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Serie „Watchmen“ bei Sky : So kompliziert ist Unrecht

„Watchmen“ will zeigen, wie Unrecht sich über Generationen hin fortzeugt. Bild: HBO

Bei Sky startet die Serie „Watchmen“. Sie beruht auf einem legendären Anarcho-Comic. Es geht um Rassismus, den Weltuntergang und den Kampf um Moral. Eine bessere SciFi-Serie gab es lange nicht.

          4 Min.

          Es geht in dieser Show um Unrecht. Dass die Show existiert, ist aber selbst eins. Das macht sie nicht gleich schlecht oder böse. Denn die Verhältnisse sind kompliziert – in der Show wie um sie herum. Der britische Comicautor Alan Moore hat 1986 für den amerikanischen Comic-Verlag DC in Zusammenarbeit mit seinem zeichnenden Landsmann Dave Gibbons zwölf Ausgaben eines Heftes namens „Watchmen“ geschaffen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Darin werden die Vereinigten Staaten von Amerika, damals vorherrschende Macht des Westblocks im Kalten Krieg, im Zerrspiegel ihrer Comic-Übermenschenphantasien neu geträumt. Ihr Kriegswesen zwischen Vietnam und nuklearer Option, ihre Wirtschaftsweise, ihre Geschlechterverhältnisse, ihre verlogene Schmelztiegel-Reklame für angebliche Eintracht zwischen ganz verschiedenen Menschen, ihr Regierungssystem: All das fand sich bei Moore und Gibbons kritisch behandelt mit einem der erfolgreichsten Ausdrucksmittel des damals von Linken vieldiskutierten „amerikanischen Kulturimperialismus“, nämlich der (Bild-)Sprache bunter Superheldenabenteuer.

          Als Kinder hatten Moore und Gibbons das Genre lieben gelernt und machten jetzt eine Waffe draus. Moore ist seither einer der geistreichsten, verrücktesten und lustigsten englischsprachigen Schriftsteller geworden. Mit dem 2016 erschienenen Riesenroman „Jerusalem“ erwies er sich als dämonischer Prosameister, der auch außerhalb des von ihm jahrzehntelang weiterentwickelten Comic-Mediums kaum seinesgleichen hat. Mit großen Comic-Verlagen, mit Hollywood (wo man einige seiner Schöpfungen geschändet hat) und überhaupt der Kulturindustrie will er nichts zu tun haben.

          Die Rechte an dem, was er für sie schuf, gehören ihm nicht. Deshalb gibt es inzwischen eine in Heftform erschienene „Watchmen“-Vorgeschichte („Before Watchmen“ aus dem Jahr 2012), einen durchwachsenen Spielfilm aus dem Jahr 2009 und jetzt eben eine Fernsehserie für HBO, entwickelt von Damon Lindelof. Den kennt man, weil er sowohl bei „Lost“ (2004 bis 2010) wie „The Leftovers“ (2014 bis 2017) leitend tätig war. Alan Moores Name taucht im offiziellen Material zur neuesten „Watchmen“-Produktion nicht auf. Das ist Unrecht, aber ein kleineres als das, von dem der Comic damals nur am Rande handelte; das aber Lindelofs Serie durchtränkt, zuspitzt und bestimmt: der amerikanische Rassismus gegen die Nachfahren der aus Afrika geraubten und versklavten Menschen.

          Eine Welt, in der die Polizei Masken tragen darf (und muss)

          Lindelofs „Watchmen“ beginnt mit dem Massaker von Tulsa, Oklahoma, im Jahr 1921, als der Greenwood District, eine der wenigen Wohlstandsinseln, die Schwarze in den Vereinigten Staaten je erobern konnten, von mörderischen weißen Rassisten verwüstet wurde. Dieses Verbrechen ist außerhalb Amerikas fast unbekannt, gehört aber zu den Fakten, auf die verweisen muss, wer erklären will, warum lange nach der formellen Abschaffung der Sklaverei der Rassismus ein Hauptfaktor wirtschaftlicher und politischer Not in den Vereinigten Staaten bleibt.

