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„Breaking Bad“-Erfinder im Gespräch : Ich könnte mir genauso gut Nägel in den Schädel hämmern

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Sein Name sei Heisenberg: Walter White (Bryan Cranston, rechts) und Hank (Dean Norris) wissen, woran sie sind Bild: AP

In der epochemachenden Fernsehserie „Breaking Bad“ hat die letzte Runde begonnen. Für Walter White, den Lehrer, der zum Drogenboss wird, kann es kein gutes Ende nehmen. Oder etwa doch? Ein Gespräch mit Vince Gilligan.

          Mr. Gilligan, Sie haben mit Walter White aus „Breaking Bad“ eine faszinierend vielschichtige Fernsehfigur geschaffen. Wo ist er entsprungen?

          Ich weiß leider nicht, wo meine Ideen herkommen, auch wenn das sehr hilfreich wäre. Ich kann Ihnen aber sagen, wie ich auf die Idee zu „Breaking Bad“ kam: Ich telefonierte 2004 mit meinem Freund Thomas Schnauz, mit dem ich einst auf der Filmschule in New York war. Wir hatten gemeinsam für „Akte X“ geschrieben und beweinten nun, dass diese Show 2002 zu Ende gegangen war. Während wir uns fragten, was wir als Nächstes tun sollten, erzählte er mir von einem Zeitungsartikel über ein Meth-Labor, und wir scherzten, dass wir uns vielleicht mit einem solchen Labor in unserem Wohnwagen über Wasser halten könnten. Plötzlich kam mir dieser Geistesblitz - ein gesetzestreuer Bürger, der sich plötzlich entschließt, kriminell zu werden. Diese Figur wurde Walter White.

          Ein Mann, der mit fünfzig Jahren vor einer schweren Midlife-Crisis steht.

          Vielleicht sogar vor einer Lebensende-Krise, man diagnostiziert ihn ja mit Lungenkrebs. Als mir diese Idee kam, stand ich kurz vor meinem vierzigsten Geburtstag, und ich fragte mich damals selbst: War’s das jetzt? Immerhin habe ich nicht viel anderes gelernt, als Geschichten fürs Fernsehen zu schreiben. Wahrscheinlich interessierte mich dieser Typ auch deshalb.

          Vince Gilligan: „Ich wollte diese Serie immer mit einem cineastischen Look machen.“

          Walter White wandelt sich vom Lehrer zum Metamphetamin-Koch, um seiner schwangeren Frau und seinem behinderten Sohn mehr als seine Pension zu hinterlassen. Wussten Sie schon zu Beginn, in welche düsteren Gefilde Sie Ihren Protagonisten führen würden?

          Ich hatte eine Jekyll-und-Hyde-Story im Sinn, aber ich gestehe: Ich hatte zu Beginn große Sorge, dass mir diese Figur zu finster geriete, dass die Zuschauer ihre Sympathie für den Mann verlieren und abschalten. Aber während der dritten Staffel wachte ich eines Morgens ohne diese Sorge auf, weil mir klarwurde, was der Schauspieler Bryan Cranston vollbrachte - egal, wie weit wir Walt ins Dunkel schubsten, Bryan spielt ihn als Menschen, mit dem man trotzdem sympathisieren möchte. Das hat uns die Freiheit beschert, eine immer dunklere Figur zu erforschen und die Geschichte so abgründig wie möglich werden zu lassen.

          Dazu trägt auch Ihr Kameramann Michael Slovis bei. Dank seiner Bilder wirkt die Serie wie großes Kino.

          Ich wollte diese Serie immer mit einem cineastischen Look machen. Sie sollte nicht wie Fernsehen aussehen, sondern wie der beste Film noir, der beste Western, der sich finden ließe. Slovis hat einen visuellen Stil geschaffen, der ebenso wichtig für die Story ist wie jeder Dialog, den ich hätte schreiben können. „Breaking Bad“ schöpft ungeheuer viel Drama aus dem Licht, das Slovis einsetzt. Er hat den Stab vom Oscarpreisträger John Toll, der unsere Pilotepisode drehte, auf einzigartige Weise übernommen.

          Vince Gilligan: „Walter ist eine Figur, deren Komplexität weit über meine eigenen Fertigkeiten hinausgeht.“

          Dem Film noir und dem Western sind Elemente für eine „umgekehrte Erlösungsgeschichte“ entliehen, wie Sie „Breaking Bad“ einmal nannten.

          Genauso habe ich das den Leuten beim Studio Sony und dem Sender AMC vorgestellt: Hier haben wir Mr. Chips (nach der oscargekrönten Verfilmung des Romans „Goodbye, Mr. Chips“ von James Hilton), und wir verwandeln ihn in Scarface. Ich hatte keine erhebende Erlösungsgeschichte im Sinn, sondern eine Charakterstudie. Das war unsere Leitlinie, und sie erlaubte uns einigen Raum zum Manövrieren.

          Stephen King schreibt in seinem Leitfaden „On Writing“, dass seine Figuren oft ihr eigenes Leben entwickeln. Ging Ihnen das mit Walter White auch so?

          Ich habe Kings Buch mehrmals gelesen, es hat mir beim Schreiben sehr geholfen, und ich halte es für unverzichtbar für Autoren oder solche, die es werden wollen. Und es stimmt tatsächlich, dass Figuren ein Eigenleben entwickeln. Wenn das geschieht, ist es eine der größten Freuden und tiefsten Erfüllungen beim Schreiben - einem Beruf übrigens, der nicht viele Freuden und Erfüllungen zu bieten hat und vor allem harte Arbeit ist. Ich zumindest fühle mich an den meisten Tagen bei der Arbeit, als ob ich mir genauso gut Nägel in den Schädel hämmern könnte. Aber Walter ist eine Figur, deren Komplexität weit über meine eigenen Fertigkeiten hinausgeht. Fairerweise muss ich natürlich sagen, dass viele Aspekte dieser Figur von unseren anderen Autoren stammen und besonders von Bryan Cranston.

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