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Serie „Love, Nina“ im Ersten : Bitte keinen Atomkrieg am Abendbrottisch

Als Nanny braucht man Kraft und Ausdauer: Nina (Faye Marsay) schleift den sich im Liegeprotest befindenden Max (Harry Webster) hinter sich her. Bild: WDR/See-Saw Films/Nick Wall

Die Kinder benehmen sich wie Erwachsene, die Erwachsenen benehmen sich wie Kinder: Die Mini-Serie „Love, Nina“ entführt in einen britischen Intellektuellenhaushalt.

          Wer die Verhältnisse auf den Kopf stellt, macht sich das Leben mitunter leichter. In der Welt von Nina Stibbe, die 1982 im Alter von zwanzig Jahren als Kindermädchen im Haushalt von Mary-Kay Wilmers landet – der Redakteurin und späteren Herausgeberin des „London Review of Books“ –, um auf deren beide Söhne aufzupassen, geht das so: Die Kinder benehmen sich wie Erwachsene. Die Erwachsenen benehmen sich wie Kinder.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Was am Arbeitsplatz Nerven und wertvolle Lebenszeit kostet, ist in diesem Fall ausgesprochen vergnüglich. Zumindest für jene, die in den Briefen lesen, die Nina Stibbe damals an ihre Schwester in Leicester schrieb. Sie wurden 2013 unter dem Titel „Love, Nina: Despatches from Family Life“ als Buch veröffentlicht und – ein Bestseller. Unter der Regie von S. J. Clarkson und nach einem Drehbuch des Schriftstellers Nick Hornby machte die BBC drei Jahre später eine fünfteilige Serie daraus, die heute Abend bei ARD One beginnt.

          Welt und Wille prallen hier wortgewaltig aufeinander. Schon beim Kindermädchen-Casting sieht sich die junge Nina – reizend gespielt von Faye Marsay – nicht nur mit dem kühlen Pragmatismus der Mutter konfrontiert, die hier schlicht George heißt. Helena Bonham Carter spielt sie, ohne in den fünf halbstündigen Folgen auch nur ein einziges Mal zu lächeln.

          Das eigentliche Verhör beim Vorstellungsgespräch erfolgt aber durch die Brüder Joe (Ethan Rouse) und Max (Harry Webster) – „die sind es ja, die mit dir zurechtkommen müssen“. Es sind zwei unfassbare Klugscheißer, die es gewohnt sind, zu jedem noch so abseitigen Thema in Georges Löwenmutter-Haushalt ihren Senf dazuzugeben. So lauten ihre Einstellungsfragen unter anderem „Bist du noch Jungfrau?“, „Starsky oder Hutch?“ und „Welches Fußballteam?“ Die Antwort „Leicester City“ disqualifiziert sie dank kindlicher Gnadenlosigkeit auf der Stelle. Joe ist glühender Arsenal-Fan.

          Ein halbes Jahr später hat Nina den Job trotzdem, da keine Nanny es mit den beiden Spezialisten aushält. Für zusätzlichen Schwung sorgt die allabendliche Anwesenheit des gefeierten Dichters und Dramatikers (und hier verkappten Gastrokritikers), Malcom Tanner (Jason Watkins), der dem Schriftsteller, Regisseur und Dramatiker Alan Bennett nachempfunden ist, der sehr regelmäßig bei Wilmers zu Gast war.

          Höhepunkt und Hauptbühne einer jeden Folge ist die Runde am Abendbrottisch mit den roten Pfeffer- und Salzmühlen darauf, den die Kamera von Balazs Bolygo kontinuierlich umkreist, während die Verwerfungen des Tages – Literatur, Fußball, Katzen, der weibliche Orgasmus – zwischen den fünfen in zugespitzten Wortgefechten verhandelt werden. So ist für Max der drohende Atomkrieg ein drängendes Thema. Für George gehört das jedoch nicht an den Abendbrottisch. Als Max wissen will, wann er denn endlich über seine Atomkriegsängste reden dürfe, heißt es knapp: „Wenn du einen Atompilz vor dem Fenster siehst.“ Da die Dialoge so treffsicher sind, gehen in der deutschen Synchronfassung nicht viele Pointen verloren. Allein die elegante Ruppigkeit der in diesem britischen Intellektuellenhaushalt gepflegten Sprache lässt sich nicht ganz übertragen. Der Zuschauer wird dabei – und das liegt nicht nur an der Strickpulli-Holz-Heimeligkeit der Wohnung in 55 Gloucester Crescent – zum unsichtbaren, aber geduldeten Gast der kleinen Schicksalsgemeinschaft, deren Mitglieder man bald ob ihrer Pfiffigkeit bewundert. Am meisten begeistert Helena Bonham Carter als George: Sie spielt eine Frau, die entdeckt hat, dass sie fähig ist zu lieben, dies aber lieber geheim hält. Nina Stibbe, Nick Hornby und S. J. Clarkson haben eine zauberhafte, lebensechte Familien-Miniatur geschaffen.

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