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„Crazy Ex-Girlfriend“ : Nach allem, was diese Serie für uns getan hat

In allen Farben: Rebecca Bunch (Rachel Bloom, 2 v. l.) und ihre Entourage. Bild: Picture-Alliance

Die vierte und letzte Staffel von „Crazy Ex Girlfriend“ ist jetzt bei Netflix verfügbar – und wer die ersten verpasst hat, sollte sie unbedingt nachholen. Denn diese Serie ist ein Meisterwerk.

          3 Min.

          Es ist so leicht, diese Serie zu lieben, und so schwer, sie anderen zu empfehlen. Die eine Hälfte steigt schon aus, wenn man ihr erklärt, dass gesungen und getanzt wird („Ein Musical?! Ohne mich“), die andere schüttelt irritiert den Kopf, wenn man als Nächstes sagt, dass es aber auch um ernste Dinge geht, nämlich um Stalking und die Akzeptanz psychischer Erkrankungen. Das ist ein Jammer, denn gerade die Mischung aus beidem macht „Crazy Ex-Girlfriend“ zu einer der besten Serien überhaupt. Trotzdem bleibt sie ein Geheimtipp.

          Zwei Frauen haben ihn geschaffen: die Drehbuchautorin Aline Brosh McKenna, die unter anderem „Der Teufel trägt Prada“, „Der ganz normale Wahnsinn – Working Mum“ und die Musical-Adaption „Annie“ geschrieben hat, und die Komikerin Rachel Bloom, die mit ihr zusammen die Bücher schreibt und die Hauptrolle spielt. Von vornherein hatten die beiden vier Staffeln geplant, und es ist ein großes Glück, dass der amerikanische Sender The CW sie es trotz mauer Quoten zu Ende bringen ließ. Der Golden Globe für Rachel Bloom als beste Hauptdarstellerin sowie zahlreiche andere Auszeichnungen und begeisterte Kritiken dürften dabei eine Rolle gespielt haben. Denn man merkt der Serie jederzeit an, dass sie nicht für ein oder zwei Staffeln begonnen und dann irgendwie verlängert wurde, wie es in vielen anderen Fällen ist. „Crazy Ex-Girlfriend“ hat einen Spannungsbogen von Anfang bis Ende und ist den Zuschauern immer einen kleinen Schritt voraus. Wer die ersten Staffeln nicht gesehen hat – jetzt ist der beste Zeitpunkt, um sie anzufangen und bis zum Ende durchzubringen.

          Rachel Bloom spielt Rebecca Bunch, eine erfolgreiche New Yorker Anwältin von Ende zwanzig, die alle Erwartungen ihrer gestrengen jüdischen Mutter erfüllt, aber kreuzunglücklich ist. In der ersten Folge läuft sie zufällig auf der Straße ihrer Sommerliebe aus einem Feriencamp vor zehn Jahren über den Weg, Josh Chan, der von seinem Heimatort West Covina in Kalifornien erzählt, in dem er immer noch lebt. Rebecca beschließt in ihrer Verzweiflung, dass Josh und sie füreinander bestimmt sind, bricht alle Zelte ab und zieht nach West Covina, wo sie ihre Antidepressiva absetzt und versucht, ihn für sich zu gewinnen – mit allen Mitteln. Es soll hier nicht der ganze Inhalt der nächsten Staffeln verraten werden, nur so viel: Rebecca stalkt und wird gestalkt, sie lässt Menschen im Stich, die sie lieben, und wird von anderen, die sie liebt, im Stich gelassen. Ihre psychische Gesundheit leidet immer mehr. Als sie ganz unten ist, erhält sie die Diagnose Borderline, versucht sich wieder nach oben zu kämpfen und schafft das nicht im ersten Anlauf. Auch nicht im zweiten.

          Das alles hält man als Zuschauer nur aus, weil Rebecca trotz ihres Verhaltens grandiose Gestalten um sich schart. Allen voran ihre neue Kollegin und bald mütterliche Freundin Paula (Donna Lynne Champlin), die einen der großartigsten und typischsten der 157 Songs aus vier Staffeln singt. Die Lieder, an denen Rachel Bloom mitschreibt, parodieren meist ein Genre oder einen konkreten Künstler, die Texte spielen sich oft auf der Metaebene ab, und sie entlarven die menschliche Natur zielsicher. So singt Paula, nachdem sie Rebecca bei ihren halbkriminellen Aktionen unterstützt hat, schließlich selbst treibende Kraft wurde und trotzdem von Rebecca reingelegt wird, mit „After everything I’ve done for you (that you didn’t ask for)“ die Hymne aller enttäuschten Mütter.

          Dass es sich um eine Komödie handelt, heißt nicht, dass alles, was die Figuren tun, als lustig dargestellt wird. Als Rebecca ihre Diagnose erhält, wird plötzlich klar: Sie ist keine ulkige Figur, sie hat Probleme und schadet anderen Menschen. Schon in der ersten Staffel gibt es einen ähnlichen Moment, als ihre neue Bekanntschaft Greg (Santino Fontana, später Skylar Astin) sich als Alkoholiker outet – obwohl er vorher einfach nur wie die typische versoffene Sitcom-Figur wirkte. Diese Serie nimmt ihre Figuren viel ernster als andere und dafür sich selbst weniger ernst. Die vierte Staffel treibt es auf die Spitze, wie „woke“ (sozial sensibel) die Serie ist und wie sie sich selbst die ganze Zeit über die eigene Wokeness lustig macht. Da sitzen zwei Männer an der Bar, erzählen sich Horrorgeschichten von Frauen, und schließlich sagt einer: „Frauen sind einfach ... uns in jeder Hinsicht ebenbürtig.“ Beide nicken sich ernst zu. Es ist äußerst komisch.

          In der vierten und letzten Staffel steht Rebecca zwischen drei Männern, von denen sich keiner so recht erklären kann, warum er sie immer noch liebt, aber so ist es nun mal. Denn das ist vielleicht die wichtigste Botschaft der Serie: Kann schon sein, dass du ständig zum Therapeuten rennen musst, um stabil zu bleiben, dass du Fehler gemacht hast, notorisch entscheidungsschwach und auch keine Schönheitskönigin bist – aber das heißt nicht, dass dich niemand lieben kann. Und sogar wie man mit dieser Liebe verantwortungsvoll umgehen kann lehrt die Serie alle Beziehungsneurotiker zum Schluss. Was für ein Fest.

          Alle Staffeln von Crazy Ex-Girlfriend sind auf Netflix abrufbar.

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