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Comedy-Serie „Barry“ : Er tut fast nichts, aber das macht er perfekt

Sprechprobe: Barry (Bill Hader) und Sally (Sarah Goldberg) auf der Bühne. Bild: Sky

Die Comedy „Barry“ zeigt, was passiert, wenn ein Auftragskiller ins Schauspielfach wechseln will: Komik, die kaum auszuhalten ist.

          3 Min.

          Barry hat die Sinnkrise. Stumpf und mit leerem Blick schleppt er sich durch den Tag. Er hat kein Ziel und keine Richtung. Er hat keine Freunde, nur einen Onkel, dem man den Verlierer auf hundert Meter Entfernung ansieht. Er trägt Klamotten wie ein Obdachloser, seine Wohnung ist eine Bruchbude, und er hasst seinen Job. Barry ist Auftragskiller. Etwas anderes fiel dem ehemaligen Marine nicht ein, als er aus Afghanistan zurückkehrte. Eigentlich fiel ihm gar nichts ein. Sein Onkel Fuches hatte die Idee.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Seither befördert Barry Menschen ins Jenseits, allerdings nur solche, die es auch verdient haben. Das zumindest redet Barry sich ein, sonst würde aus seinem Burnout der totale Zusammenbruch. Da hilft nur ein radikaler Tapetenwechsel. Den vollzieht Barry auch. Als ein Auftrag ihn nach Los Angeles führt, erkennt er seine wahre Berufung: Er will Schauspieler werden.

          Dass er dafür besonderes Talent habe, meint eigentlich nur Sally. Doch die braucht auch ganz dringend einen neuen Sparringspartner für die nächste Szene, mit der sie den Leiter der Schauspielschule, Gene Cousineau, beeindrucken will. In die Szene reingeplatzt ist Barry, weil sein neuester Auftrag darauf lautet, den Schauspieler Ryan Madison zu töten, weil der ein Verhältnis mit einem tschetschenischen Mafiaboss hat.

          Aussteiger kommen auf die Abschussliste

          Ryan, so stellt sich heraus, ist ein guter Kumpel, Sally ist wahrscheinlich noch viel mehr als das, und sogar der schmierige Schauspiellehrer traut Barry etwas zu, nachdem er gesehen hat, was er aus einer winzigen Rolle in einer „Macbeth“-Szene machen kann. Es hat ja niemand eine Ahnung, warum Barry das pure Entsetzen ins Gesicht geschrieben steht. Alle glauben, das sei gespielt, dabei ist es ausnahmsweise echt; alles andere, was Barry seinen neuen Freunden erzählt und vormacht, ist gespielt.

          Dass sich das mit diesen beiden Jobs schwierig gestalten könnte, muss sich Barry als Erstes von seinem Onkel anhören, der ihn darauf hinweist, dass es der Tarnung eines Auftragskillers nicht eben förderlich sei, abends auf der Bühne zu stehen und den Leuten womöglich von der Packung einer Tütensuppe entgegenzugrinsen. „Ich mache keine Werbung“, sagt Barry trocken, als könne er es sich leisten. Dass er es sich nicht leisten kann, sein bisheriges Fahrwasser zu verlassen, macht ihm der tschetschenische Clanchef Goran klar: Entweder übernimmt Barry den nächsten Auftrag, oder er und sein Onkel landen selbst auf der Abschussliste. Es passiert selbstverständlich beides.

          Vielschichtige schwarze Komödie

          Das ist der Stoff, aus dem Bill Hader, der die Hauptrolle des Barry spielt, als Autor und Produzent gemeinsam mit Alec Berg eine schwarze Komödie webt, die so bruchlos auf verschiedenen Ebenen unterwegs ist, dass man sich fragt, wo sie hinführt. Situationskomik gibt es reichlich, Gelegenheiten für die Schauspieler, sich zu beweisen, auch.

          Aber an Barrys Killer-Existenz ist nichts komisch. Für seinen Taten gibt es keine Rechtfertigung. Die Tschetschenen, mit denen er zu tun hat, können zwar witzig und von ausgesuchter Höflichkeit sein, wie Noho Hank (Anthony Carrigan), sind aber mehrheitlich pathologische Menschenverächter wie Clanchef Goran Pazar (Glenn Fleshler). Und die Lügen, die Barry der herzensguten Sally Reed (Sarah Goldberg) auftischt, sind auch nicht zum Aushalten.

          Wie Barry in jeder Situation das Schlimmste befürchten muss, wie er sein Leben in ein einziges großes Theater verwandelt, wovon nur wir Zuschauer wissen, das hat höchsten Unterhaltungswert. Weil damit auch die Schauspielerei als Beruf karikiert wird, insbesondere das „Method Acting“. Doch ein gutes Ende nehmen kann das nicht.

          Oder doch? Oder kippt es ins Böse? Bill Hader, der in den Vereinigten Staaten eine ziemlich große Nummer ist und zehn Jahre lang bei der Comedy-Show „Saturday Night Live“ mitgemacht hat, hat es jedenfalls verstanden, mit dem dort gerade gelaufenen Ende der ersten Staffel der Serie für so viel Begriffsverwirrung zu sorgen, dass der Kritiker der „New York Times“ meinte, es sei eigentlich unmöglich, die Serie nach acht Folgen fortzusetzen.

          Bill Hader wird beweisen, dass es doch geht. Äußerlich an Rowan Atkinsons „Mr. Bean“ erinnernd, spielt er Barry so, wie ihn sein Kollege Seth Rogen vor Jahren einmal beschrieben hat: „Er macht fast nichts.“ Er macht – fast – nichts. Auf das „Fast“ kommt es an und, damit die Komödie funktioniert, darauf, dass die anderen umso mehr tun – wie Sarah Goldberg, Anthony Carrigan, Stephen Root als Barrys Onkel Monroe Fuches und Henry Winkler als Schauspiellehrer Cousineau. Das ist ein Spitzenensemble, das Szenen hinlegt, deren Komik nicht auszuhalten ist, weil wir den äußeren Rahmen des Ganzen kennen und dieser eben nicht ins Lächerliche gezogen wird. Das ist großes Kino im Fernsehen, dargeboten als Sitcom.

          Und so erinnert dieser Barry auch weniger an den von Michael C. Hall gespielten Serienkilller „Dexter“, der sich lange Zeit nur die übelsten Charaktere vornahm, sondern mehr an Walter White, den Chemielehrer, der zum Drogenbaron aufsteigt, aus „Breaking Bad“. Vielleicht wird aus Barry auch noch ein zweiter Hannibal Lecter. Wir hoffen das mal nicht.

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