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„Das Weiße Haus am Rhein“ : Ein Hotel am Schicksalsstrom der Deutschen

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Die Dreesens (Nicole Heesters, Jonathan Berlin, Katharina Schüttler, Benjamin Sadler, Pauline Rénevier, von links) halten Familienrat. Bild: ARD Degeto/SWR/WDR

„Das Weiße Haus am Rhein“ erzählt die Geschichte des Hotels Dreesen. Chaplin war hier zu Gast, Adenauer, Chamberlain, Hitler. Im Fernseh-Zweiteiler sind sie Protagonisten eines dicht erzählten Familienepos, das die Zeiten spiegelt.

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          Einige Zeit nachdem der Hotelerbe Emil Dreesen (Jonathan Berlin) mit seinem Kriegskameraden Robert Harthaler (Jesse Albert) nach Ende des Ersten Weltkriegs vierhundert Kilometer nach Hause gelaufen ist, sitzt er nachts mit seiner Klarinette am Rheinufer und folgt den Klängen einer Trompete. Ein senegalesischer Angehöriger der französischen Besatzungsarmee (Farba Dieng) spielt, Emils Schwester Ulla (Pauline Rénevier) lauscht hingerissen.

          Emil, voller umwälzender Zukunftspläne, aber belastet mit einem Kriegstrauma, will die neuartige Musik lernen. Es gelingt nicht so bald. Jazz spiele man nicht wie Marschmusik, so der Trompeter. Dann ist der Stechschrittrhythmus aus Emils Kopf, er wird frei in der musikalischen Artikulation. Beide improvisieren miteinander.

          Es geht aufwärts. Der Frieden ist voller Hoffnung. Im Rheinhotel Dreesen begrüßt man den Reichspräsidenten Ebert und den Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, nebst vielen anderen prominenten Gästen. Zimmermädchen und Kommunistin Elsa (Henriette Confurius) organisiert einen Streik, falls Hoteliersgattin Maria Dreesen (Katharina Schüttler) dem Missbrauch der jungen Angestellten keinen Riegel vorschieben sollte. Die Frauen lassen sich nicht mehr alles gefallen. Fritz Dreesen (Benjamin Sadler) lebt lieber rückwärtsgewandt, verkehrt in nationalistischen Kreisen, zum Unwillen der Seniorchefin, seiner jüdischen Mutter Adelheid (Nicole Heesters).

          Die Spannungen der Zwanziger- und beginnenden Dreißiger- jahre verkörpern sie alle. Ulla neigt zu Lebensreform und Freikörperkultur, Fritz wird später Hitler als Freund bezeichnen, Maria ist katholisch-konservativ – und Emil zeigt sich als Überlebenskünstler, ist erst pazifistisch und freigeistig, dann opportunistisch. Zum Held taugt er, gebrochen durch die Erfahrung auf den Schlachtfeldern, nicht. Aber zum Motor des Nicht-Aufgebens. Eine zwiespältige Figur.

          400 Kilometer zu Fuß: Emil Dreesen (Jonathan Berlin, re.) und sein Freund Robert (Jesse Albert) kehren aus dem Ersten Weltkrieg zurück.
          400 Kilometer zu Fuß: Emil Dreesen (Jonathan Berlin, re.) und sein Freund Robert (Jesse Albert) kehren aus dem Ersten Weltkrieg zurück. : Bild: ARD Degeto/SWR/WDR

          Seit „Das Adlon“ (2013) und „Das Sacher“ (2016) als Mehrteiler im Fernsehen Publikumserfolge waren, ist Zeit vergangen. Zeit, in der sich Erzählweisen historischer Familien- und Unternehmensgeschichte entwickelt haben. Zeiten, in denen (Mittelstands-)Patriarchen ihre Firma mit unbeirrbarer Strahlkraft im Fernsehen durch Irrungen und Wirrungen führten, kommen wohl nicht wieder. Nichts gegen Schauspieler wie Mario Adorf (als Lübecker Marzipanfabrikant einst „Der letzte Patriarch“). Aber in Julia von Heinz’ „Eldorado KaDeWe“-Serie ist eine solche Figur kaum vorstellbar.

          Grandhotels sind als Verortung ein besonderer Fall von Unternehmerfamiliengeschichte. Hier spiegeln sich die Zeitläufte auf überschaubarem Raum, sowohl vor als auch hinter den Kulissen. Familiengeschichte trifft auf Ereignisgeschichte, Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte und Biographien. Gäste bringen Flair und Dramen, oder, wie im Fall von „Das Weiße Haus am Rhein“, auch die intellektuelle Dumpfheit und verbrecherischen Umtriebe der NS-Herrschaft.

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