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Serie „Tonis Welt“ bei Vox : Die beiden sind gar kein seltsames Paar

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Es zieht sie aufs Land, und davon haben sie dann was: Valerie (Amber Bongard) und Toni (Ivo Kortlang). Bild: Vox

Nach dem „Club der roten Bänder“ bringt Vox die nächste große Jugendserie an den Start: „Tonis Welt“ handelt von einem Asperger-Autisten und einer jungen Frau mit Tourette-Syndrom. Die beiden zeichnet einiges aus.

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          Ein zwanzigjähriger Krankenhaus-Pflegehelfer mit Asperger-Autismus kündigt seinen Job, um mit seiner gerade durchs Abitur gefallenen achtzehnjährigen Freundin mit Tourette-Syndrom in ein pfälzisches Dorf zu ziehen, nachdem die beiden mit dem Erlös einer Modelleisenbahn das vernachlässigte Haus ihrer verstorbenen Oma gekauft haben. Könnte so ein schlechter Witz beginnen?

          Möglich wäre es. In diesem Fall aber ist es der Anfang einer neuen famosen Eigenproduktion des Senders Vox. „Tonis Welt“ ist aber nicht bloß eine mit Liebe zu den Figuren und Wärme der Handlung produzierte, teils lustige, teils skurrile Jugendserie, die genau die Fragen stellt, die die Zielgruppe bewegt – Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo geht es lang? Bin ich gut so, wie ich bin? Wird mich jemand um meiner selbst willen lieben? –, sie ist außerdem noch ein Ableger der vielfach ausgezeichneten allerersten Vox-Serie „Club der roten Bänder“, darf mithin auf eine große, treue Fangemeinde zählen.

          2015 brachte der Sender mit der Krankenhausserie um sechs Jugendliche, die auf der Station der ernsten Fälle zum ersten Mal Freunde finden, einen Überraschungserfolg. „Club der roten Bänder“ kontrastierte Krebs, Koma und schwerste Essstörung mit dem bedingungslosen Zusammenhalt einer Clique mit schmaler Zukunftsperspektive. Die Serie war die eigenständige Adaption des spanischen Originals „Polseres Vermelles“, von den Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf grandios übertragen und mit beeindruckenden jungen Schauspielern besetzt. Jeder von ihnen hat inzwischen seinen Weg gemacht – von ARD bis Netflix sind alle viel beschäftigt.

          Schwieriger Charakter: Armin Rohde als Dr. Schmieta.
          Schwieriger Charakter: Armin Rohde als Dr. Schmieta. : Bild: Vox

          Die Identifikation des Senders war groß. Der damalige Vox-Chef Bernd Reichart war bei Dreharbeiten vor Ort, einige Crewmitglieder ließen sich das rote Krankenhausband ums Handgelenk, das Clubzeichen, als Tattoo stechen. Schon bei den Dreharbeiten zur letzten Staffel 2017 kam Reichart, so erzählen es Kortlang und Bongard, mit der Idee ans Set, Tonis Geschichte weiter zu erzählen.

          Da spielte die Liebe der beiden Besonderen („wir sind anders normal“) in „Club der roten Bänder“ schon eine wichtige Rolle. Nach dem Kinofilm „Wie alles begann“ von 2018 wurde das Vorhaben konkreter. Das heißt, dass Figuren und Besetzung vor den Büchern standen, die Elena Senft schließlich um sie herum schrieb. Bei „Tonis Welt“ gab es keine direkte Vorlage mehr, aber der Geist von „Polseres Vermelles“ blieb. Ein Spirit der Ermutigung, der Verlust und Versehrung einschließt und in Lebenserfahrung übersetzt.

          Gleichzeitig gelingt es Senft und den Regisseuren Felix Ahrens und Felix Binder sowie der gewitzten Bildgestaltung von Thomas Schinz, die neue Serie eigenständig wirken zu lassen. Freundschaft und Beziehungen unter erschwerten Bedingungen sind das Wichtigste. Diversität rückt nicht als Thema und Problem, sondern als Lösung in den Vordergrund. Von „Happy Autismus“ oder „Happy Tourette“ kann trotzdem keine Rede sein. Der Alltag der Hauptfiguren birgt Schwierigkeiten ohne Ende, Pläne scheitern, Komfortzonen und Vorurteile blockieren Entwicklungen.

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