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„The Capture“ auf Amazon Prime : Die Kamera sieht, was du nicht siehst

  • -Aktualisiert am

Rachel Carey (Holliday Grainger), Ermittlerin mit Anti-Terror-Erfahrung Bild: Starzplay/Amazon Prime

Ein britischer Überwachungsthriller auf der Höhe der Zeit: „The Capture“ zeigt, was eine Gesellschaft für vermeintliche Sicherheit aufzugeben bereit ist.

          3 Min.

          Wer heute durch London geht, muss wissen, dass er beobachtet wird. Die Hauptstadt Großbritanniens wird flächendeckend videoüberwacht. Manche Bürger fühlen sich dadurch sicherer, andere verfolgt, der Nutzen der in den neunziger Jahren geschaffenen Kameradichte ist umstritten, auch mit Blick auf die Abwehr terroristischer Angriffe. Und wie bei so vielen technischen Entwicklungen muss neben Diskussionen über Nutzen und Kosten und das Recht auf Privatsphäre im öffentlichen Raum auch die Frage gestellt werden: Was, wenn die Technik anders eingesetzt wird als beabsichtigt, was, wenn jemand sie missbraucht?

          Vor diesem Problem steht Rachel Carey (Holliday Grainger), Ermittlerin mit Anti-Terror-Erfahrung. Sie ist zur Stelle, als die Angestellte einer Sicherheitsfirma Alarm schlägt. Gerade noch verzückt von einer romantischen Kussszene auf einem der zahlreichen Monitore, die Überwachungsvideos aus dem nächtlichen London live übertragen, verdunkelt sich die Miene der Beobachterin, als sich die Frau im Bild verabschieden will.

          Was sich nun abspielt, können die Zuschauer der ersten Folge der britischen Serie „The Capture“, was sich sowohl mit „Aufnahme“ als auch mit „Gefangennahme“ übersetzen lässt, nur erahnen, aber die Mimik der Zeugin legt nahe, dass ein grausiges Verbrechen geschehen ist. Der vermeintliche Täter ist rasch identifiziert: Shaun Emery (Callum Turner), ein Soldat der britischen Armee, der erst am selben Tag nach einem spektakulären Prozess das Gefängnis verlassen durfte. Ihm wurde vorgeworfen, in Afghanistan einen wehrlosen Kriegsgefangenen erschossen zu haben, was die Körperkamera eines Kameraden scheinbar eindeutig dokumentiert hatte. Die Erkenntnis, dass dieses Bildmaterial fehlerhaft war, beförderte Emery nach langen sechs Monaten hinter Gittern wieder in die Freiheit. Er kann es kaum erwarten, seine kleine Tochter wiederzusehen.

          Welchen Bildern kann man trauen?

          Und dieser zum Nationalhelden stilisierte Mann soll nun, wenige Stunden später, ein brutales Verbrechen begangen haben, abermals unter Big Brothers digitalem Blick? Daran hat auch Ermittlerin Rachel Carey Zweifel, vor allem als sie Emerys Reaktion auf das Videomaterial erlebt. Schnell gibt es für sie und die Zuschauer eigentlich nur zwei mögliche Erklärungen: Entweder leidet der Soldat unter einem Trauma aus seiner Zeit im Krieg, hat die Tat begangen und kann sich jetzt nicht mehr an sie erinnern. Oder die Aufnahme wurde manipuliert. Aber wie kann das sein bei einer Live-Übertragung?

          Das gilt es in den sechs einstündigen Folgen herauszufinden. Dass das „Wie“ und schließlich auch das „Warum“ bald in den Hintergrund geraten, macht die Serie so sehenswert. Der Autor und Regisseur Ben Chanan, der sich 2016 mit der Krimiserie „The Missing“ einen Namen gemacht hat, stellt vor allem die Frage nach der Bedeutung des Ganzen. Was heißt es für die Demokratie, wenn gefälschte Nachrichten nicht mehr in erster Linie in Worten, sondern im großen Stil auch in Bildern, in Videoform verbreitet werden können? Wenn aufwendige Manipulationen, sogenannte „Deep Fakes“, die Wirklichkeit derart perfekt verzerren, dass die Lüge zur Wahrheit zu werden scheint und sich die Wahrheit kaum herausfinden lässt? Was ist eine Gesellschaft für vermeintliche Sicherheit aufzugeben bereit? Und was bedeutet das für unseren Alltag?

          In der Hilflosigkeit, die sich bei einer vermeintlich untrüglichen Beweisführung durch Überwachung und Livemitschnitt einstellen kann, spiegelt sich der Zuschauer in Shaun Emery. Dessen durchaus schwierige Rolle als Spielball verschiedener Übermächte verkörpert Callum Turner mit Bravour, während sich Holliday Grainger mitunter etwas zu verbissen an ihrer ziemlich einseitig psychologisierten Figur abarbeitet. Der Spannung, die vor allem dadurch entsteht, dass man als Zuschauer nie weiß, welchen Bildern man trauen kann, seien es die der fiktiven Überwachungskameras oder die der Serienmacher, tut das kaum einen Abbruch. Nur langfristig büßt die Serie so etwas von ihrem durch die Relevanz des Themas und Chanans meisterhafte Krimikonstruktion entstehenden Potential ein.

          Für die Miniserie „Bodyguard“, mit der die BBC ziemlich genau ein Jahr zuvor einen Hit über die Grenzen von Großbritannien hinaus landen konnte, ist „The Capture“ aber auf jeden Fall ein würdiger Nachfolger. Wird es, kann es für Shaun Emery Gerechtigkeit geben? Gibt es eine zweite Staffel? Nach sechs Folgen von „The Capture“ waren sich Zuschauer und Kritiker in Großbritannien in der Frage uneins.

          The Capture beginnt heute bei Starzplay/ Amazon Prime

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