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„Avenue 5“ bei Sky : Das Himmelfahrtskommando

  • -Aktualisiert am

Beim Klabautermann: Hugh Laurie muss als Kapitän Ryan Clark beweisen, dass es keinen besseren am Ruder der „Avenue 5“ gibt. Bild: HBO

Noch eine Odyssee im Weltraum, nur diesmal auf Autopilot: Die Sci-Fi-Comedyserie „Avenue 5“ erzählt in bester Champagnerlaune vom Untergang der Zivilisation.

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          Das wäre mal ein Neujahrsabend auf dem Traumschiff! Alles ginge routinemäßig los, also mit Möwenflug zu Musiksoße von James Last. Captain Flori stünde lächelnd auf der Brücke, starrte mit dem Fernglas auf ein Sonnenschutzrollo und brabbelte nautisches Kauderwelsch. Dann aber: ein Kippeln, ein Rumms, ausgelöst durch allzu großen Yogakurs-Zuspruch – „Unwucht“ hieße das wohl auf Kauderwelsch. Und plötzlich wäre alles anders, das Schiff nämlich so kapital vom Kurs abgekommen, dass es erst drei Jahre später wieder einen Hafen anlaufen könnte, wobei es bis dahin die meisten Passagiere dahingerafft haben dürfte. Es ließen sich eventuell einige Monate herausholen, wenn man einen Teil der Gäste gleich ins Meer beförderte. Jetzt aber, wo Führung benötigt würde, stellte sich heraus, dass der Kapitän gar kein Kapitän wäre, sondern nur ein wegen seines Schwiegersohn-Charmes angeheuerter Schlagerfuzzi. Zu allem Unglück entdeckte man auch noch ein enormes Leck im Bug.

          Das ist in etwa die Ausgangslage von Armando Iannuccis glorios lustiger, stilvoll chaotischer HBO-Serie „Avenue 5“, wobei der Witz ein wenig braucht, um in Fahrt zu kommen. Einmal auf Kurs, geht es dann jedoch mit Volldampf auf den Eisberg zu, bildlich gesprochen, versteht sich, weil das Schiff in diesem einige Jahrzehnte in der Zukunft spielenden Fall – das erklärt auch die Sache mit der fatalen Kursabweichung – ein Raumschiff ist, ansonsten aber weitgehend deckungsgleich mit dem blütenweißen Luxuskahn des ZDF.

          Ein Astronaut, der das Schiff als winkende Mumie umkreist

          Dass das Opus des bislang für hintergründige politische Komödien bekannten Briten Iannucci („The Thick of it“; „Veep“; „The Death of Stalin“) zwar schön lakonisch, allerdings eher flapsig als böse geraten ist, lässt sich verzeihen, zumal die Details liebevoll und viele Gags gelungen sind. Im Piloten etwa generiert eine simple Kommunikationsverzögerung zwischen Schiff und Basis köstliche Situationskomik, die an misslungene Nachrichten-Live-Schalten erinnert.

          Ryan Clark, den Lenker des Luxusgleiters „Avenue 5“, mimt Hugh Laurie, ehemals bekannt als „Dr. House“, der sich eine schwiegermuttertaugliche George-Clooney-Optik zugelegt hat und vielleicht der einzige Kapitänsdarsteller ist, der nicht nur noch besser aussieht als Florian Silbereisen und Sascha Hehn zusammen, sondern der im Gegensatz zu beiden tatsächlich begnadet zu schauspielern weiß. Das wird ihm hier auch abverlangt, schließlich spielt er einen Schauspieler, der einen Kapitän spielt – weil den kräftig zahlenden Passagieren eben auch etwas fürs Auge geboten werden muss. Gesteuert wird der Gleiter ohnehin von Algorithmen oder der Kontrollstation am Boden. Für Notfälle ist ein echter Astronaut an Bord, von dem wir uns aber gleich zu Beginn verabschieden müssen und der nun, weil auch die Leichenentsorgung denkbar schiefgeht, die gesamte Serie hindurch das Schiff als winkende Mumie umkreist (wir verkneifen uns hier einmal einen Witz auf ZDF-Kosten).

          Alle Männer an Bord sind so selbstverliebt wie im Krisenmodus überfordert. Mit jeder Entscheidung vergrößern sie das Chaos. Neben dem immerhin selbstironischen Protagonisten ist da etwa der als „Head of Passenger Services“ komplett untaugliche, aber wunderbar besetzte Matt Spencer (Zach Woods), der mit konstant bösartigen Beleidigungen der Gäste zeigt, wie grandios die Rolle von Harald Schmidt auf den Weltmeeren sein könnte. Die irrsinnigste Figur ist aber sicher der so vorlaute wie debile Protz-Milliardär Herman Judd (Josh Gad), dem das ganze Unternehmen gehört und der in einer geschmacklos prolligen Luxus-Megakajüte residiert. Judd ist so eindeutig auf Donald Trump hin modelliert – „Ich verstehe alles, alle Dinge. Ich bin das Alpha und das – Beta. Ich weiß so viel, sooo viel“, prahlt er selbst bei dümmsten Ideen –, dass die Serie dann doch schnell eine politisch-allegorische Note bekommt. Wir sehen da wohl auch das Raumschiff Washington durchs All dümpeln, in dem alle Schaltstellen mit gar nicht immer unsympathischen, aber hoffnungslos inkompetenten Schwätzern und Selbstdarstellern besetzt sind. Aus der Funktionsposition des Präsidenten wieder einen stinkreichen Hotelier zu machen, ist listig, schließlich sind direkte politische Persiflagen schwer geworden in einer Zeit, in der Politiker locker jede Karikatur übertreffen.

          Wenn hier überhaupt jemand einen Rest von Kontrolle behält, dann sind es die Frauen, die kühle Iris (Suzy Nakamura), Judds rechte Hand und Quasi-Babysitterin, die auf der Erde rotierende Verantwortliche Rav (Nikki Amuka-Bird), vor allem aber die schlagfertige Technikerin Billie (Lenora Crichlow). Selbst Karen (Rebecca Front), der querulantische Albtraum aller Reiseveranstalter, hat ihre Qualitäten, weil sie den Rest der Passagiere handzuhaben weiß. Da sie zudem für jedes Upgrade anfällig ist, lässt sie sich leicht als „Liaisons Officer“ einspannen. Trotzdem bricht bedrohlich schnell alle soziale Ordnung zusammen, denn Würde ist in dieser Sci-Fi-Comedy-Serie bestenfalls ein Konjunktiv. „Leinen los“, sei also mit Captain Flori gerufen. Komischer lässt sich jedenfalls kaum in den Naturzustand zurückschippern.

          Avenue 5 ist von diesem Montag an in der Originalversion auf Sky abrufbar.

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