          Lindelofs „Watchmen“ will zeigen, wie Unrecht sich über Generationen hin fortzeugt. Die Serie spielt in einer alternativen Gegenwart, in der Robert Redford Präsident ist, ein wenig Entschädigungsgeld für die mit dem Erbe der Benachteiligung Geschlagenen bezahlt wurde und die Polizei Masken tragen darf (und muss), vor allem aber: einer Welt, in der die Ereignisse des „Watchmen“-Comics wirklich stattgefunden haben, damals, in den Achtzigern. Politik ist hier nicht bloß das, was politisches Personal anstellt, sondern auch das, was schon Kinder gegeneinanderhetzt, und sogar etwas, das Kühe kaputtschießt. Eine Szene, bei der dies passiert, inszeniert die Regisseurin und Koproduzentin Nicole Kassel so adrenalinsprudelnd, dass panisches Fleisch fliegt, Angst mit sich selbst kämpft und man denkt: Sieh an, das war’s also, was Quentin Tarantino über all die Jahre wollte: dramatische Gewalt mit dem beißenden Geruch grausiger gesellschaftlicher Wahrheit.

          Ästhetisch bewegt sich „Watchmen“ auf dem mehr als respektablen Niveau, das Lindelofs Arbeit schon mit „The Leftovers“ erreicht hat; die von Stephen Williams und anderen inszenierten Folgen sind vielleicht ein, zwei Salzkörnchen geschmacksärmer als die rundum großartigen der Regisseurin Kassel. Trent Reznor und Atticus Ross, zwei der besten Filmmusikschaffenden unserer Zeit, liefern die Klanguntermalung. Dekorativ historische Popmusik in Rückblenden, von George Michael bis Desmond Dekker & The Aces, beeindruckt als wahre Feinkostauslage. Das Schauspielensemble wurde von Engeln und Weisen zusammengestellt: Regina King duelliert sich bei einem herrlich finsterem Dialog als Rächerin mit der trocken melancholischen Jean Smart in einer Grabkammer; Jeremy Irons hackt pudelnackt in die Schreibmaschinentasten; Don Johnson übersetzt tiefsitzende Ambivalenzen seiner Figur in mysteriöse Lächelblicke. Das alles ist sehr, sehr schön.

          In der Hauptsache, der politisch-tragischen Deutung des Superheldengenres, geht die Sache zwar nicht immer ganz auf, was die Serie aber sogar selbst thematisiert: Einmal wird die Figur, die Don Johnson spielt, nebenbei daran erinnert, dass Weiße nicht über Rassismusrelevantes reden sollten, als wüssten sie aus Eigenerfahrung, was das ist. Der Rechtsgrundsatz „nothing about us without us“, also: bei jeder Darstellung von Unrecht, auch in der Kunst, sollten die, denen es widerfahren ist oder widerfährt, dringend mitreden, ist ebenso vernünftig wie gerecht. Damon Lindelof sollte wissen, dass „Watchmen“ nicht von ihm und Leuten wie ihm handelt. Man wird sehen, ob er es weiß.

          Zurzeit wird viel davon geredet, was Erzählkunst vom Epos über Superheldencomics bis hin zur Nobelpreisliteratur, mit Moral zu tun hat. Alles, sagen manche. Gar nichts, sagen andere. Die Wahrheit ist heikler: Fiktion verhält sich zu Moral wie Wissenschaft zur faktischen Wahrheit. Denn Wissenschaft findet Fakten, korrigiert aber oft auch unsere Ansichten darüber, was Fakten sind und bedeuten. Sie probiert, kann man sagen, Fakten aus. Analog dazu probiert Fiktion Moral aus und hält damit die Auseinandersetzung darüber offen. Ideologien wollen diese Auseinandersetzung mit einem letzten Wort beenden. „Watchmen“ kennt kein solches Ende, weder bei Moore noch bei Lindelof. Seht her, sagt der Comic und sagt die Show: So kompliziert ist Unrecht.

          Watchmen, Montag, 20.15 Uhr, Sky Atlantic

          Regina King spielt in „Watchmen“ Sister Night. Wie so viele Figuren in dieser Geschichte geht sie niemals ohne Maske auf die Straße.

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