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Serie über die Sex Pistols : Kein Geld, kein Talent, aber jede Menge Wut

Anson Boon als Johnny Rotten und Toby Wallace als Steve Jones sind Bandkollegen, aber auch Widersacher bei den Sex Pistols Bild: dpa

Von der Straße in die Fernsehtalkshows im Dienste der Anarchie: Danny Boyle erzählt in der Serie „Pistol“ die geniale, unwahrscheinliche und tragische Geschichte der „Sex Pistols“.

          3 Min.

          Manche sagen ja, Punk sei tot. Eine Einschätzung, die davon abhängt, ob man die lebenserhaltenden Funktionen des Punks an aufgerissenen Hosen, Springerstiefeln und schnellen, unsauberen Schlagzeugpattern abliest. Oder an einem vor kurzem diskutierten Foto der Toten Hosen auf dem Weg zum Konzert, im Zug, mit Maske, sagenhaft ordentlich. Oder an der massenhaften Entscheidung, die institutionelle Ordnung nicht als unveränderbar anzusehen, sondern sich die Welt im eigenem Ermessen zu formen. Wenn das nicht geht: Eskalation. Die radikalen Klimaschützer von heute wären keine schlechten Punks. Typ Johnny Rotten.

          Elena Witzeck
          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber Punk ist ein Ideal, an das man nicht heranreicht. Punks sind jung, weil der Kampf mit den Institutionen ziemlich zermürbend ist. Oder tot, weil die Zerstörung der äußeren Ordnung meist mit der Zerstörung der Inneren einhergeht. Typ Sid Vicious.

          Womit wir bei den Sex Pistols wären und dem Herz der Punkmusik. Wer die Pistols hörte, auch später noch, lange nach den knappen vier Jahren, in denen sie existierten, war politisch, schon wegen der ständigen Auseinandersetzung mit Eltern über den Wohlklang der Musik und Lehrern über ungeschriebene Kleiderregeln an der Schule. Ausgerechnet Danny Boyle hat jetzt eine sechsteilige Serie über die britischen Gründer der Punkbewegung gedreht, und weil Dissens das Lebenselixier des Punks ist und John Lydon alias Johnny Rotten selbst, der Sänger der Band, die Veröffentlichung mit eine Klage gegen die Verwendung der gemeinsamen Musik verhindern wollte, kann man froh sein, „Pistol“ jetzt überhaupt zu sehen zu bekommen. Wobei sich der Ausstrahlungsort der Serie, Disney Plus, eigentlich nur mit Rottens Sarkasmus zur Kenntnis nehmen lässt. In England erschien die Serie jedenfalls am Tag des Thronjubiläums der Queen, die also noch Gelegenheit gehabt hätte es zu sehen.

          „We‘re pissed off, we‘re bored“

          Zurück in die Siebziger, mit David Bowie, den gerade alle verehren, in eine Bar voller Zigarettendunst und Teenagerhaut. Der spätere Gitarrist Steve Jones (Toby Wallace) hält seine erste Rede vor Freunden: „We‘re pissed off, we‘re bored.“ Wir sind unsichtbar. Niemand kümmert sich einen Dreck um uns, also kümmern wir uns genauso wenig um die anderen. All die Dinosaurierbands mit ihren 15 Minuten langen Gitarrensoli. „Wir müssen wir selbst sein: Vier mittellose Arbeiterkinder ohne Geld und Talent.“ Ohne enge Anzüge wie die Beatles. Aber voller Wut.

          Auf Jones‘ Biografie basiert die Serie, die ihm daher die Rolle des von Frauen belagerten, aber einsamen Problemjungen bereit hält. Von ihm ist aber auch zu erfahren, was das Leben der Schwächsten im London der Siebziger bot. Vom Stiefvater erniedrigt und sexuell missbraucht, von der Mutter im Stich gelassen, schmeißt „Jonesy“ die Schule und klaut alles, was ihm in die Quere kommt: Verstärker, Autos, Schokoriegel. Hosen in Vivienne Westwoods Boutique „Sex“, wo man ihn allerdings erwischt und Jones das tut, was er gelernt hat. Frech, großspurig und ohne je Noten gelernt zu haben gewinnt er erst Malcolm McLaren, Westwoods Partner, als Manager, dann Chrissie Hynde, die spätere Sängerin der Pretenders, als Freundin.

          Dieser brodelnden, ständig wachsenden, sich neu sortierenden Szene schenkt Danny Boyle seine ganze Filmkunst. Begleitet von alten Filmszenen, Sketchen und historischen Aufnahmen, lässt er sie Hinterhöfe in Partys verwandeln, Fernsehshows crashen und sich im Doppeldeckerbus Hochzeitsanträge machen, bis das jähe Ende kommt. Schneller Schnitt, grelles Licht, und, mit John Lydons Einverständnis: laute, laute Musik.

          Aus Westwoods Shop, in dem alles beginnt, wo die Revolution ausgerufen wird und Johnny Rotten vorsingt, den genial und zerstört Anson Boon spielt, wo Fans stranden, stammt das Kostümbild, und obwohl die Besetzung der Modeschöpferin Westwood mit Talulah Riley, Elon Musks Exfreundin, wieder Anlass zu Sarkasmus gäbe, zeigt sich in ihrer Figur eben auch, wie Mode und Musik die Bewegung gemeinsam formten, wie Westwood ihre radikale Gesellschaftstheorie schon früh in die Kleider ihrer Clique nähte, wie sie das Verborgene auf die Straße trug und auf den nächsten Eklat wartete, ganz ohne die üblichen Prügeleien wie bei den Konzerten der Sex Pistols. Keine Grenzen, keine Angst, von dieser Denkkultur in einer Zeit, in der es noch Anstoß erregte, wenn man „shit“ im Fernsehen sagte, hätte es ruhig mehr sein können.

          Dafür eben mehr aus einer Zeit, in der sich alles um Musik drehte, um Inspiration und lebensverändernde Momente wie den, als Mick Ronson auf der Tour mit Bowie seine Les Paul-Gitarre anstimmte. Die musikalische Tradition der Sex Pistols war nie dilettantisch, nur eben nicht konform. Oder, wie es Malcolm McLaron in der Serie formuliert: „Ob ihr spielen könnt oder nicht ist nicht das Kriterium. Das Kriterium ist, ob ihr etwas zu sagen habt.“

          Pistol läuft bei Disney+.

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