fernsehgeschichte verpflichtete die Streamingplattform 2018 den Erfolgsproduzenten, -autor und -regisseur Ryan Murphy für mutmaßlich 300 Millionen Dollar, Formate für sie zu entwickeln. Zwei Dokumentarfilme und ein Drama hat er schon geliefert sowie drei Serien: die Highschool-Satire „The Politician“, „Ratched“, die Vorgeschichte der bösen Krankenschwester aus „Einer flog über das Kuckucksnest“, und „Hollywood“, ein Märchen über die amerikanische Filmindustrie nach dem Zweiten Weltkrieg.

          Ein wunderbarer Fall für Promi-Aktivismus

          „The Prom“, wie der Abschlussball am Ende eines amerikanischen Highschool-Jahres genannt wird, ist für Murphy ein Heimspiel. Seine Serie „Glee“ über die Musik-AG einer Highschool in Ohio machte 2009 Musicals für Teenager wieder cool. Heute hat sie Kultstatus, auch für ihren progressiven Umgang mit LGBTQ-Themen. Auch Netflix hat sich Diversität auf die Fahne geschrieben, und da passt „The Prom“ bestens rein: Von einer wahren Begebenheit inspiriert, entscheidet hier der Elternrat einer Schule in Indiana, dass der Abschlussball eher abgesagt werden soll, bevor ein lesbisches Mädchen dort mit seiner Freundin erscheint. Doch auf Twitter ist Verlass, und bald ist das gesamte liberale Amerika in Aufruhr. So auch die Broadway-Stars Dee Dee Allen (Meryl Streep) und Barry Glickman (James Corden), wenn auch zunächst aus einem anderen Grund. Gerade haben die beiden eine heiß erwartete Premiere gefeiert, da wurden sie auch schon von der „New York Times“ in Ungnade und Arbeitslosigkeit geschrieben. Die Lichter gehen aus, der Champagner fließt nicht mehr, und positive PR tut dringend not. Da kommt ihnen die lesbische Emma (Jo Ellen Pellman) gerade recht. Ein wunderbarer Fall für Promi-Aktivismus, nicht zu groß, ein „winziges Unrecht“, das leicht aus der Welt zu schaffen ist. Weil sie gerade mit im Raum sind und nichts zu verlieren haben, schließen sich auch Angie (Nicole Kidman) und Trent (Andrew Rannells) an, eine alternde Sängerin aus der zweiten Reihe und der ambitionierte Absolvent einer Elite-Kunstschule, der sich für die Sitcom-Rolle schämt, die ihn bekannt gemacht hat.

          Kurz darauf stürmt das bunte Quartett schon in bester Broadway-Manier die Turnhalle, wo gerade über den Abschlussball verhandelt wird. Und während der Großteil der Versammelten ob der unerwarteten Invasion nur mit den Schultern zucken oder proklamieren kann, dass das hier Indiana und nicht Amerika sei, kommt der junge Schuldirektor (Keegan-Michael Key) aus der Verzückung nicht mehr heraus, als er Diva Dee Dee vor sich sieht.

          Die Dynamik zwischen dem attraktiven Kleinstadt-Pädagogen, der ab und zu für ein bisschen Glamour-Kultur nach New York City flüchtet, und der alternden Diva, deren Ego in Liebesdingen gehörig angekratzt ist, gehört zu den charmantesten Seiten des Films. Hier kann Streep Facetten auch jenseits der Diva zeigen und ihrer Figur Format geben. Dem übrigen Cast gelingt das weniger, unverschuldet allerdings, denn was nicht im Drehbuch (Bob Martin & Chad Beguelin) steht, lässt sich nur schwerlich herstellen. Viel an den Figuren ist Klischee, das bringt Satire mit sich. Der Humor funktioniert auch, besonders im ersten Drittel, wenn die Narzissten in ihrem Element sind, sich mit Präsidenten gleichstellen, ihren riesigen Erfolg besingen und ihren Plan gefasst haben: „Wir werden dieser kleinen Lesbe helfen, ob sie nun will oder nicht!“

          Sobald sie in Indiana angekommen sind, ändert sich das allerdings, und die emotionalen Brüche kommen aufgesetzt und moralisch daher. Die junge Emma bleibt blass, vom Liebesfunken, der alles verändern soll, springt wenig über, genauso wenig wie von dem Schmerz, den die Ausgrenzung mit sich bringen muss. Die Anwesenheit der Musical-Stars quittiert die Schülerin mit einem ungläubigen Dauergrinsen. Sie überzeugt allerdings in den Musicalnummern, genau wie Ariana deBose, die Emmas heimliche Freundin spielt und schon für einen Tony Award nominiert war. Streep und Kidman haben Musikfilm-Erfahrung und machen ihre Sache solide, werden neben dem großartigen Andrew Rannells aber schnell unsichtbar. Viele Songs sind generisch, die regelmäßigen Hits halten allerdings bei der Stange. Am Ende steht das Spektakel, das sich in einer Menge von Broadway- oder Kinozuschauern in der passenden Lichtstimmung mit explodierendem Dolby-Surround-Sound vielleicht zu einer Erlösung hätte führen können, zur Bejahung des Wesentlichen im Unperfekten. Im Streaming-Heimkino funktioniert das leider nicht.

          The Prom läuft bei Netflix.

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