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Netflix-Serie „Daredevil“ : Der verletzlichste aller Superhelden

  • -Aktualisiert am

Der Schrecken der kriminellen Nachbarschaft: Charlie Cox in „Daredevil“ Bild: Netflix

Daredevil ist blind, doch seine anderen Sinne sind geschärft. Ab heute streift der Marvel-Superheld bei Netflix durch Hell’s Kitchen – in einer hervorragend geschriebenen und inszenierten Serie.

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          Ein Superheld ohne Augenlicht ist der jüngste Neuzugang in der reichen Sammlung von Comic-Figuren, die inzwischen die amerikanische Fernsehlandschaft bevölkern. „Daredevil“ (Draufgänger) gesellt sich den „Agents of S.H.I.E.L.D.“ und „Agent Carter“, „Arrow“ und „The Flash“, der „Batman“-Vorgeschichte „Gotham“ hinzu - allerdings nicht wie diese im traditionellen Fernsehen, sondern beim Online-Anbieter Netflix.

          „Daredevil“ ist der vielleicht verletzlichste unter Marvels Superhelden, ein blinder Anwalt namens Matt Murdock (Charlie Cox), den der Teufel nicht nur im übertragenen Sinn reitet. Bei Tag baut er mit seinem Kollegen Foggy Nelson (Elden Henson) eine Anwaltskanzlei auf, nachts übt er Selbstjustiz. „Daredevil“ ist auch eine der dunkelsten Figuren aus Marvels Kabinett. So abgründig wie hier ging es bisher allenfalls in Christopher Nolans „The Dark Knight“ zu. Statt kostümierter Helden auf intergalaktischer Tyrannenjagd schiebt hier ein eigenwilliger Gesetzeshüter Dienst in seiner New Yorker Nachbarschaft Hell’s Kitchen, die von organisierter Kriminalität beherrscht wird. „Die Avengers sind da, um das Universum zu retten, Daredevil rettet die Nachbarschaft“, sagte Marvels Fernsehchef Jeph Loeb der Zeitschrift „Entertainment Weekly“.

          Maskierter Kampfkünstler

          Charlie Cox spielt mit entspannter Nonchalance, dann geballter Intensität den Mann, der als Kind durch eine radioaktive Substanz erblindete und nach dem Mord an seinem Vater, einem Preisboxer, auf Rache sinnt. Er ist blind, doch seine anderen Sinne sind geschärft. „Wenn er zumindest einen eisernen Anzug oder einen Hammer hätte“, entrüstet sich Wesley (Toby Leonard Moore), der Adjutant von Daredevils Widersacher über die Hilflosigkeit seiner Schläger gegen den maskierten Kampfkünstler.

          „Daredevil“ reiht sich in die große Riege der modernen Superhelden aus dem Hause Marvel ein.

          „Daredevil“ fächert in einer Abfolge von Fällen, die auf dem Schreibtisch von Murdock und Nelson landen, geschickt ein ganzes Universum auf, dem bald die neugierige Buchhalterin Karen Page (Deborah Ann Woll), die Nachtschwester Claire Temple (Rosario Dawson), der alternde Reporter Ben Urich (Vondie Curtis-Hall) und schließlich der Bösewicht Kingpin (Vincent D’Onofrio) angehören. Auch Superhelden-Müde könnten Gefallen an einer Serie finden, die hervorragend geschrieben und als großes Ensemblestück inszeniert ist und die ihre düstersten Momente mit moralisch vielschichtigen Figuren konterkariert. Empfindlichen Gemütern sei allerdings abgeraten - Steven DeKnight inszeniert nicht gerade zurückhaltend.

          Erste Kritiken der Serie fielen nachgerade ekstatisch aus. „Volltreffer“, schreibt die „Washington Post“. Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ nennt die Serie „Marvels größte Leistung“, die „Toronto Sun“ erklärt sie zum „Must-See-TV“, soll heißen: muss man gesehen haben. Auch eingeschworene Fans zeigen sich begeistert. Das Comic-Universum hat sich inzwischen im Fernsehen einen Markt erschlossen, es ist keine Nischenangelegenheit mehr. „Daredevil“ ist die erste von vier jeweils dreizehnteiligen Serien aus der Comic-Bücherei des Marvel-Verlags; nach „Daredevil“ sollen noch „A.K.A. Jessica Jones“, „Iron Fist“ and „Luke Cage“ folgen. Der Clou: Die Geschichten haben nicht nur untereinander Querbezüge, sondern auch zu Marvels großem Kino-Unterfangen der „Avengers“ (das seinerseits „Ironman“, den „Hulk“ und „Thor“ vereint).

          Der Comic-Konzern, der seit 2012 zu Disney gehört, webt also gewissermaßen ein großes Ensembledrama in zahlreichen Einzelstücken in die amerikanische Filmkultur. So ist Matt Murdocks New Yorker Nachbarschaft Hell’s Kitchen dieselbe, in der sich die „Avengers“ ihre große Schlacht mit außerirdischen Kräften lieferten. Das drückt immerhin die Immobilienpreise und ermöglicht es Murdock und Henson, zu erschwinglichen Kosten ein Büro zu beziehen. Es ginge mit dem Teufel zu, bescherte es ihnen nicht auch ein großes Publikum.

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