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BBC-Serie „Clique“ : Das Grauen der Frauen

Allein im Klub: Holly (Synnove Karlsen, rechts). Bild: Sony

Die BBC-Serie „Clique“ seziert den Scheinfeminismus erfolgshungriger Studentinnen, die in die Falle gehen. Sie werden in einen Frauenbund aufgenommen, der sie nicht fördert, sondern erniedrigt.

          Georgia darf nicht untergehen – darum wirft sich Holly, ihre beste Freundin seit Kindertagen, mit Leib und Leben in den Strudel, der die andere zu verschlingen droht. Dabei schien der Sprung ins kalte Wasser erst bloß Teil eines aufregenden Spiels zu sein. Wer dazugehören will, ob als Mädchen oder junge Frau, sagen vermeintliche Mentorinnen, der muss springen. Der muss die Kontrolle abgeben und sich der fordernden Gruppe überantworten, die einen pusht, immer weiter zum Erfolg.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wer jammere und Missbrauch wittere, wo in Wahrheit nur Wettbewerb herrsche, gehe dem klickratensüchtigen Scheinfeminismus in die Falle, der Frauen schwach halte, predigt die eiskalte Wirtschaftsprofessorin Jude McDermid. „Nicht Sexismus ist das Problem. Ihr seid das Problem“, wütet sie. Und bietet Studienanfängerinnen der Universität Edinburgh eine vermeintlich brillante Alternative auf dem Weg zur Alpha-Frau: heißumkämpfte Praktikumsplätze, die ihre „Solasta Women’s Initiative“ in einer von ihrem Bruder Alistair geleiteten Privatbank vermittelt.

          Die Auserwählten erscheinen neben Durchschnittsvertreterinnen ihrer Alterskohorte, etwa der liebenswert nerdigen Elizabeth (Sorcha Groundsell), wie Wesen von einem anderen Stern: Rachel, Fay, Phoebe und Louise (Rachel Hurd-Wood, Emma Appleton, Ella-Rae Smith, Sophia Brown) könnten der „Vogue“ entstiegen sein. Sie sind schön, schlank, wie Models gekleidet und gestylt. Cool bewegen sie sich zwischen Bankern und Superreichen, werden zu Partys der Einflussreichen chauffiert und bewohnen gemeinsam eine Villa.

          Doch die glänzende Fassade durchbricht jäh ein Riss, als vor Hollys Augen eine der vier Suizid begeht. Bald darauf treibt ein Toter im Fluss. Holly begreift: Georgia – ein unbedarftes Partygirl, das aus unerfindlichen Gründen in den Elitebund aufgenommen wurde – schwebt in Gefahr.

          Hegt einen Verdacht: Synnove Karlsen.

          Schon in ihrer Serie „Skins – Hautnah“ hat sich die britische Drehbuchautorin und Produzentin Jessica Brittain mit den Dramen des Erwachsenwerdens beschäftigt. Ein Jahrzehnt später blickt sie für die BBC mit der Serie „Clique“ in die Abgründe des Studentenlebens heute, und das aus konsequent weiblicher Perspektive. In sechs knapp dreiviertelstündigen Episoden folgen wir ihren Heldinnen durch einen hochstilisierten Zirkel der universitären und wirtschaftlichen Elite, in dem jungen Frauen Ermächtigung nur suggeriert wird, um sie gnadenlos zu missbrauchen und zu erniedrigen.

          Ausgerechnet die Talentiertesten und Strahlendsten erliegen der Verlockung des Teufelspakts, weil Status alles ist und Schein so viel mehr zählt in dieser Welt als Sein. Damit schlägt Jessica Brittain eine interessante Volte in der Diskussion feministischer Positionen im fiktionalen Fernsehen und stellt ihr Werk in eine Reihe mit Serien wie „Handmaid’s Tale“, „Big Little Lies“ und „Sharp Objects“, erinnert aber auch an „The Circle“. Platituden, die man aus High-School-Komödien früherer Tage kennt, verkehrt „Clique“ in bösartige, stachelige Paradoxien. Die Studentinnen konkurrieren wie eh und je um Jungs, sind abwechselnd ein Herz und eine Seele oder intrigieren gegeneinander, belegen Kurse, nur um neben dem Schwarm zu sitzen. Das Leben ist eine endlose Party in heißen Klamotten, mit Musik, Alkohol, Gelegenheitssex und ein paar Drogen.

          Aber das ist nur noch die Oberfläche. Tatsächlich stehen die jungen Frauen unter einem Druck, der sie kaum atmen lässt: Sie sollen sich durchsetzen, möglichst früh möglichst viele prestigeträchtige Praktika absolvieren, einen Topabschluss vorweisen, als Frau perfekt aussehen, sexuell attraktiv sein und sich mit knallharter Kompetenz beruflich durchsetzen – gegen Männer wie Frauen. Der „Solasta“-Frauenbund suggeriert eine Solidarität, die es nicht gibt.

          Gehüllt ist die Geschichte in das Gewand eines mystisch durchwebten Thrillers. Ein Außen gibt es nicht: keine Eltern, keine Geschwister, keine Kontakte jenseits des Campus. In blauem, violettem und rotem Licht treibende Sequenzen kontrastieren mit Schockmomenten voller Blut und ziemlich expliziten Sexszenen. Eine Tote steht Holly, die von Synnøve Karlsen in ihrer ersten Fernsehrolle gespielt wird, geisterhaft vor Augen. Holly ist die Hauptfigur, eine Sympathieträgerin vom ersten Moment an, die Ermittlerin und Identifikationsfigur, aus deren Blickwinkel erzählt wird. Unprätentiös, klug und unbeirrbar in ihrem Willen, Georgia (Aisling Franciosi) nicht aufzugeben, findet sie in Professorin McDermid – dargestellt von Louise Brealey, die in „Sherlock“ die Pathologin gibt – ihre Antagonistin. Und vielleicht in einem jungen Mann einen Verbündeten.

          Gegenlichtlastige Rückblenden, die stückweise Hollys dunkle Vergangenheit preisgeben, Zeitlupen und dramaturgischer Leerlauf, sobald es auf die nächste Party geht, ziehen die Episoden in die Länge. Hohe Schauspielkunst ist gleichfalls nicht gefordert, wenn die Charaktere immerzu Pokergesichter zeigen und vor allem gut aussehen. Trotzdem geht das Konzept der Serie auf. Atmosphärisch dicht – Kamera, Schnitt und Musik sei Dank – mit ausreichend unkonventionellen Wendungen des Plots zieht sie den Zuschauer dahin, wo Georgia zu verschwinden droht: in das Zentrum des Strudels.

          Clique startet läuft im Sony Channel und ist von kommender Woche an in den Mediatheken von Vodafone, Unitymedia, EntertainTV und Prime Video Channels abrufbar.

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