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Serie „The Umbrella Academy“ : Wir sehen uns ja auch nur noch auf Beerdigungen

Begräbniswetter: Robert Sheehan und Aidan Gallagher als ungleiche Brüder. Bild: Christos Kalohoridis/Netflix

Mach dich fertig zur Apokalypse, und bring deinen Bruder mit: Netflix macht aus der preisgekrönten Comic-Reihe „The Umbrella Academy“ über eine dysfunktionale Superheldenfamilie eine grandiose Serie.

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          Alle Kinder wollen das, was ihre Geschwister haben. Auf diesem Elend fußt die Geschichte der sieben unter seltsamen Vorzeichen zur Welt gekommenen Kinder, die der schwerreiche Exzentriker Sir Reginald Hargreeves adoptiert hat, um sie in seiner „Umbrella Academy“ auszubilden: Sechs von ihnen haben Superkräfte, nur Vanya (Ellen Page) nicht. Damit beginnt der Niedergang der Familie. Die generelle Lieblosigkeit des Adoptivvaters kühlt sie aus, der Tod eines Bruders schwächt sie und die Konkurrenz zwischen den Superkindern ruiniert sie endgültig – bis Hargreeves stirbt und alle nach Jahren wieder in sein Haus zurückkehren, um ihn zu beerdigen.

          Dort wird rasch deutlich, wie irrational Vanyas Minderwertigkeitskomplex ist. Denn die Geschwister sind alle auf unterschiedliche Arten traumatisiert von ihren Superkräften. Nichts davon wirkt beneidenswert. Allison (Emmy Raver-Lampman) hat das Sorgerecht für ihre Tochter darüber verloren, Luther (Tom Hopper) musste Jahre allein auf dem Mond zubringen, Diego (David Castañeda) steckt voller Misstrauen und Klaus (Robert Sheehan) ist ständig zugedröhnt, weil er es nicht ertragen kann, dass die Toten zu ihm sprechen. Gemeinsam mit dem Haushofmeister Pogo (getreu der Vorlage ein Affe) und ihrer Ziehmutter (eine Androidin) beerdigen sie Hargreeves. Da tut sich ein Loch in der Zeit auf, durch das der seit Jahren vermisste Bruder Nummer fünf (Aidan Gallagher) fällt. Er sieht aus wie ein Zwölfjähriger, hat aber vier Jahrzehnte in der Postapokalypse verbracht und kann berichten, wann sie beginnt: in acht Tagen.

          Dass diese pralle Vorlage erst jetzt szenisch umgesetzt wurde, ist erstaunlich. Die beiden Comicbücher, die hier eingeflossen sind, erschienen bereits 2008 und gewannen den Eisner Award. Gabriel Bá zeichnete sie, aber der Autor ist Gerard Way, Künstler und Sänger der Band My Chemical Romance. Beide gehören zum Produzententeam der Serie, in der sich der schräge Humor des Comics wunderbar fortsetzt. Drehbuchautor Jeremy Slater hat außerdem zwei neue Figuren geschaffen: einen Verehrer für Vanya und den toten Bruder Ben, der oft präsent ist, wenn auch nur für die Zuschauer und Klaus sichtbar. Außerdem ist „The Umbrella Academy“ als Serie nicht so rein weiß besetzt wie die Vorlage: Allison ist schwarz, Diego ist Latino, und als Klaus Gott trifft, ist der nicht wie im Comic ein Cowboy auf einem Pferd, sondern ein Mädchen auf einem mit Blumen geschmückten Fahrrad. Der Dialog zwischen den beiden bleibt exakt der gleiche – und das funktioniert tadellos.

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          Die Universal Studios kauften sofort die Filmrechte zu den Comics. Ursprünglich war nicht von einer Serie die Rede, aber dass die Jahre der Hin-und-Her-Entwicklung dem Projekt schließlich diese Richtung gaben, ist ein Segen: Nur in zehn Stunden Spieldauer bekommen all die spannenden Charaktere genug Platz. Sie sind so raumgreifend, dass die Apokalypse darüber immer wieder in den Hintergrund rückt. Wen kümmert der Weltuntergang, wenn der Bruder einem gerade die Führungsrolle streitig macht? Es drängt sich der Vergleich mit dem Film „The Royal Tenenbaums“ auf, in dem die Kinder ebenfalls besondere Talente haben und als Erwachsene an sich selbst gescheitert sind. Jede einzelne Figur ist voller unerwarteter harter und zarter Seiten, Charme und Wahn. Die einzige Ausnahme bildet dabei die Auftragskillerin Cha-Cha, die bis zum Schluss eher eindimensional bleibt. Dafür hat sie einen enormen Coolness-Vorschuss, weil sie von der Sängerin Mary J. Blige gespielt wird; das gleicht einiges aus. Ihr Killerkollege Hazel (Cameron Britton) wiederum verguckt sich hinreißenderweise in die Besitzerin des Donut-Ladens, eine ältliche Dame, die gern Vögel beobachtet.

          Bei all diesen Extremen ist es schwer, sich in den Vordergrund zu spielen, zumal Vanya als Identifikationsfigur für den Zuschauer von vornherein die größte Rolle innehat. Aber Robert Sheehan, der Ire in der Rolle des Junkies Klaus, sticht heraus. Ihm dabei zuzusehen, wie er halb verzweifelt, halb fatalistisch kichernd der Welt gegenübertritt, wie er herumhampelt, statt einfach zu gehen, wie er immer wieder die Kontrolle über sich verliert, wie er seinen Geschwistern auf die Nerven geht und dabei immer vor Gefühlen überläuft – das ist ein echtes Vergnügen. Es ist noch besser als die plot twists, die den anfangs unklaren Weg zur Apokalypse ebnen, aber nicht alle ganz überraschend kommen.

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