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BBC-Verfilmung von „Wolf Hall“ : Männer unserer Zeit

Solange er den Bogen nicht überspannt, kann sich Thomas Cromwell (Mark Rylance, rechts) der Gunst Heinrichs VIII. (Damian Lewis) gewiss sein. Bild: Allstar/Bbc Two

Was haben Hilary Mantels Tudor-Romane mit der aktuellen Politik zu tun? War Heinrich VIII. der erste Euro-Skeptiker? In Großbritannien ist durch die BBC-Verfilmung eine Debatte über die historischen Rollen von Thomas Morus und Thomas Cromwell entbrannt.

          8 Min.

          In jedem ehrgeizigen Biographen steckt ein Revisionist. Das gilt auch für Andrew Roberts. Schon der Titel seiner dem Umfang wie der Leistung nach imposanten Napoleon-Biographie posaunt heraus, wo der Autor in dem andauernden Streit um das Vermächtnis seines Gegenstands steht: „Napoleon der Große“. In einer Schlussbetrachtung über die historische Bedeutung begründet der britische Historiker, weshalb der Beiname verdient sei. Dabei greift er den berühmten Satz von Goethe auf, wonach Napoleon sich „in dem Zustand einer fortwährenden Erleuchtung“ befunden habe. Erleuchtung wird im Englischen mit „enlightenment“ (Aufklärung) übersetzt. Napoleon sei „die Aufklärung hoch zu Ross“ gewesen, schwärmt Roberts. Sein frankophiler Ansatz überrascht umso mehr, als er zu den glühenden Verehrern Margaret Thatchers zählt und vor einigen Jahren im Thriller „The Aachen Memorandum“ das Auslöschen der britischen Identität durch die korrupte Bürokratie des europäischen Superstaates beklagt hat.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Bei allem Lob und trotz des bevorstehenden zweihundertsten Jahrestags des britisch-preußischen Siegs bei Waterloo ist die Resonanz auf die neue Napoleon-Biographie jedoch schwach ausgefallen - jedenfalls gemessen an der Aufmerksamkeit, welche die Tudor-Geschichte jetzt wieder durch die sechsteilige BBC-Verfilmung der ersten beiden Teile von Hilary Mantels unvollendeter Roman-Trilogie über den Tudor-Staatsmann Thomas Cromwell findet. Erstaunlich an der Debatte, die Hilary Mantels Bestseller entzündet haben, ist, dass sie auf der Imaginationskraft einer Schriftstellerin beruhen. Dennoch wird über Mantels Deutung der Ereignisse am Hof des launischen Heinrich VIII. gestritten, als hätte sie kein belletristisches, sondern ein revisionistisches Geschichtswerk vorgelegt.

          Haushalt des Thronfolgers

          Mit ihrer Cromwell-Roman-Serie hat Hilary Mantel einen tiefen Nerv getroffen. „Wolf Hall“ (auf Deutsch „Wölfe“), benannt nach dem Sitz der Familie von Heinrichs VIII. dritter Frau Jane Seymour, dem Hilary Mantel den Titel entlieh in Anspielung an die Weisheit „homo homini lupus“ (der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) macht derzeit überall von sich reden. So wird in einer gerade veröffentlichten Biographie über Prinz Charles enthüllt, dass ein Eingeweihter den Haushalt des Thronfolgers aufgrund der dortigen Ränke „Wolf Hall“ nennt. Auf den Modeseiten gibt es Fotostrecken mit den Schauspielern der Serie in höfischen Roben, die Reisebeilagen preisen Rundfahrten auf den Spuren der Tudors an, und in den Meinungsspalten wird Cromwells Staatskunst mit den hohlen Versprechen der konturlosen Politiker von heute verglichen. Allenthalben wird dabei auf Hilary Mantel Bezug genommen.

          War Thomas Morus ein religiöser Fanatiker, wie Hilary Mantel nahelegt, oder ein Held des Gewissens, wie ihn unter anderem Robert Bolt im Stück „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ zeichnete? Anton Lesser in der Rolle des katholischen Märtyrers in der opulenten sechsteiligen BBC-Verfilmung von „Wolf Hall“.
          War Thomas Morus ein religiöser Fanatiker, wie Hilary Mantel nahelegt, oder ein Held des Gewissens, wie ihn unter anderem Robert Bolt im Stück „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ zeichnete? Anton Lesser in der Rolle des katholischen Märtyrers in der opulenten sechsteiligen BBC-Verfilmung von „Wolf Hall“. : Bild: Company Pictures/Playground Ente

          Die Romane und deren Bühnen- und Fernsehbearbeitungen beschäftigen aber auch die akademische Welt. Wer derzeit die Worte „Wolf Hall“ in einem Raum voller Historiker fallenlasse, werde unmittelbar herausfinden, wie die Meinungen über historische Fiktion auseinandergehen, begann Simon Schama einen durch die Diskussion um „Wölfe“ angeregten Aufsatz über die wechselseitige Beziehung zwischen wissenschaftlicher und romanhafter Geschichtsschreibung.

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