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TV-Serie „Upload“ bei Amazon : Der Fensterplatz im Jenseits kostet dich extra

  • -Aktualisiert am

Paradies ohne Apfel? Software-Designer Nathan (Robbie Amell) findet sich nach einem Autounfall im digitalen Jenseits wieder. Bild: Amazon Studios, Prime Video

Werden wir hoch- oder runtergeladen? Die Amazon-Serie „Upload“ malt sich aus, wie das Paradies als digitale Datensimulation aussieht, das ist wunderbar grauenhaft.

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          Paradiesisch ist das nicht gerade: Als der Software-Designer Nathan (Robbie Amell) bei einem Unfall mit seinem selbstfahrenden Auto tödlich verletzt wird, veranlasst seine superreiche Freundin Ingrid (Allegra Edwards), dass seine Seele in ein digitales Jenseits hochgeladen wird, welches sich bald als echter Albtraum entpuppt. Das ist die Prämisse der Comedy-serie „Upload“, die das Leben nach dem Tod als Tech-Satire anlegt.

          Hausherr dieses „Paradieses“, samt videotelefonischer Verbindung zum Diesseits, ist der Tech-Gigant Horizen, der aus dem Nachleben ein Geschäft macht. Je nach gebuchter Klasse, sprich: Datenkapazität, ist das Jenseits ein weitläufiger Privatpark, eine Bilderbuch-Wohnanlage am See oder eine schmuck- und fensterlose Betonhalle. Nathan landet immerhin in der Anlage am See, muss aber feststellen, dass die Reißbrett-Idylle erstickend ist. Sie scheint von selbstverliebten Idioten bevölkert und ist vor enervierenden technischen Pannen keineswegs gefeit. Okay, man kann die Jahreszeit per Drehknopf einstellen, und am Frühstückbuffet gibt es Speck-Donuts mit Ahornsirup. Und bei psychischer Bedrängnis stehen knuffige, sprechende Hunde zur Verfügung.

          Aber jede kleine „Extraleistung“ – etwa der Kaffee aus dem Automaten oder der richtige Golfschläger – wird über Ingrids Kreditkarte abgerechnet, und das nur mit ihrer vorab einzuholenden Zustimmung. Obwohl Nathan selbst kein besonders tiefschürfender Typ ist, muss er gewärtigen, dass er sich einer Konsumhölle versklavt hat und an der digitalen Nabelschnur einer oberflächlichen Society-Göre hängt, die Nathans Ableben als eine Art Instagram-Story inszeniert. Nathan stolpert durch ein umgekehrtes Märchen: Sieht toll aus, aber der Teufel steckt im Detail. Ähnlichkeiten mit den vermeintlich segensreichen Projekten der Weltenretter aus dem Silicon Valley sind kein Zufall.

          Wie der Comedy-Autor die Tech-Welt sieht

          Zwar behauptet der Serienschöpfer Greg Daniels, der mit Arbeitsplatz-Comedys wie „Parks and Recreation“ und der amerikanischen Version von „The Office“ Fernsehgeschichte schrieb, von sich, nicht unbedingt ein Tech-Pessimist zu sein. Daniels sagte im Telefoninterview mit uns, „Upload“ sei weder als Dystopie noch als Utopie gedacht. „Ich sehe die Tech-Welt aus der Perspektive des Comedy-Autors. Es gibt große Versprechen, aber dann gesellen sich Torheit und Geiz dazu.“

          Der Sechsundfünfzigjährige schiebt diese Idee schon seit mehr als dreißig Jahren in seinem Kopf hin und her, wie er sagt. Ende der achtziger Jahre schrieb er für die Comedyshow „Saturday Night Live“. Als er eines Tages durch New York spazierte, kam er an einem Elektronikgeschäft vorbei, in dessen Schaufenster die damals revolutionären Compact Discs auslagen. „Ich fragte mich, was man wohl alles digitalisieren könnte“, erzählt Daniels, „zum Beispiel das eigene Selbst? Wie wäre es, in einem Computer zu leben? Und wie würde es aussehen, wenn wir unser eigenes Jenseits entwerfen könnten?“ Er schrieb die Gedanken in sein Notizbuch, dachte während des Hollywood-Autorenstreiks 2008 darüber nach, einen Roman zu schreiben, und brachte das Projekt 2015 zu HBO, bevor er es im Jahr darauf an Amazon verkaufte.

          Die Serie ist vieles zugleich und nicht zuletzt auch Kapitalismuskritik: Wer sich nur das Basis-Abo des Jenseits leisten kann, lebt in „Upload“ als „2-Gig“ in einem deprimierenden Getto, in dem die Wahrnehmung eingefroren wird, wenn man seine monatliche Datenmenge überschreitet. Und Horizen beutet seine Mitarbeiter, die sich als „Engel“ per VR-Headset ins Geschehen beamen können, schamlos aus. So wird Nathans Sachbearbeiterin Nora (Andy Allo) von ihrer Chefin beschieden, sie könne erst dann einen Kredit für den Upload ihres todkranken Vaters beantragen, wenn sich ihre Kunden-bewertungen deutlich verbesserten. „Upload“ erinnert streckenweise an düstere Zukunftsversionen, etwa an die „Black Mirror“-Episoden „San Junipero“ und „Nosedive“, die sich um ein simuliertes Nachleben und den Bewertungswahn drehen, aber auch an Satiren wie „The Good Place“, das von Daniels’ „Parks and Recreation“-Mitschöpfer Michael Schur geschrieben wurde.

          Daniels betont freilich, dass sein Konzept lange vor diesen Stücken existierte. Seine Vorbilder seien andere gewesen: „Ghost“ (eine Lovestory um ein durch den Tod getrenntes Paar) im Hinblick auf die Liebesgeschichte, die sich zwischen Nathan und Nora entspinnt, „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ (eine Romanze um gelöschte Erinnerungen), was den Tonfall angeht. Aber auch Chaplins „Moderne Zeiten“ und Franz Kafka habe er im Sinn gehabt.

          Ganz so anspruchsvoll ist „Upload“ freilich nicht. Die Serie hat ihre Schwächen – darunter eine kantenlose Hauptfigur und ein paar ziemlich platte Witzeleien unter der Gürtellinie. Aber viele ihre Einfälle sind gelungen. In der zweiten Folge erhärtet sich der Verdacht, dass Nathans Tod kein Unfall war. Das verleiht der Geschichte den nötigen Schwung.

          Zudem ist Nathans Gefangenschaft inklusive seiner Abhängigkeit von einer kapriziösen Diva in Zeiten der Coronavirus-Quarantäne unerwartet zeitgemäß. Ja, sagt Daniels, die herrschenden Umstände setzten seine vor allem als Eskapismus konzipierte Comedy womöglich in ein neues Licht: „Die Überwindung des Todes durch die Wissenschaft und die Liebe gewinnt vielleicht im Licht der Krise eine gewisse Eindringlichkeit.“

          Upload läuft von Freitag an bei Amazon.

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