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„Gilmore Girls“ bei Netflix : Zugleich lebenspraktisch und zutiefst chaotisch

  • -Aktualisiert am

„Ein neues Jahr“: Kelly Bishop als Emily (l.), Lauren Graham als Lorelai und Alexis Bledel als Rory Gilmore Bild: dpa

Die Serie war zwar bekannt und extrem beliebt, aber zum Establishment der guten, hippen, der anspruchsvollen Serien gehörte sie doch nie. Jetzt sind die „Gilmore Girls“ wieder da und selbst ganz aufgeregt.

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          Wenn renommierte Regisseure eine Serie drehen, adeln sie damit Genre und Produktionsfirma. Spätestens wenn Leute wie Woody Allen und Paolo Sorrentino sich dazu herablassen, eine Serie zu drehen, muss man Amazon und Sky als Produzenten ernst nehmen! Wenn dagegen jetzt eine Serie wie „Gilmore Girls“ von Netflix eine Fortsetzung bekommt, funktioniert das genau umgekehrt: Hier adeln die Produzenten die Serie. Eine Serie, die zwar bekannt und (wie die aufgeregten Diskussionen um die Fortsetzung noch mal gezeigt haben) extrem beliebt war, auch über ihr Ende nach sieben Staffeln im Jahr 2007 hinaus - die aber nie so ganz zum Establishment der guten, hippen, der anspruchsvollen Serien gehörte. Der Serien eben, die den Serienhype, das ganze Gerede vom horizontalen Erzählen und Verschlingungsgucken in Gang gesetzt haben. „Gilmore Girls“ war vorher. Damals galt eine durchwachte Seriennacht noch nicht als kulturell wertvoll. Vom „Gilmore Girls“-Gucken erzählte man nie mit dem Stolz einer „Mad Men“-Leidenschaft, „Gilmore Girls“ war immer ein guilty pleasure. Ein großes pleasure, übrigens.

          Und jetzt geht es weiter. In einer sehr lustigen und sehr aussagekräftigen Szene der zweiten der insgesamt vier neuen, anderthalbstündigen Folgen, über deren Inhalt man laut strenger Netflix-Spoilerregeln sowieso überhaupt nichts sagen darf, stehen Lorelai (Lauren Graham) und Rory (Alexis Bledel) irgendwo in New York in einer Schlange. Rory soll darüber schreiben, Lorelai leistet ihr Gesellschaft. Da stehen sie also, Mutter und Tochter Gilmore, inzwischen 32 und 48 Jahre alt, und beobachten die Leute, die da seit Stunden anstehen für den neuesten Cronutcake (eine Mischung aus Croissant und Donut, gibt es tatsächlich), über den sie auf Yelp gelesen haben. Dann geht Lorelai los, um sich einen Kaffee zu holen (die wichtigste Kulturtechnik im Hause Gilmore) - und kommt zurück mit einer Tüte eben jenes sagenumwobenen Gebäcks, für das die Leute seit dem frühen Morgen anstehen. Sie hat ein bisschen mit dem Lieferanten gequatscht, der gerade am Ausladen war, so einfach.

          Immer geht es um Rebellion

          Diese Szene ist zwar ungewöhnlich, weil sie in New York spielt statt in der knuddeligen Kleinstadt Stars Hollow, die als Hauptfigur dieser Serie sonst mindestens so wichtig ist wie Mutter und Tochter. Sie ist aber symptomatisch dafür, dass in den neuen Folgen ein Grundmotiv der Serie erst richtig zum Vorschein kommt: die Parteinahme für das Analoge, das Altmodische, das Provinzielle gegenüber allem demonstrativ Weltläufigen, Karriereorientierten, zu Verkopften oder eben zu Hippen. Und die versteckte Gemeinheit in der Beobachtung derjenigen, die zu möchtegern-weltgewandt, und derjenigen, die zu provinziell sind, die so oft im Lächeln der beiden unterging. Diese versteckte Gemeinheit, auch der Zynismus waren immer das Beste an der Serie. Ein Zynismus, dem die Girls am liebsten mit Unmengen von Kaffee, Chinese Take out Food und alten Filmen begegnen. Eine Art hedonistischer Zynismus, der vorlebt, wie man zugleich harvardverliebt und antikarrieristisch, lebenspraktisch und zutiefst chaotisch sein kann.

          Es geht immer um Rebellion bei den „Gilmore Girls“. Um die Kleinstadt anstelle der Großstadt als Ort dieser Rebellion, um die Provinz als subversives Gegenstück zur demonstrativen Weltläufigkeit der Ostküstenschickeria, wo Lorelai aufgewachsen ist. Und mit 16 Jahren, schwanger mit Rory, nach Stars Hollow floh. Stars Hollow ist die Alternative zu jeder Form von Dünkelhaftigkeit, „Luke’s Diner“ ist ihr warmes, haltgebendes Zentrum. Niemals würde Luke dort Cronuts anbieten, dort gibt es Donuts und Burger. Und falsche W-Lan-Passwörter. Luke will auch nicht expandieren, er will, dass alles so bleibt, wie es ist.

          Immer noch rebellisch, schlau, schön und wundervoll

          Deshalb ist es zwar schön, dass diese Serie endlich die verdiente Würdigung erfährt. Aber es ist auch ein bisschen gefährlich. Wie absurd wäre es deshalb, wenn gerade diese Serie plötzlich hip würde? Was bedeutet es für die „Gilmore Girls“, dass Jimmy Fallon in seiner Late-Night-Show auf einmal stolz von seinem Aufholmarathon der Serie berichtet und seine liebsten Seriencharaktere kürt? Dass eine Schauspielerin wie Melissa McCarthy, die die Köchin Sookie spielt, inzwischen zu den erfolgreichsten Hollywood-Schauspielerinnen überhaupt gehört? Und dass sämtliche Fans nun erwarten, dieses Ende müsse jetzt wirklich perfekt sein, nachdem die letzte Staffel damals ohne ihre Erfinderin Amy Sherman-Palladino auskommen musste?

          Ganz am Anfang wirkt die Fortsetzung tatsächlich etwas angestrengt: Die Serie ist sich ihres Neustarts nach neun Jahren etwas zu bewusst. „Wie lange haben wir uns jetzt nicht gesehen?“, fragt Lorelai ihre inzwischen 32-jährige Tochter in der Anfangsszene. „Feels like years!“

          Auch insgesamt wird die eigene Vergangenheit ein bisschen überbetont, als hätten die beiden selbst zu viel von der Aufregung um ihre Fortsetzung mitbekommen. Als fühlte es sich für sie deshalb selbst noch nicht ganz natürlich an, dort wieder in den alten Kulissen herumzulaufen.

          Trotzdem keine misslungene neue Staffel. In der zweiten Folge haben sich alle schon wieder ganz gut eingelebt, zwei kommen ja noch. Und das Wichtigste, der Wortwitz und all die schön hysterisch vorgebrachten Anspielungen auf Literatur, Film, Musik, Popkultur überhaupt, die sind ja noch da. Hat aber gar keinen Sinn, das jetzt mit Zitaten beweisen zu wollen, wirkt ja sowieso nur mit den Stimmen, mit der Schnelligkeit der Girls so gut. Lorelai und Rory sind immer noch rebellisch, schlau, schön und wundervoll. Nur, dass sie es jetzt eben selbst wissen. Die Gilmore Girls haben ihre Naivität verloren, nicht aber ihren Charme.

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