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Neue Staffel „Mord mit Aussicht“ : Verfolgungsjagden mit Schafherde

Startklar: Sophie Haas (C. Peters, links) mit ihren Kollegen Dietmar Schäffer (B. Mädel) und Bärbel Schmied (M. Droste) Bild: dpa

In der Eifel geht es nicht nur am Nürburgring auf die Überholspur: Großartiger Slapstick, Lokalkolorit und eine Kommissarin, die mit dem Sportwagen in Schafherden hängenbleibt, machen „Mord mit Aussicht“ zur besten deutschen Fernsehserie.

          Die Subversion kommt aus der Provinz. Mag sonst überall das Arbeitsleben nach dem echten, dem privaten Dasein greifen - denn wer ist nicht ständig erreichbar und schuftet rund um die Uhr? -, macht sich im Polizeirevier des fiktiven Eifeldorfs Hengasch das Leben über die Arbeit her. Die Polizeimeisterin Bärbel Schmied (Meike Droste) schläft neuerdings über der - jawohl - Schreibmaschine ein, weil sie nebenher den Hof ihres Bruders bestellen muss, der unter Burn-out leidet. Und ihr Kollege, Polizeiobermeister Dietmar Schäffer (Bjarne Mädel), denkt schon morgens nur an sein Lieblingsgulasch am Abend, das von seiner Frau Heike (Petra Kleinert) rund um die Uhr mit dem Probierlöffel überwacht wird.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Das erinnert alles an selige analoge Zeiten, in denen noch keine Geheimdienste einen online ausspähten und privateste Fotos aus der Cloud regneten. Aber Privatsphäre gibt es auch in Hengasch nicht. Im Landkreis Liebernich weiß auch ohne technischen Schnickschnack jeder, wenn der Nachbar trinkt oder mit wem er ein Verhältnis hat. Doch kommt die traditionelle Dorfschnüffelei, darin besteht ihr zutiefst menschlicher Zug, immer zum selben Ergebnis: So ist er eben, der XY, sein Großvater war genau so, und dem Kleinen merkt man es auch schon an.

          Nur die Kriminaloberkommissarin Sophie Haas (Caroline Peters) macht da nicht mit. Die Kölnerin will nicht bleiben in dem Kaff, in das man sie versetzt hat, kann aber auch nicht gehen. Schon allein deshalb, weil sie gleich zu Beginn der nunmehr dritten Staffel von „Mord mit Aussicht“ mit schlafwandlerischer Sicherheit voraussagt, was auf jedem Fleckchen Hengaschs passieren wird. Sophie Haas ist der personifizierte Stadt-Land-Konflikt; in ihrer Figur verbindet sich eine fast kindliche Direktheit mit einer scheinbar unbewussten Attraktivität. Die Kommissarin ist genervt von den provinziellen Atavismen, die sie umgeben - und könnte doch ohne sie nicht sein. Lieber der Erste in der Provinz als der Zweite in Rom, das haben schon Caesar und Franz Josef Strauß gesagt.

          Lokalkolorit und schillernde Figuren

          Gleich die erste neue Folge zeigt Sophie in einer typischen Situation: auf Verfolgungsjagd im Hochzeitskleid. Ihre déformation professionelle ist ausgerechnet vor dem Jawort durchgeschlagen. Da nämlich stellte sie fest, dass die Standesbeamtin einer gesuchten Juwelendiebin ähnelt, die der Polizistin schon zweimal durch die Lappen gegangen ist. Die Diebin entwischt, und so sitzt Sophie abends ohne Dr. Kauth (Arnd Klawitter), ohne Ehering und ohne Ermittlungserfolg in dem dunklen Forsthaus, das ihr Vater ihr vor seiner Umsiedlung nach Polen großmütig überschrieben hat - ein „alter Kasten in der Pampa“.

          Lokalkolorit, schillernde Figurenkonstellationen und großartiger Slapstick machen „Mord mit Aussicht“ zu einer der besten deutschen Serien. Etwas Vergleichbares haben weder HBO noch die BBC zu bieten, und „Stromberg“ ist dagegen grobmaschig. Doch kann man auch nicht übersehen, dass die neue Staffel gelegentlich schwächelt. Vor allem die alte Detailfreude, die jede Einstellung zum Wimmelbild machte, fehlt immer häufiger. Bjarne Mädel hat für seinen angekündigten Rückzug auch die stetig verkürzte Drehzeit verantwortlich gemacht, und die Serienmacher scheinen eher auf ein größeres Ensemble zu setzen.

          Carmen-Maja Antoni soll als Dietmar Schäffers Mutter für frischen Wind sorgen. Mit dem neuen Bürgermeisterkandidaten, Jan Schulte (Johann von Bülow), betritt ein Provokateur die Bühne. Man wird sehen, was daraus wird. Eines aber stimmt zuversichtlich: Sophie Haas ist auch in der dritten Staffel in bester Form. Man kann nicht oft genug sehen, wie beherzt sie sich immer wieder zwischen die Stühle setzt und mit welch gleichbleibender Verblüffung sie bei Verfolgungsjagden mit dem Sportwagen in der ewigen Schafherde hängenbleibt.

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