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„Carnival Row“ bei Amazon Prime : Im Land, wo Blut und Honig fließen

Ja, nein, vielleicht: Rycroft (Orlando Bloom) und Vignette (Cara Delevingne) müssen einige Hindernisse überwinden, um sich zu finden. Bild: Amazon Prime

Harry Potter jagt Jack the Ripper durch die kriegswirre Welt von Downton Abbey: Die Fantasy-Serie „Carnival Row“ zerbricht fulminant an ihrer Zeitgenossenschaft.

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          Die „Row“ ist ein „hässlicher Ort“. Heute wäre man vielleicht versucht zu sagen, eine „No-go-Area“. Oder doch nur ein harter Kiez? Das zumindest wird in Amazons neuer Serie „Carnival Row“ durch die Figuren viel öfter behauptet als wirklich gezeigt. Wenn es dem Zuschauer in den ersten Folgen vorgeführt werden soll, dann durch stereotype Attribute: Polizisten auf der Straße, Huren auf dem Balkon, Schweinsköpfe auf Fleischerwagen. All dies – Alkohol spielt in diesem Armenviertel der viktorianisch verzeitlichen Fantasy-Stadt „The Burgue“ erstaunlicherweise keine Rolle – bildet den Deckel dieses städtischen Pulverfasses – die nötige Ordnung, die nötige Unordnung und der tägliche Bedarf. Zu viele Fronten verlaufen durch das Viertel. Arm und reich, gut und böse, liberal und extremistisch, autochthon und zugewandert – und auf einer übergeordneten Ebene auch phantastisch und real.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn Tír na nÓg (hier Tír na n-Oc), das Feenland, „Land der ewigen Jugend“, ist abgebrannt. Kolonisation und Krieg, der hier nach englischem Imperium gegen Invasoren aus dem Osten aussieht, versehren die Länder der mythischen Kreaturen: Zentauren, Satyrn, genannt „Pugs“, und Feen, die „Pix“. Er zwingt sie zur Flucht und oft genug zu einem Leben als Leibeigene in der „Burgue“. „Carnival Row“ schichtet Folge für Folge neue Topoi aufeinander: Flucht, Heimatlosigkeit, Integration, Identitätssuche, Ausgrenzung, Ausbeutung, Klassengesellschaft, Kollaboration mit dem Feind, Radikalisierung von Minderheiten, Diskriminierung, Ghettoisierung und schließlich Deportation und Abschiebung. Obendrauf gibt es politische Intrigen, eine Liebesgeschichte sowie einen düster angehauchten Kriminalfall. Die Autoren René Echevarria und Travis Beacham haben sich viel vorgenommen. Zumal auch diese Serie einen Trend bestätigt: Je stärker die MeToo-Debatte ins Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit rückt, desto stärker schlägt sich die Darstellung patriarchaler Gesellschaften in der Fiktion nieder. Vor ihrem Hintergrund lässt sich Geschlechterungleichheit zwar trefflich darstellen, wirkt jedoch stets so, als sei sie nicht mehr von dieser Welt.

          Hier ist das Phantastische nur ein dünner Schleier

          Im Zentrum dieser überladenen, durch meterweise blutige Innereien watende und von Kinderchören sowie ätherischem Gesang begleiteten Geschichte steht ein nicht mehr ganz so milchgesichtiger Orlando Bloom als Kriegsveteran und Polizeiinspektor Rycroft Philostrate. Cara Delevingne spielt die ihm in Sachen physischer Schlagfertigkeit in nichts nachstehende Fee Vignette Stonemoss. Die beiden haben sich im Krieg kennen- und lieben gelernt und hernach aus den Augen verloren. Nun finden sie mühselig wieder zueinander, während sich „Philo“ auf die Spur der mordlüsternen Kreatur begibt und dabei eine erstaunliche Entdeckung macht.

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