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Serie „Watchmen“ bei Sky : So kompliziert ist Unrecht

Lindelofs „Watchmen“ will zeigen, wie Unrecht sich über Generationen hin fortzeugt. Die Serie spielt in einer alternativen Gegenwart, in der Robert Redford Präsident ist, ein wenig Entschädigungsgeld für die mit dem Erbe der Benachteiligung Geschlagenen bezahlt wurde und die Polizei Masken tragen darf (und muss), vor allem aber: einer Welt, in der die Ereignisse des „Watchmen“-Comics wirklich stattgefunden haben, damals, in den Achtzigern. Politik ist hier nicht bloß das, was politisches Personal anstellt, sondern auch das, was schon Kinder gegeneinanderhetzt, und sogar etwas, das Kühe kaputtschießt. Eine Szene, bei der dies passiert, inszeniert die Regisseurin und Koproduzentin Nicole Kassel so adrenalinsprudelnd, dass panisches Fleisch fliegt, Angst mit sich selbst kämpft und man denkt: Sieh an, das war’s also, was Quentin Tarantino über all die Jahre wollte: dramatische Gewalt mit dem beißenden Geruch grausiger gesellschaftlicher Wahrheit.

Ästhetisch bewegt sich „Watchmen“ auf dem mehr als respektablen Niveau, das Lindelofs Arbeit schon mit „The Leftovers“ erreicht hat; die von Stephen Williams und anderen inszenierten Folgen sind vielleicht ein, zwei Salzkörnchen geschmacksärmer als die rundum großartigen der Regisseurin Kassel. Trent Reznor und Atticus Ross, zwei der besten Filmmusikschaffenden unserer Zeit, liefern die Klanguntermalung. Dekorativ historische Popmusik in Rückblenden, von George Michael bis Desmond Dekker & The Aces, beeindruckt als wahre Feinkostauslage. Das Schauspielensemble wurde von Engeln und Weisen zusammengestellt: Regina King duelliert sich bei einem herrlich finsterem Dialog als Rächerin mit der trocken melancholischen Jean Smart in einer Grabkammer; Jeremy Irons hackt pudelnackt in die Schreibmaschinentasten; Don Johnson übersetzt tiefsitzende Ambivalenzen seiner Figur in mysteriöse Lächelblicke. Das alles ist sehr, sehr schön.

In der Hauptsache, der politisch-tragischen Deutung des Superheldengenres, geht die Sache zwar nicht immer ganz auf, was die Serie aber sogar selbst thematisiert: Einmal wird die Figur, die Don Johnson spielt, nebenbei daran erinnert, dass Weiße nicht über Rassismusrelevantes reden sollten, als wüssten sie aus Eigenerfahrung, was das ist. Der Rechtsgrundsatz „nothing about us without us“, also: bei jeder Darstellung von Unrecht, auch in der Kunst, sollten die, denen es widerfahren ist oder widerfährt, dringend mitreden, ist ebenso vernünftig wie gerecht. Damon Lindelof sollte wissen, dass „Watchmen“ nicht von ihm und Leuten wie ihm handelt. Man wird sehen, ob er es weiß.

Zurzeit wird viel davon geredet, was Erzählkunst vom Epos über Superheldencomics bis hin zur Nobelpreisliteratur, mit Moral zu tun hat. Alles, sagen manche. Gar nichts, sagen andere. Die Wahrheit ist heikler: Fiktion verhält sich zu Moral wie Wissenschaft zur faktischen Wahrheit. Denn Wissenschaft findet Fakten, korrigiert aber oft auch unsere Ansichten darüber, was Fakten sind und bedeuten. Sie probiert, kann man sagen, Fakten aus. Analog dazu probiert Fiktion Moral aus und hält damit die Auseinandersetzung darüber offen. Ideologien wollen diese Auseinandersetzung mit einem letzten Wort beenden. „Watchmen“ kennt kein solches Ende, weder bei Moore noch bei Lindelof. Seht her, sagt der Comic und sagt die Show: So kompliziert ist Unrecht.

Watchmen, Montag, 20.15 Uhr, Sky Atlantic

Regina King spielt in „Watchmen“ Sister Night. Wie so viele Figuren in dieser Geschichte geht sie niemals ohne Maske auf die Straße.

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